Skulptur in Bewegung

Installationen, Performances, Filme und Zeichnungen: Zur grossartigen Bruce-Nauman-Ausstellung - heute öffentliche Vernissage im Schaulager.

Prismatisch zersplitterte Gehversuche. Ein Ausstellungsstück der «Disappearing Acts».

Prismatisch zersplitterte Gehversuche. Ein Ausstellungsstück der «Disappearing Acts». Bild: © Bruce Nauman / 2018, ProLitteris

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In seiner technischen Simplizität ist das Plakat mit den vier Worten «Make Me Think Me» für den Konzeptkünstler Bruce Nauman untypisch. In seinem performativen Gehalt führt es aber mitten hinein in das Werk des 1941 in Indiana geborenen Amerikaners. Nauman, der zuerst in Madison, Wisconsin, Mathematik, Physik und Musik studierte, liess sich in den Sechzigerjahren im nördlich von San Francisco gelegenen Davis zum Bildhauer ausbilden. Seit Jahrzehnten schon lebt er im Staate New Mexico auf einer Farm und mischt also bäuerliches Leben mit künstlerischem Schaffen.

«Make Me Think Me» ist so etwas wie eine Gebrauchsanweisung für die von Nauman produzierte Kunst. Wer zum Denken angeregt werden will, mehr noch, wer über sich selbst denken will, der ist für Nauman wohl so etwas wie der ideale Kunstrezipient. Wobei das Denken, zu dem diese Kunst anregt, nicht auf das Gehirn oder den Kopf beschränkt ist, sondern den ganzen Körper mit einbezieht.

Werke wirken wie Spiegel

Zu diesem Schluss gelangt, wer dem Kunstkritiker des Guardian, Adrian Searle, zuschaut, wie er eine Ausstellung mit Kunst von Bruce Nauman bespricht. In einem Video, das im Internet aufgeschaltet ist, geht Searle von Werk zu Werk. Während er eins ums andere in kurzen Worten beschreibt, ahmt er die Bewegungen nach, die in diesem Werk enthalten sind, von diesem vorgeführt oder provoziert werden. Viele Werke Naumans sind wie Spiegel, die den Betrachter zu einer Art beschwingter Mimikry animieren, sodass man sich unversehens als Tänzer, Schauspieler oder auch nur in der Rolle des etwas verschämt seine Knochen mobilisierenden Mimen wiedersieht.

Vor diesem Hintergrund ist eine relativ unscheinbare Arbeit in der neuen Ausstellung im Schaulager geradezu paradigmatisch. In dem Video «Elke Allowing the Floor to Rise Up Over Her, Face Up» (1973) filmt Nauman eine Schauspielerin, die am Boden liegend sich mit aller Kraft vorstellen soll zu versinken, beziehungsweise vom Boden verschluckt zu werden. Ein Prozess, der sich ganz in der Einbildungskraft abspielt.

Die Kunsthistorikerin Isabel Friedli, die mit Heidi Naef zusammen die Ausstellung in Münchenstein kuratierte, weist in Zusammenhang mit diesem Video darauf hin, dass sich Bruce Nauman einige Jahre mit Theorie und Praxis der Gestalttherapie beschäftigt habe. Diese Form der Psychotherapie macht sich die Erkenntnis zunutze, dass körperliche Aktivitäten geistige und psychische Prozesse beeinflussen können und umgekehrt.

Furie des Verschwindens

Mit der Gestalt der in den Boden versinkenden Frau sind wir auch schon beim Titel der Ausstellung angelangt, der von «Disappearing Acts» spricht. Laut Kathy Halbreich sind sie ein Charakteristikum von Bruce Naumans Kunst. Halbreich, eine ausgewiesene Spezialistin, hat 1994 eine grosse Nauman-Retrospektive im Museum of Modern Art verantwortet, die dann auch in den USA auf Tournee ging.

Im Auftrag von Maja Oeri, der Präsidentin des Schaulagers, und Glenn D. Lowry, dem Direktor des Museum of Modern Art, hat sie diese gigantische Ausstellung auf über 4000 Quadratmetern, die in jeder Hinsicht – anders wären wir es vom Schaulager auch nicht gewohnt – Massstäbe setzt, geleitet, überwacht, mitgestaltet und supervisioniert. Und sie bürgt, was wohl das Wichtigste ist für eine Retrospektive, mit ihrem Namen dafür, dass bei diesem Joint-Venture zwischen Münchenstein und New York ein erstklassiges Resultat programmiert ist. Im Museum of Modern Art wird die Schau im Herbst gezeigt.

Verschwinden als Kampf gegen Ängste

Die «Disappearing Acts» von Nauman werden laut Halbreich «beispielsweise in Leerstellen sichtbar, die der Grösse von Körperteilen entsprechen, im Raum unter einem Stuhl, im Selbst, das gerade um eine Ecke verschwindet, in den nächtlichen Vorgängen im Atelier oder in den geistigen Blockaden, welche die Fähigkeit zu kreativem Schaffen unterminieren. Das Verschwinden ist also ein reales Phänomen und zugleich eine wunderbar weit gefasste Metapher für den Kampf gegen die mit dem kreativen Prozess, aber auch mit unserer Orientierung im Alltagsleben verbundenen Ängste.»

Beim Gang durch die Ausstellung erweist sich die Idee des Verschwindens als roter Faden, mit dem manche Werke sich entschlüsseln lassen. Die skulpturale Arbeit «Venice Fountains» aus dem Jahre 2007 etwa besteht aus zwei Waschbecken und zwei leeren Masken, die Nauman von seinem Gesicht gemacht hat. Masken und Becken sind mit durchsichtigen Plastikschläuchen verbunden, durch die Wasser fliesst, das uns von einer nicht näher definierten Beziehung zwischen dem abwesenden Künstler und den Waschbecken erzählt. Es liegt nahe, dass es hierbei um Sauberkeit, Selbsterfahrung, aber auch um den kreativen Quell künstlerischen Tuns geht. Da der Künstler aber nur die dreidimensionalen Negative seines Gesichts zurückgelassen hat, bleibt nicht nur fraglich, ob die Waschhandlungen überhaupt stattgefunden haben, nein, die ganze Spielanlage bekommt etwas Ironisches, das von der Vergeblichkeit menschlichen Tuns berichtet.

Standbein und Spielbein

Die Schau bringt alle Werkgruppen Naumans zusammen, Skulpturen, Installationen, Neonarbeiten, Zeichnungen, Fotografien, Performances und Filme. Immer wieder geht es um das Wiederkehrende, das Zirkuläre unserer Handlungen. Man denke an die berühmten Neonarbeiten, die in der plakativen Sprache der Reklame die Übersexualisierung unserer Gesellschaft aufs Korn nehmen. Oder an die nicht weniger berühmten Korridore, bei deren Betreten den Besucher klaustrophobische Gefühle befallen.

Bei den jüngsten Arbeiten von Nauman geht es aber weniger um Hegels Furie des Verschwindens, auf die «Disappearing Acts» natürlich auch anspielt, als um eine ganz grundsätzliche Versicherung der eigenen Existenz. Dabei bedient sich der Künstler der Unterscheidung von Standbein und Spielbein, wie sie in der antiken Skulptur allgegenwärtig ist. Er dynamisiert den sogenannten Contrapposto und bewegt sich langsamen Schrittes, sodass das Becken von einer Seite zur anderen kippt. Erstmals hat Nauman das 1968 in einer Performance vorgeführt.

In den Jahren 2015 und 2016 hat er den Faden nochmals aufgenommen und eine gigantische, siebenteilige Filmarbeit vorgelegt, die ihn selbst in Jeans und weissem T-Shirt zeigt, wie er die Arme hinter dem Kopf verschränkt und wie eine bewegliche Statue das Becken hin- und herkippend eine kurze Strecke geht, sich dreht und wieder zurückkehrt. Auf dieser Grundhandlung basieren die Filme, in denen das Bild mit horizontalen Schnitten zerstückelt und das Filmmaterial zeitlich verschoben so projiziert wird, dass sich die Körperteile verselbstständigen.

«Contrapposto Studies» ist eine moderne Auseinandersetzung mit der antiken Skulptur, die sowohl das Fragmentierte als auch das Dynamische menschlicher Existenz in den Blick bekommt und einen durch und durch entspannten, auch etwas verschmitzten Künstler bei einer meditativen Performance zeigt, die durchaus zum Nachahmen animiert. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.03.2018, 12:15 Uhr

Öffentliche Vernissage

Die gross angelegte Retrospektive „Bruce Nauman: Disappearing Acts“ im Schaulager in Münchenstein wird heute feierlich eröffnet. Die Vernissage beginnt ab 17.30 und ist öffentlich. Bruce Nauman gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart.

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