Im Tessin vergammelt Harald Szeemanns Erbe

Harald Szeemann hat auf dem Monte Verità bei Ascona eine seiner wichtigsten Ausstellungen hinterlassen. Sie ist allerdings schwer sanierungsbedürftig. Doch niemand tut etwas.

Hier verstauben Kunstwerke: Harald Szeemann 1986 auf dem Monte Verità in einem Haus genannt «Elisarium».

Hier verstauben Kunstwerke: Harald Szeemann 1986 auf dem Monte Verità in einem Haus genannt «Elisarium». Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Während des Filmfestivals von Locarno wurde in Anwesenheit der Tessiner Regierung ein Neigezug der SBB «Harald Szeemann» getauft, in Erinnerung an den 2005 verstorbenen, international hoch geschätzten Ausstellungsmacher.

Der Berner, der seit den 70er-Jahren in Tegna im Centovalli lebte, gehört zu den herausragenden Schweizer Kulturschaffenden der letzten Jahrzehnte; er hat nach der Leitung der Kunsthalle Bern, die 1968 in einer Schau mit dem meistzitierten Ausstellungstitel des 20. Jahrhunderts «When Attitudes Become Form» gipfelte, die bis heute gerühmte Documenta 5 (1972) und mehrere Biennalen, darunter jene von Venedig 1999 und 2001, verantwortet. Dem Kunsthaus Zürich hat er als regelmässiger Gastkurator zu weit herum beachteten Ausstellungen verholfen, an der Expo.02 sahen viele seine Schau zum Thema Geld.

Monte Verità: Berg der Spinner

Doch während der ICN durchs Land rollt, vergammelt auf dem Monte Verità bei Ascona die einzige grössere erhaltene Ausstellung von Szeemann.

Dies ist umso erstaunlicher, als ihr Thema just die Geschichte des kulturell enorm fruchtbaren Hügels bei Ascona ist. Szeemann hat sie in exemplarischer Weise aufgearbeitet. Der «Berg der Wahrheit» war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein Eldorado für Revolutionäre und Utopisten aller Couleur, für Avantgarde-Künstler (unter ihnen Alexej Jawlensky, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp, Paul Klee, Marianne Werefkin) wie Literaten – Hugo Ball, Erich Maria Remarque, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse etwa.

Die parkartige Freiluftkolonie mit Sanatorium, die nach Erwerb des Terrains durch den Antwerpener Henri Oedenkoven, Ida Hofman und andere ab 1900 entstand, verschaffte dem Monte Verità bei den damals noch mausarmen, touristisch unverbildeten Tessinern das Image eines Bergs der Spinner, mit dem sie nichts zu tun hatten. Als der Park 1926 erneut zum Verkauf stand, erwarb ihn ein deutscher Bankier für 160'000 Franken (heute gut eine Million): Baron Eduard von der Heydt (1882-1964), bedeutender Kunstsammler. Schon 1928 liess er auf dem Monte vom Bauhaus-Architekten Emil Fahrenkamp ein Hotel errichten.

Berg und Kunst als Geschenk fürs Tessin

Nach dem Krieg wurde er in der Schweiz eingebürgert; später kam er aber wegen seiner inzwischen erwiesenen Finanzdienstleistungen für die Nazis unter Beschuss. Er schenkte 1956 den Berg samt Kunst dem Kanton Tessin mit der Auflage, dort ein Kulturzentrum mit internationaler Ausstrahlung einzurichten. Doch lange Jahre gab es nur einen immer unrentableren Hotelbetrieb. Ein Neubeginn wurde 1989 versucht. Seither nutzt die ETH Zürich den Monte als Seminarzentrum. Doch die lokale Bevölkerung blieb aussen vor. Um dies zu ändern, versucht die neue Leitung der 1989 gegründeten Stiftung Monte Verità, in der die ETH Zürich, der Kanton Tessin und die Stadt Ascona federführend sind, den Berg mit einem Kulturprogramm zu beleben. Das gelingt dem Vernehmen nach ganz gut. Nur: internationale Ausstrahlung ist dann doch etwas anderes.

Harald Szeemanns Interesse für den Monte wurde 1972 im Zuge der Vorbereitung seiner Documenta 5 durch seine spätere Frau, die Künstlerin Ingeborg Lüscher, geweckt. Während einiger Jahre trug Szeemann mit der ihm eigenen obsessiven Neugierde europaweit Dokumente und Kunstwerke zusammen – er spürte sogar in Rumänien Gemälde auf –, um den kulturellen und geistigen Hintergrund des Monte Verità auszuleuchten.

Szeeman zahlte Sanierung selber

Die so entstandene Ausstellung «Monte Verità – Die Brüste der Wahrheit», 1978 zuerst in Ascona, dann in Zürich, Berlin, Wien und München gezeigt, gehört wie die «Junggesellenmaschinen» zu Szeemanns legendär originellen Ausstellungen. Statt Meisterwerke zu feiern, zeigten sie Kunst im Kontext ihrer Entstehungsprozesse; Szeemanns eigenwillige Fragestellungen und Mixturen wie auch sein empathischer Umgang mit der Kunst machten seine Arbeit einmalig.

Die Sanierung vor allem des Dachs der 1904 gebauten Casa Anatta, einem der wenigen noch bestehenden, im Übrigen architekturhistorisch höchst interessanten Häuser der Kolonie durch Architekt Christoph Zürcher bezahlte Harald Szeemann 1981 aus eigener Tasche. Er installierte im Gebäude eine Dauerpräsentation der «Monte Verità»-Schau. Die Idee, im so genannten «Russenhaus» daneben das zugehörige Archiv zugänglich zu halten, liess sich damals nicht realisieren.

Szeemann brachte auch dass grosse Rundbild des Monte-Verità-Künstlers Elisar von Kupffer aus dem Gemeindehaus von Minusio, das umgebaut wurde, als Teil seiner Ausstellung auf den Monte; dafür wurde ein derzeit auf Anfrage zugänglicher Holzpavillon errichtet, der in schäbigem Zustand ist und als Gerümpelkammer dient. Pläne für einen Skulpturenpark – für den Szeemann schon Joseph Beuys und Mario Merz gewonnen hatte – scheiterten. Leider.

Die Ausstellung ist kaum bekannt

Dass selbst in Kunstkreisen nur wenige von der Existenz dieses Szeemann-Vermächtnisses wissen, hat wohl einen Grund: Die Casa Anatta ist in beschämendem Zustand. Das Dach ist undicht, die Wasserschäden sind unübersehbar. Überall blättert die Farbe, Wasser und Insekten haben Spuren auf den Dokumenten und Exponaten, darunter Kleidern der Tanz-Reformerinnen, hinterlassen. Zum Glück ist der Schaden nicht ganz irreparabel, da viele Exponate Reproduktionen sind.

Szeemann hatte sich immer wieder um den Erhalt der Ausstellung bemüht. Er leitete 2002 den Verkauf der Ausstellung und des umfangreichen zugehörigen Archivs an die Stiftung Monte Verità in die Wege. Die Erben vollzogen ihn. Der Vertrag sieht vor, dass der Bestand gepflegt und die Ausstellung erhalten wird. Warum dann die desolate Lage? Zumal ein Besuch zeigt, dass für anderes – etwa die Eventbühne im ehemaligen Freibad, eine Teeplantage oder ein ästhetisch fragwürdiges Teehaus und anderes – Geld da war.

ETH Zürich: Wichtiger Dauergast

Der zuständige Tessiner Regierungsrat Gabriele Gendotti (FDP), zugleich Präsident der Stiftung, stellt auf Anfrage klar, dass der Kanton zwar bezüglich Monte Verità das Sagen habe, der Berg aber der Fondazione gehöre. Diese Fondazione habe immer wieder finanzielle Schwierigkeiten gehabt. Seit 2004 schreibe sie unter Direktor Claudio Rossetti, zuvor Leiter des Verkehrshauses Luzern, schwarze Zahlen. Dies sei positiv. Es sei auch viel gemacht worden. So habe man wichtige Infrastrukturmassnahmen rund ums Hotel durchgeführt. Denn die Stiftung könne nur überleben, wenn das Hotel funktioniere. Dieses wiederum sei auf die ETH als Dauergast angewiesen. Durch die Eventbühne, die Publikum auch vor Ort anziehe, sei ein vordringliches Ziel realisiert worden: Der Monte «lebe wieder».

Gendotti ist sich bewusst, dass noch viel zu tun ist. Um den kläglichen Zustand der Casa Anatta wisse man; der Wille, Szeemanns Vermächtnis, das man mit Subventionen von Bund und Kanton gekauft habe, auch zu erhalten, sei da. Hingegen fehle das Geld. Gendotti verspricht, dass das Dach der Casa Anatta demnächst gesichert werde, um weiteren Schaden zu verhindern. Die nötigen 34 Millionen Franken für die Gesamtsanierung seien aber noch nicht ganz zusammen. «Szeemanns Familie meint, man könne das billiger machen», so Gendotti. Doch das sei ein Irrtum, wenn man es richtig machen wolle. Die Ausstellung sei fotografisch dokumentiert und soll nach der Sanierung wieder im Originalzustand gezeigt werden. Gendotti weiss um den Rang Szeemanns und seines Werkes. «Ich schätzte ihn sehr, und das Bewusstsein für das Erbe ist da.»

Nur Versprechen - keine Taten

Claudio Rossetti, Direktor der Fondazione, deren Jahresbudget rund 3 Millionen Franken beträgt, antwortet auf die Frage, warum man erst das Teehaus umgebaut habe, statt die Casa Anatta zu sanieren: «Ersteres kostete 400000 Franken, die Sanierung der Casa Anatta über 3 Millionen.» Die Eventbühne im Freibad habe man eingerichtet, weil dieses ohnehin erst von 1960 sei. Eine Wiederinbetriebnahme wäre zu teuer und unzweckmässig, da der Park öffentlich sei. Rossetti bestätigt, dass die Renovation der Casa Anatta sowie des Russenhauses bevorstünde. Im Russenhaus soll gar eine thematische Ausstellung zu Szeemanns Wirken inszeniert werden; die bisherige Inszenierung seiner Schau solle, wie vertraglich fixiert, zehn Jahre ab Neueröffnung erhalten bleiben. Über die Zukunft des «Elisarion», das Minusio gehöre, werde vom dortigen Gemeinderat entschieden. Die Casa Anatta habe man aus Respekt für Szeemann trotz ihres Zustands zugänglich gehalten.

Alles in Butter also? Ingeborg Lüscher, Vertreterin der Erbengemeinschaft Szeemann, ist aus Erfahrung skeptisch: «Wir hören diese Beteuerungen von den Herren Gendotti und Rossetti seit 2005, getan hat sich nie etwas.» Tatsächlich wäre es skandalös, wenn eine Rettungsaktion ausgerechnet in der reichen Schweiz scheitert, zumal schon grosse deutsche Zeitungen die unfassbare Verluderung von Szeemanns Erbe angeprangert haben.

Zu hoffen ist auch, dass der Umgang mit Szeemanns Erbe höchsten Anforderungen entspricht. Von weiteren Ideen, etwa einem Zentrum für Curatorial Studies, das dann tatsächlich auch internationale Anziehungskraft hätte, träumt man unter den gegebenen Voraussetzungen besser nur. Dabei gäbe es mit Szeemanns Archiv in Maggia (siehe Box) ideale Grundlagen dafür. Direktor Rossetti verspricht, die renovierte Casa Anatta werde 2010 eröffnet. Wir schauen dann gerne mal wieder rein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2008, 10:10 Uhr

Blogs

Michèle & Friends Drogen konsumieren für Fortgeschrittene

Sweet Home Kleine Feste auf die Schnelle

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...