«Das ist ein Schlag ins Gesicht»

Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich, hält die Idee, in Vals den höchsten Turm Europas zu bauen, für grotesk.

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Was halten Sie von dem Valser Projekt?
Ich halte es für einen reichlich absurden Vorschlag. Das Projekt wirkt anachronistisch, erinnert an die Formensprache der späten Neunzigerjahre und des Millenniums und ist für die Funktion, die es erfüllen soll, völlig überdimensioniert.

Passt ein solcher Bau überhaupt in die ihn umgebende Landschaft?
Überhaupt nicht. Der Bau hat keinerlei Bezug zur Region, in der er steht. Er spricht eine Sprache, wie man sie aus den Hochhaussiedlungen der Metropolen Südostasiens und der Golfregion kennt. Isoliert ist er in dieser Landschaft völlig deplatziert. Auch formal überzeugt mich das Projekt keineswegs: Statt uns zu helfen, die Landschaft klarer zu sehen, folgt es mit seiner verspiegelten Oberfläche einer Typologie von sehr schlanken und hohen Wohntürmen, die derzeit in New York Erfolg hat.

Die Initiatoren argumentieren, dass das Gebäude in seiner schmalen, in den Himmel ragenden Form eben nicht stören soll, weil die umliegenden Berge ja noch viel höher seien. So nehme sich der Turm wie «eine Stecknadel in der Landschaft aus», die eben nicht auffällt.
Ein in den Boden getriebener Nagel würde nicht auffallen. Das vorgestellte Projekt hingegen mutet eher wie ein Totempfahl an. Natürlich fällt es auf. Wenn die Initiatoren möchten, dass es nicht auffällt, sollten sie es nicht bauen.

Macht es Ihrer Ansicht nach grundsätzlich keinen Sinn, Hochhäuser in den Bergen zu bauen?
Doch, durchaus. Die Urbanisierung der Berggebiete ist ein wichtiges Thema, und da gehören Hochhäuser sicherlich dazu. Ja, sie sind an geeigneten Orten sogar eine viel bessere Lösung als die Ferienkolonien. Das geplante und nicht realisierte Schatzalp-Projekt von Herzog & de Meuron in Davos zum Beispiel halte ich für absolut legitim. Es verhindert, dass die umliegende Landschaft überbaut und so getilgt wird. In Vals hingegen, wo es keine urbane Dichte gibt, ist ein Bau, der dreimal so hoch wie der Prime Tower oder eben das besagte Schatzalp-Projekt ist, Unsinn.

Die Initiatoren wollen mit ihrem Turm die Region beleben, gleichzeitig aber den Massentourismus vermeiden, indem sie auf einen kleinen Kreis zahlungskräftiger Kunden setzen. Gibt es keine architektonische Alternative, die zwischen Massentourismus und Grössenwahn liegt?
Doch, natürlich. Das funktioniert ja in den Alpenregionen von Österreich, Italien, Frankreich und der Schweiz seit über einem Jahrhundert. Der Elitetourismus geht nach St. Moritz, dort gibt es einen Flughafen; der Massentourismus geht nach Tirol. Aber dazwischen gibt es eine breite Palette von Angeboten, man denke an die Region Flims-Laax-Falera. Warum jemand, der auch nach St. Moritz gehen könnte, sich ausgerechnet in einen 400-Meter-Bau in Vals verkriechen sollte ohne Möglichkeiten, teuer einzukaufen oder sich zu amüsieren, ist mir schleierhaft.

Dem fehlenden Flughafen in Vals will man mit Helikopterverkehr begegnen.
In riesigen Metropolen wie Sao Paolo kommt es vor, dass sich die Elite mittels Hubschraubern zwischen Hochhäusern bewegt. Aber ich kann mir keine Luftbrücke ins Valser Tal vorstellen.

Die exklusive Kundschaft soll mit Ruhe und Abgeschiedenheit geködert werden. Ist es da nicht der falsche Weg, ein derartiges Leuchtturmprojekt zu initiieren? Der höchste Turm Europas dürfte doch gerade zu einem Magnet für Touristen werden, die dann gleich scharenweise anreisen.
Der Turm könnte tatsächlich als groteske Attraktion zum Anziehungspunkt werden. Aber auch so gilt: Wer Ruhe sucht, wird dies kaum im 80. Stockwerk tun, wo er nicht einmal ein Fenster öffnen kann.

Könnte der Turm wenigstens als Kuriosum einen Beitrag zur alpinen Architekturtradition leisten?
Er ist eher ein Schlag ins Gesicht dieser Tradition, indem er keinerlei Beitrag zum qualitätsvollen architektonischen Umgang mit der Region leisten will. Stattdessen kolonisiert er das Gebiet mit genau jener architektonischen Sprache, welche weltweit für die urbane Segregation steht. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.03.2015, 19:32 Uhr

Philip Ursprung

Philip Ursprung ist ETH-Professor am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur.

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