Ehe ist unmöglich

Eigentlich ist die Liebe das am meisten ausgelutschte Thema der Welt. Dem Schriftsteller und Philosophen Alain de Botton gelingt trotzdem ein neuer Blick darauf.

«Wer heiratet, soll realistisch sein»: Alain de Botton.

«Wer heiratet, soll realistisch sein»: Alain de Botton. Bild: Christof Schuerpf/Keystone

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«Ehe: eine zutiefst merkwürdige Lieblosigkeit, die man niemandem antun sollte, der einem viel bedeutet oder den man angeblich liebt», schreibt Alain de Botton in seinem neuen Buch «Der Lauf der Liebe». Darin beschreibt der britisch-schweizerische Autor anhand eines Paares, wie das so ist mit dem Kennenlernen, Verlieben, Heiraten, Kinder kriegen und Affären haben.

Der studierte Philosoph erklärt, warum zwischen den beiden schiefläuft, was eben immer zwischen zwei Menschen schiefläuft - und liefert so einen ungewöhnlichen Blick auf die Liebe. De Botton ist sich sicher: Jeder Partner macht einen früher oder später wahnsinnig. Am besten man gestehe sich das von Anfang an ein. «Wir müssen nicht immer vernünftig sein, damit unsere Beziehungen gut sind; wir müssen nur gelegentlich die Fähigkeit haben, bereitwillig zuzugeben, dass wir in diesem oder jenen Bereich verrückt sind.»

Wer heirate, solle jedenfalls nicht auf ein Gefühl setzen, sondern realistisch sein: «Sich für die Ehe zu entscheiden, ist eher eine Frage, welche Art von Leiden wir aushalten wollen.»

Die Kunst irrt

Ein weiteres Problem sind die Erwartungen, schreibt der 46-Jährige. Alle suchten nach dem vermeintlich perfekten Partner, der einen wortlos versteht und besser kennt, als wir uns selbst. Schuld daran seien all die Filme und Bücher, die stets vermittelten so oder so solle die Liebe sein - dabei sei sie viel banaler und vor allem eben: Arbeit.

«Wir sollten vorsichtig sein, unsere Beziehungen an Erwartungen zu messen, die uns von einem oftmals irreführenden ästhetischen Medium aufgedrängt werden. Der Fehler liegt bei der Kunst, nicht im Leben.»

Wie geht man aber damit um, wenn man seinen Partner am liebsten umbringen würde, weil er andere Ikea-Gläser schön findet als man selbst? An diesem Alltagsirrsinn, den jedes Paar kennen dürfte, verzweifeln jedenfalls De Bottons Protagonisten Kirsten und Rabih.

Vorbild Elternliebe

De Botton, der hinter dem weltweiten Coaching-Angebot «The School of Life» steht, das «kluge Ideen für ein gutes Lebens» geben will, setzt auf Nachsicht. «Wir Erwachsene sollten so miteinander umgehen wie mit unseren Kindern», sagte er jüngst der «Süddeutschen Zeitung».

«Wir sagen zu unserem Kind ja nicht, du willst mich fertigmachen, nein, wir suchen nach weichen, mitfühlenden Erklärungen. Wir sagen unserem Kind nicht, du bist garstig oder intrigant, sondern: Es hat Angst vor etwas, es ist müde. In diesen Erklärungen steckt Liebe.»

De Botton stellt neben die Geschichte von Kirsten und Rabih, die der Leser über mehr als ein Jahrzehnt Ehe begleitet, psychologische Erklärungen für das Verhalten der beiden, so dass sich «Der Lauf der Liebe» eher als Sachbuch oder Beziehungsratgeber denn als Roman liest. Angenehm dabei ist der Ton. De Botton klingt niemals belehrend, sondern ist gutmütiger Beobachter.

«Aufgeklärter romantischer Pessismismus»

Die vielleicht interessanteste Erkenntnis bietet der Schriftsteller beim Thema Affäre, die hier nur ein Ausbruch aus dem Alltag ist, das Spiel mit dem Neuen und vermeintlich Besseren. Aber natürlich ist es nicht besser: «Die einzigen Menschen, die uns normal erscheinen, sind diejenigen, die wir nicht gut kennen. Das beste Mittel gegen die Liebe ist, den Betreffenden besser kennenzulernen.»

«Der Lauf der Liebe» darf somit vor allem als Plädoyer für mehr Rationalität verstanden werden. De Botton betont: «Ein aufgeklärter romantischer Pessimismus geht einfach davon aus, dass ein Mensch nicht alles für einen anderen sein kann.» (Alexandra Stahl/dpa)

Erstellt: 30.08.2016, 12:03 Uhr

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