Irren auf höchstem Niveau

Frank Schirrmacher war ein grosser Journalist mit einem untrüglichen Gespür dafür, was das deutsche Bildungsbürgertum bewegte. Dennoch lag er in den bedeutenden Fragen unserer Zeit nicht immer richtig

Dominator deutscher Debatten: Frank Schirrmacher, hier an einem Vortrag in Wien, verstarb im Alter von 54 Jahren.

Dominator deutscher Debatten: Frank Schirrmacher, hier an einem Vortrag in Wien, verstarb im Alter von 54 Jahren. Bild: Keystone

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Frank Schirrmacher, der für das Feuilleton zuständige Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», am Donnerstag letzter Woche im Alter von nur 54 Jahren verstorben, wuchs als Sohn eines Beamten in Wiesbaden auf. Ein wenig distanziert, doch keinesfalls unfreundlich, so beschrieb er das Verhältnis zwischen sich und seinem Vater vor Jahren gegenüber der Fotografin Herlinde Koelbl. Schirrmacher senior war kein Intellektueller, doch liess er seinem Sohn jede Freiheit, seinen Passionen nachzugehen.

Es muss eine behütete, alles andere als aussergewöhnliche Kindheit und Jugend gewesen sein, ja man meint, ein Reihenhaus vor dem inneren Auge zu sehen, irgendwo im bundesrepublikanischen Herzland zwischen Mainz, Frankfurt und Heidelberg, vielleicht kein Idyll, doch eine fest gefügte, in sich ruhende Welt, ein Ort der Sicherheit und der Ordnung. Am Horizont dräute der Kalte Krieg; Nachrüstungsdebatte, Pershing-Raketen und Ostermärsche, auf denen die atomare Apokalypse an die Wand gemalt wurde – und doch erlebte das westdeutsche Bürgertum eine Phase des Friedens und der Prosperität, wie es sie nie zuvor in der deutschen Geschichte gegeben hatte.

Nun mag mancher Einwände erheben und fragen, was all das mit Schirrmachers Werk und seiner intellektuellen Bedeutung zu tun habe. Doch hätte Thomas Mann jemals die «Buddenbrooks» schreiben können, wäre er als Sohn eines Hausbesorgers im 21. Wiener Gemeindebezirk geboren worden? Schirrmachers Herkunft machte ihn zu dem, der er war. Wie keinem Zweiten gelang es ihm denn auch, im bürgerlichen Publikum Saiten zum Schwingen zu bringen. Eben darin lag sein Genie, aber, wie wir noch sehen werden, auch seine Begrenzung.

Ein Frühvollendeter

Schirrmachers Aufstieg ist ohne Beispiel im deutschen Journalismus: Gerade einmal 24 war er, als sein Lehrer, der Heidelberger Politologe Dolf Stern­berger, ihn dem damaligen FAZ-Herausgeber Joachim Fest empfahl. Nur ein Jahr später erfolgte der Eintritt in die Feuilleton-Redaktion des Blattes, das gemeinhin als Deutschlands bedeutendste seriöse Tageszeitung betrachtet wird. Ein Jüngling fand Aufnahme in den Geistesadel der Bundesrepublik.

Schirrmacher, der Frühvollendete: Liest man seine frühen Texte, ist eigentlich schon alles da, was ihn am Ende ausmachte: ein Schreibstil, getrieben von allerhöchster Dringlichkeit, mit den Jahren zunehmend unheilsschwanger. Auf den Gängen der Redaktion habe der nicht einmal 30-Jährige schon bald «Konversation wie ein alter Hase» betrieben, erinnert sich Mathias Döpfner, damals FAZ-Musikkritiker und heute CEO des Axel-Springer-Konzerns.

30 Jahre alt war Schirrmacher, als er Marcel Reich-Ranicki als Literaturchef nachfolgte; vier Jahre später war er einer von fünf Herausgebern der FAZ, der jüngste in der Geschichte des Blattes. In der Hierarchie der Zeitung, die traditionellerweise keinen Chefredaktor beschäftigt, war Schirrmacher damit ganz oben angekommen.

Dass solch ein Aufstieg Neider auf den Plan ruft, ist nicht zu vermeiden. Einmal versuchte der Spiegel, Schirr­macher zu fällen: Dass er seine Dissertation zuvor bereits in weiten Teilen veröffentlicht hatte, machte ihm das Magazin zum Vorwurf. Ausserdem habe er einiges aus einer Abschlussarbeit übernommen, die er Jahre zuvor eingereicht habe. Das böse Wort vom «biografischen Künstler» («taz») machte die Runde. Der Journalist Klaus Harpprecht verglich Schirrmacher gar mit Felix Krull, dem begabten Hochstapler aus Thomas Manns Roman. Anhaben konnte all das dem Götterliebling nichts, ja es schien, als begreife die Öffentlichkeit instinktiv, dass Pedanterie die letzte Zuflucht der Mittelmässigen darstellt.

Kein Bock auf Habermas

In jungen Jahren galt Schirrmacher als Konservativer. Eine «Rebellion gegen die grossen Brüder» habe er damals angestrebt, vertraute er Herlinde Koelbl an, worunter er den Widerspruch gegen Lehrer, Universitätsdozenten und ältere Kollegen meinte – und auch gegen den damals herrschenden Zeitgeist. «Man hatte keine Lust, in der Germanistik die Zwischenprüfung über Habermas zu machen, sondern interessierte sich für Thomas Mann», erinnerte er sich, als er bereits FAZ-Literaturchef war.

Als der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl 1993 zusammen mit dem französischen Präsidenten François Mitterrand den greisen Ernst Jünger im oberschwäbischen Wilflingen besuchte, war Schirrmacher mit dabei. Jünger, damals 98, hatte in beiden Weltkriegen gekämpft und diese in sprachlichen Bildern von irritierender Schönheit geschildert. Als «Wegbereiter und eiskalten Genüssling des Barbarismus» kanzelte Thomas Mann ihn ab.

Zu den Nazis hatte Jünger zwar stets Distanz gewahrt, doch für den durchschnittlichen deutschen Kulturbetriebsmenschen der 1990er-Jahre stand er weit rechts von allem, was noch als schicklich galt. Ein Besuch im Wilflinger Forsthaus war ein aufsehenerregendes Statement, das wusste Kohl und das musste auch Schirrmacher wissen.

Wie Federer vor Nadals Durchbruch

Als Dominator deutscher Debatten befand sich Schirrmacher bald in ähnlicher Lage wie Roger Federer vor dem Durchbruch Rafael Nadals: Es fehlte ihm an valablen Gegnern. Ob Rechtschreibreform, Martin Walsers angeblicher Anti­semitismus oder Günter Grass’ Mitgliedschaft in der Waffen-SS – man könnte das «Stakkato der Coups» (Thierry Chervel) bis an die Grenze zur Unendlichkeit weiterführen. Manches war feuilletonistische Onanie, etwa der Abdruck des menschlichen Genoms – sechs Zeitungsseiten Buchstabensalat, der dem Laien unverständlich bleiben musste – doch im Mittelpunkt des Interesses stand Schirrmacher immer.

Wie er sich seine unangefochtene Stellung letztlich erarbeitete, ist nicht leicht zu sagen. Das Rudelverhalten der Kollegen, die sich auf sein jeweils neuestes Elaborat stürzten, mag eine Rolle gespielt haben, ebenso natürlich das Prestige seiner Zeitung.

Dennoch, all diese äusseren Gegebenheiten erklären seinen Erfolg nur teilweise, und die entscheidenden Voraussetzungen wurden nirgendwo anders gelegt als zwischen Schirrmachers Schläfen. Womit wir am Anfang wären, zurück in Wiesbaden. Schirrmacher, der dem deutschen Mittelstand entstammte, verstand die Deutschen und ihre Sorgen, er spürte die Angst des deutschen Bildungsbürgertums, das sich angesichts der umwälzenden Veränderungen, die am Ende des 20. Jahrhunderts eintraten, vom Abstieg bedroht fühlte.

In den düstersten Farben

Am Beginn des 21. Jahrhunderts sah die Welt von Deutschland aus betrachtet auf einmal sehr unübersichtlich aus. Schirrmacher, das ist das Paradoxe an seiner Karriere, war dem Neuen auf den Fersen wie nur sehr wenige im deutschsprachigen Journalismus, gleichzeitig zeichnete er es aber auch in den düstersten Farben. «Katastrophen werden noch kommen», raunte er. Im Internet sah er zuerst und vor allem ein Gesundheitsrisiko, ein Instrument, das den Menschen zappelig mache und ihm das Gehirn zermansche. Konzerne wie Google betrachtete er als potenziell hochgefährliche Datenkraken.

Mit der Zeit nahm seine Obsession geradezu manische Züge an. «Im Leit­artikel der FAZ ruft Frank Schirrmacher wie jeden Samstag dazu auf, die digitale Revolution nicht allein der Mathematik und den Internetkonzernen aus dem Silicon Valley zu überlassen, sondern politisch und gesellschaftlich zu verhandeln», stöhnte die Onlinezeitung «Perlentaucher» noch wenige Wochen vor seinem Tod.

Problematisch daran war, dass ausgerechnet der Herausgeber einer Zeitung als Kritiker des World Wide Web auftrat, einer also, der befürchten musste, dass seine eigene Branche Deutungshoheit und ökonomische Grundlage verlieren könnte und damit selbst Partei war. Dass Schirrmacher in der Debatte in seinem Blatt geschickt Autoren in Stellung brachte, die ähnliche Interessen hatten, allen voran Springer-Chef Döpfner, fügte sich in dieses Bild. Manche Beobachter ätzten denn auch, der FAZ-Herausgeber sei eigentlich erst um die Jahrtausendwende mit dem Ende des New-Economy-Booms zum Pessimisten geworden, als die Stellenmärkte der überregionalen Blätter, die gerade noch zu monströser Grösse angeschwollen waren, angesichts der Konkurrenz des Internets begannen dünner und dünner zu werden.

Links weil konservativ

Schirrmacher, der frühere Kohl-­Bewunderer, sei ein Linker geworden, wurde nun immer häufiger konstatiert. Völlig falsch war das nicht – und doch war er auch ein Konservativer geblieben, ja vielleicht war es gerade sein Konservatismus, der ihn nach links rücken liess. «Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat», schrieb er im August 2011, als die Welt noch an der grossen Finanzkrise laborierte.

Er berief sich dabei auf Charles Moore, den konservativen britischen Publizisten und Thatcher-Biografen. Der Westen habe «ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie» hinter sich, beklagte Schirrmacher. Gleichzeitig wälzten Grossbanken ihre Verluste auf den Steuerzahler ab, und «das grosse Versprechen an individuellen Lebensmöglichkeiten» habe sich in sein Gegenteil verkehrt, was sich darin zeige, dass die Chancen auf einen Job, ein eigenes Haus, eine anständige Pension und einen guten Start für die Kinder für den Normalbürger immer kleiner würden. Auch hier trat Schirrmacher als Verteidiger des deutschen Bürgertums auf, etwa wenn er eine «Deklassierung geistiger Arbeit» sowie «die schleichende Zerstörung der deutschen Universität» konstatierte.

Den Staat schonte er

In allen Punkten falsch lag er mit seiner kapitalismuskritischen Analyse nicht, und doch wurden hier die Begrenzungen sichtbar, denen sein Denken unterlag. Während Moore als eine der Ursachen der Krise auch die europäische Einheitswährung erwähnte, die vor allem dem Süden Europas wirtschaftlich zu schaffen mache, liess Schirrmacher diesen Aspekt genauso ausser Acht wie die gigantischen Schuldenberge, welche die Staaten über die Jahrzehnte angehäuft hatten. Der Staat war für den Beamtensohn aus Wiesbaden unschuldig. Wenn er seine Repräsentanten doch einmal kritisierte, dann dafür, dass sie nicht energisch genug ins Spiel der Kräfte eingreifen («Frau Schavan ist inexistent»).

Ob Internet oder Kapitalismus, Schirrmacher registrierte das Unbehagen seiner Landsleute an der postmodernen Welt wie ein Seismograf und goss es in Worte. Sein untrügliches Gespür machte ihn zu einem grossen Journalisten, auch wenn man daran zweifeln kann, ob seine Kollegen ihm mit der posthumen Überhöhung seiner Person einen Gefallen tun: «Ein sehr grosser Geist» sei er gewesen, schreibt sein Kollege Edo Reents in der FAZ, sodass man sich unwillkürlich fragt, ob das Wort «sehr» nicht das Gegenteil dessen bewirkt, was es bewirken soll. Der frühere «Spiegel»-Chefredaktor Stefan Aust wiederum behauptet allen Ernstes, Schirrmacher sei «kein Journalist» gewesen, sondern «ein Geist, der die Welt reflektierte», ganz so, als müsse er den Verstorbenen vor der Zumutung in Schutz nehmen, dem eigenen, von Selbstzweifeln geplagten und wenig angesehenen Berufsstand anzugehören.

Zustimmung von links bis rechts

Am Ende seines Lebens hatte Schirrmacher, der Vielbeneidete, scheinbar keine Feinde mehr, jedenfalls keine, die sich in der Öffentlichkeit entsprechend geäussert hätten. Politiker von links bis rechts lobten ihn einhellig, ja es schien so, als sei er dem deutschen Bildungsbürgertum zu einer Art Hausfreund geworden, von dem man sich wohlig schaudernd den Teufel an die Wand malen liess.

Was wird von Frank Schirrmacher bleiben? Er selbst war in dieser Hinsicht eher pessimistisch: «Es gibt keinen Applaus, kein Résumé», schrieb er zehn Jahre vor seinem Tod. «Es gibt die An­erkennung nicht, die unsere Eltern uns eingeredet haben und der wir hinterherlaufen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.06.2014, 09:21 Uhr

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