Ein Laubwald steht im Fussballstadion

Eine Zeichnung wird Wirklichkeit: Der Kulturunternehmer Klaus Littmann will im Klagenfurter Stadion 200 Bäume pflanzen.

Ein Zoo für Bäume. Max Peintners Zeichnung «Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur» (1971).

Ein Zoo für Bäume. Max Peintners Zeichnung «Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur» (1971). Bild: ©Max Peintner

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Man kann mit dem Künstler Max Peintner zusammen das Projekt als einigermassen grössenwahnsinnig bezeichnen oder mit dem Taxifahrer, dem sprichwörtlichen, es als Spinnerei abtun. Ja, die Klagenfurter seien überhaupt keine grüne Stadt, sagt er mir auf dem Weg zum Kleinflughafen vor den Toren der Stadt. Grün im politischen Sinne, meine er. Denn grüne Wälder hätte es ja zur Genüge rings um die Stadt mit ihren knapp hunderttausend Einwohnern im Süden Österreichs. Und da brauche es nicht noch einen Wald mitten im ­Stadion.

Ich sah mich nach einer Pressekonferenz im Stadion und Gesprächen mit den wichtigsten Akteuren gegenüber dem Taxifahrer unversehens in der Rolle des Besserwissers und hob zu meiner Überzeugungsrede an. Um es vorwegzunehmen, der Taxifahrer konnte am Ende der kurzen Fahrt zum Flughafen dem Ganzen durchaus was abgewinnen und versprach mir, die Grossinstallation von Klaus Littmann im Herbst 2019 dann auch anschauen zu gehen. Denn das, was da seit drei Jahren minutiös geplant wurde, ist ja schon ein starkes und im besten Sinne grössenwahnsinniges Stück. Und es würde mich wundern, wenn nicht jedermann neugierig wäre, wie sich das denn als Besucher anfühlt und für den Betrachter aussieht, so vis-à-vis eines Spielfeldes zu sein, wo plötzlich keine Fussballer mehr herumflitzen, sondern Bäume in den Himmel wachsen.

200 Bäume, deren Wurzeln in riesigen Holzkisten stecken, werden im Herbst in zwei Jahren in das Wörthersee Stadion von Klagenfurt transportiert, aufgestellt und im Wurzelbereich säuberlich mit Erde abgedeckt, sodass ein schöner Waldboden entsteht. Die Bäume sind keine kleinen Sträucher, sondern zehn bis 15 Meter grosse Prachtsexemplare. So hoch sind sie, dass sie bis zur Unterkante des zweiten Rangs des Stadions reichen. Die Besucher dürfen den Wald dann Tag und Nacht anschauen kommen und ihn von den Tribünen des Stadions aus betrachten. Sie können ihn von unten betrachten oder von der Mitte oder von ganz oben herab auf die Kronen schauen, den Sonnenaufgang oder den Sonnenuntergang oder auch ein Regenwetter mit diesen hier artig (ein Urwald wird das ja nicht) versammelten Buchen, Eschen und Ahornen geniessen.

Ein Wald zum Schauen

In den Wald hineinspazieren dürfen sie nicht. Man wird in dieser Grossinstallation in erster Linie schauen. Wobei das Sehen zu einem Erleben wird. Schon allein durch die schiere Grösse des Bildes, das sich hier dreidimensional vor uns ausbreiten, erheben und uns in Staunen versetzen wird, und das wohl auch das Zeug hat, beim einen oder andern etwas auszulösen. Denn wie sagte der Taxifahrer doch: «Grün ist Klagenfurt nicht.» In dieser Hinsicht gibt es noch viel Luft nach oben.

Klaus Littmann, der Basler Kultur­unternehmer und Ausstellungsmacher, hat sich die Grossinstallation in Klagenfurt ausgedacht. Ausgangspunkt seines Projekts ist eine Zeichnung, die der Wiener Künstler Max Peintner (geb. 1937) im Jahre 1971 verfertigt hat. Sie zeigt einen Wald von Laubbäumen mitten in einem Stadion, das dem ehemaligen Praterstadion in Wien nachempfunden ist. Im Hintergrund ist eine fiktive Hochhauskulisse zu sehen, die eher an Grossstädte amerikanischen Zuschnitts erinnert als an die Altstadt von Wien. Zwölf Jahre später sah Littmann die Zeichnung in Wien und wollte sie, wie er an der Pressekonferenz im Wörthersee Stadion sagte, kaufen. Er musste aber erfahren, dass sie sich schon lange in der Sammlung eines amerikanischen Ehepaars befindet.

Das Haider-Denkmal bespielen

Aber das Bild des Waldes im Fussballstadion, das er nicht besitzen konnte, liess ihn nicht mehr los. Als ihm ein Künstler, den er vor drei Jahren für seine Skulpturenausstellung im Basler Schützenmattpark einlud, von einem leeren Stadion in Klagenfurt erzählte, war sein Interesse geweckt. Er machte sich in die Kärntner Hauptstadt auf, um einen Augenschein zu nehmen, und suchte Kontakt mit dem örtlichen Kulturverein, der für die Pläne des Baslers offene Ohren hatte. Man begann sich mit der technischen Machbarkeit zu befassen, man suchte Kontakt in die Politik, man prüfte Wege der Finanzierung. Littmann ging bis nach Wien, sprach mit hohen Vertretern des Kultur- und des Forstwirtschaftsministeriums, die durchaus angetan waren von den Plänen des Schweizers und ihm Unterstützung versprachen.

Auch wenn noch lange nicht alles in trockenen Tüchern ist, so ist doch die Arbeit hinter den Kulissen so weit gediehen, dass am vergangenen Dienstag die Kärntner Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz mit ihren Koalitionspartnern vor die Presse trat und dem Sta­dionwald von staatlicher Seite grünes Licht gab. Rund 35 000 Euro soll das Projekt die Stadt kosten. Die Arena wird während der Monate September und Oktober 2019 den Kulturleuten gratis zur Verfügung gestellt.

Dabei muss man wissen, dass diese Fussballarena erst 2007 fertiggestellt worden ist mit dem einzigen Zweck, im Rahmen der Fussball-Europameisterschaft von 2008 als Spielstätte zu dienen. Seither steht das Gebäude, dessen Bau die Stadt beinahe in den Konkurs getrieben hätte, wie ein riesiger, unnützer Klumpen in der Landschaft. Man habe einfach keine Mannschaft, die das Stadion füllen könne, bestätigt uns der Sportminister der Stadt. 100 Millionen Euro hat der ehemalige, 2008 verstorbene Landeshauptmann von Kärnten, der Rechtspopulist Jörg Haider, sich dieses Monument kosten lassen.

Nun regiert seit zwei Jahren eine sozialdemokratisch geführte Koalition in Klagenfurt und versucht, aus einer ziemlich desolaten Situation das Beste zu machen. Kärnten gehört zu den strukturschwachen Regionen Österreichs. Die Regierungskoalition konnte immerhin den Konkurs der Stadt abwenden und sucht nun tatkräftig nach Möglichkeiten, wie das Haider-­Denkmal vor den Toren der Stadt bespielt werden kann. Grosskonzerte sind eine Möglichkeit. Sportanlässe eine andere. Eine weitere Option sind Kunstevents oder Kunstinstallationen, wie sie Littmann plant. Weitere Vorschläge sind durchaus erwünscht.

Ein nachhaltiges Projekt

An der Pressekonferenz im Stadion gab sich der halbe Klagenfurter Stadt­senat die Ehre. Zuvor hatte er in seiner wöchentlichen Sitzung dem Projekt seine Unterstützung zugesagt. Dagegen waren einzig die Freiheitlichen (FPÖ), also die Partei des verstorbenen Haider, die aber nur noch zwei Vertreter in der neunköpfigen Exekutive stellt. Regiert wird von einer Koalition unter der Leitung der SPÖ-Bürgermeisterin Maria-­Luise Ma­­thiaschitz. Sie wird von der ÖVP und den Grünen unterstützt, die in der Regierung unter anderem die Ressorts Tourismus, Sport und Umwelt besetzen und sich an besagtem Presseanlass alle als glühende Verfechter dieses Projektes hervortaten. Die Regierung packt viele Hoffnungen auf das Waldprojekt: Es soll sowohl touristischen Impuls für die Region bringen als auch eine Verbesserung des Images der Stadt, die sich damit als weltoffen, dynamisch und kulturell interessiert positionieren will.

Es stellt sich natürlich die Frage nach der Nachhaltigkeit einer solchen Aktion. Littmann weist im Gespräch darauf hin, dass die Bäume schon in diesem Herbst in den Wäldern der Region ausgegraben werden sollen und sich so zwei Jahre in den Holzkisten auf ihren grossen Auftritt vorbereiten können. Nach der Show im Stadion werden sie den Campus der Universität Klagenfurt verschönern, die in der Nähe des Wörthersees liegt. Das ist alles bereits eingefädelt, denn jetzt geht es, wie uns Littmann bei unserem Abschied aus Klagenfurt sagt, primär ums Klinkenputzen. Die Kosten der ganzen Aktion werden sich gut und gerne auf eine Million Euro belaufen, die mithilfe von Mäzenen, Sponsoren und Baumpatenschaften zusammenkommen sollen.

Bleibt uns noch ein Hinweis auf das Begleitprogramm dieses ambitiösen Projekts: Geplant sind parallel zum Stadionwald auch Ausstellungen zu den Werken von Max Peintner und zum Thema Baum in der Geschichte der Kunst, die in den städtischen Museen stattfinden sollen. Auch ein Symposium soll es geben, an dem über Kunst und Umwelt diskutiert werden wird. Und vielleicht entstehen in den nächsten Monaten sogar noch weitere Ideen, wie diese singuläre Kunstintervention im Stadion in die Stadt hineinwirken kann, sodass unser Taxifahrer vor lauter Bäumen in der Stadt den sprichwörtlichen Wald nicht mehr sieht.

«Stadion und Wald werden zum Gesamtkunstwerk»

Die Bürgermeisterin der Stadt Klagenfurt, Maria-Luise Mathiaschitz, ist Feuer und Flamme für das Projekt.

BaZ: Frau Bürgermeisterin, was begeistert Sie an diesem Projekt?
Maria-Luise Mathiaschitz: Das Vi­­sionäre. Das Stadion ist nicht nur ein Präsentationsraum für das Kunstprojekt, sondern verschmilzt mit dem Wald zum Gesamt­kunstwerk. Das ist weltweit einmalig. Ich kenne kein ähnliches Projekt und freue mich sehr, dass Klagenfurt die Chance hat, hier dabei zu sein.

Warum genau holen Sie Kunst ins Stadion, das ja eigentlich für den Sport gebaut wurde?
Als mir Klaus Littmann vor zwei Jahren das Projekt vorstellte, habe ich zuerst leer geschluckt und mich gefragt, wie das wohl funktionieren soll. Je länger ich darüber nachgedacht habe, wurden mir die Chancen klar, die dieses Kunstprojekt für Klagenfurt birgt. Nicht zuletzt sehe ich in dieser Installation eine Chance, Klagenfurt über die Grenzen Kärntens hinaus bekannt zu machen. Ich konnte dann meine Koalitionspartner überzeugen, dass wir das machen sollten. Sie tragen alle mit Begeisterung das Projekt mit.

Sie sprechen von Ihren Koalitionspartnern. In welchem politischen Umfeld steht das Projekt?
Ich bin von der SPÖ und seit 2015 Bürgermeisterin der Stadt Klagenfurt. Mein Vorgänger hiess Christian Scheider von der FPÖ. Ich regiere mit einer Koalition, in der die ÖVP und die Grünen vertreten sind. Als Klaus Littmann das Projekt im Senat der Stadt Klagenfurt vorgestellt hat, erwuchs nur vonseiten der Freiheitlichen, die sich heute in der Opposition finden, Widerstand. Wir haben dann aber beschlossen, das Projekt durchzuführen.

Was muss Klagenfurt leisten?
Wir stellen das Stadion in den Monaten September und Oktober des Jahres 2019 gratis zur Verfügung. Insgesamt sollte uns die Aktion nicht mehr als 35 000 Euro kosten.

Man nennt das Stadion auch das Denkmal von Haider. Wie kam das?
Das Stadion entstand, als Josef Haider Landeshauptmann war. Es hat etwa 100 Millionen Euro gekostet und wurde für die Fussball-Europameisterschaft gebaut, die Österreich und die Schweiz gemeinsam abhielten. Man sprach damals davon, dass das Stadion, das ja nur zwei Länderspiele sah, nach der Europameisterschaft wieder zurückgebaut werden soll. Auf eine normale Grösse, die zu einer Stadt wie Klagenfurt passt, die etwa 100 000 Einwohner hat. Als das Stadion dann fertiggestellt war, wollte Haider nichts mehr von einem Rückbau wissen.

Nun hat die Stadt Klagenfurt ja weder die Fussballmannschaft noch die Finanzen, um sich so einen Bau zu leisten.
In der Tat. Rein sportlich gesehen brauchen wir kein solches Stadion, das uns nach wie vor etwa 100 000 Euro im Monat kostet. Aber wir müssen damit leben.

Geht es also auch darum, mit diesem Kunstprojekt zu demonstrieren, dass das Stadion auch ausserhalb des sportlichen Kerngeschäfts Nutzen für die Stadt einspielen kann?
Es ist mir vor einem Jahr gelungen, absolute Rechtssicherheit für dieses Stadion zu bekommen. Es gab bis zu jenem Zeitpunkt Forderungen nach einem Rückbau. Das ist jetzt vom Tisch. Jetzt können wir Veranstaltungen machen. Die Waldinstallation von Klaus Littmann ist eine solche, mit der wir das Stadion als Stadt in Besitz nehmen wollen. Wir wollen zeigen, dass es neben Sport und Konzerten im Stadion auch Aufsehen erregende Kunstprojekte gibt.

«Die Installation ist eine traumhafte Chance»

Der Wiener Künstler Max Peintner und seine Zeichnung «Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur»

BaZ: Wann ist Ihre Zeichnung «Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur» entstanden?
Max Peintner: Sie stammt aus dem Winter 1970/1971. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach Bildern gesucht habe, die mir als Grundlage meiner Zeichnung dienen sollten. Damals gab es ja noch kein Internet, sodass man auf Bildarchive angewiesen war. Ich habe mir also in einem professionellen Bildarchiv Prints von einigen Bildern machen lassen.

Es handelt sich also nicht um eine vollkommen virtuelle Szene?
Nein, nur partiell. Das Stadion auf dem Bild stand einst im Prater in Wien. Es wurde normalerweise für Leichtathletikwettkämpfe genutzt, deswegen ist es relativ flach und die Zuschauer sitzen in grosser Distanz zum Geschehen. Ich habe in die Mitte des Stadions den Wald hingestellt und den Stadthorizont als Skyline mit vielen Hochhäusern gezeichnet, die natürlich absolut nicht jener von Wien entspricht. Mir war die urbane Situation wichtig, darum auch der Titel «Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur».

Sie haben ursprünglich Architektur studiert. Was waren denn Ihre ersten Schritte als Künstler?
1969 erschien von mir eine Zeichnungsmappe mit dem Titel «Sechs Beiträge zur Zukunft». Es war ein ganz blöder Anfang. Ich hatte die Möglichkeit, für eine drittklassige Architekturzeitschrift ­Möbelentwürfe zu machen. Ich entwickelte die Idee eines Autobettes. Ich überlegte mir, es mit einem kleinen Modellauto oder mit einem Autowrack zu machen, und entschloss mich zu einer Zeichnung. Dafür habe ich mir ein schwachsinniges Inserat im Scientific American herausgesucht, das den Blick aus einem Auto auf eine futuristische Skyline freigibt. Das Innere des Autos habe ich zum Bett umfunktioniert und konnte so meine Bildidee verwirklichen.

Sowohl der Wald im Stadion wie das Bett im Auto haben eine kritisch-­surreale Dimension. Wie standen Sie damals in der Welt? Wie würden Sie Ihre Weltanschauung beschreiben?
Wenn ich das von heute anschaue, war das eine Mischung aus Kritik und Faszination gegenüber einer zunehmend technischer werdenden Welt.

Sie haben sich dann von den kritischen Bildern abgewandt?
Ja. Ich begann mich für das Phänomen der Nachbilder zu interessieren. Nachbilder entstehen, wenn man in die Sonne schaut oder in eine andere helle Lichtquelle. Dann bleibt dieser Seheindruck eine Weile auf der Netzhaut. Man sieht dann etwa so, wie wenn der Fernseher eine Empfangsstörung hat. Es entstehen geisterbildartige Verdoppelungen oder kreisförmige Flecken, was ich dann zeichnerisch einzufangen versuchte.

Nach den kritischen Bildern rückt also die Wahrnehmung, das Sehen ins Zentrum Ihres künstlerischen Interesses?
Der berühmte Kunsthistoriker Peter Weibel hat über meine Bilder gesagt, dass es mir um die Wahrnehmung der Wahrnehmung gehe. Das gefällt mir sehr gut. Ich versuchte die Wahrnehmung anzuschauen und sie als solche darzustellen. Der Auslöser bei mir war übrigens eine Sehstörung, die von einer Herpesinfektion im Auge herrührte. Das war im Jahr 1975, also fünf Jahre nach dem Stadion.

Am Anfang sind Ihre Zeichungen schwarz-weiss, dann werden sie farbig. Hat das mit den Sehstörungen zu tun?
Das hat auch thematische Gründe. Ich habe im Bild «Die Geräusche des Wassers über dem Bachbett» (1976) ein Migränemuster gezeichnet, das quer über die Landschaft im Bild gelegt ist. Als Kind schon hatte ich auf dem Schulweg Migräne-Aurae. Wo ich hingeschaut habe, war ein heller gelber Fleck, wie wenn eine gleissende Sonne scheinen würde. Dieses Migränemuster kommt auch in einem neuen Bild vor, das ich zeichnen möchte: Ich zeichne mich als Jesus am Kreuz, der auf seine eigenen Füsse herunterschaut und dabei ein Migränemuster sieht. Da zu meinen Füssen auch noch eine Kreuzotter liegt, überlagern sich das Migränemuster und das Zackenmuster auf der Haut der Kreuzotter.

Damit thematisieren Sie nicht nur Ihre Erfahrungen mit dem Sehen, sondern auch Ihre eigene Körperlichkeit?
Ich wollte Bilder machen aus einer radikal anderen Perspektive. Immer wieder zeichne ich eigene Körperteile in meine Bilder hinein. Das können Knie, Arme oder Finger sein, manchmal der ganze Körper. Ich wollte auch die Druckstellen zeichnen, die entstehen, wenn Körperteile aufeinanderliegen. Das ist mir nicht gelungen. Darum habe ich begonnen, radikale Selbstbildnisse zu malen, wie man das vom Künstler Ernst Mach kennt.

Was sind Ihre jüngsten zeichnerischen Projekte?
Ich beschäftige mich zurzeit vor allem mit dem Werk meines 2012 verstorbenen Freundes Walter Pichler (1936–2012). Pichler war Architekt, Bildhauer und Objektkünstler und hat zurzeit eine grosse Ausstellung im Mönchsberg in Salzburg. Mein Text über ihn, der ursprünglich eine kurze Hommage werden sollte, ufert zu einem dicken Wälzer aus. Meine zeichnerische Arbeit kam ob dieser Auseinandersetzung mit Pichler zum Erliegen. Die letzten Zeichnungen, die ich gemacht habe, waren Paraphrasen nach Bildern von Caspar David Friedrich.

Lassen Sie uns nochmals auf den Wald im Stadion zurückkommen. Wie wurde das Bild rezipiert?
Es wurde besonders oft in italienischen Designzeitschriften veröffentlicht. In Domus und Casabella, wo das Bild sogar als Cover genutzt wurde.

Warum haben gerade die Italiener diese Zeichnung veröffentlicht?
Sie hatten wohl eine besondere Sensibilität für solche Themen. Und ich hatte einen Cousin, den bekannten Architekten und Designer Ettore Sottsass (1917–2017), der meine Arbeiten bekannt machte. Er hat mir in einem Brief geschrieben, man müsste eine neue Kunstrichtung erfinden, die «Dead Art». Todeskunst sollte sich mit dem Design von Gräbern und Särgen befassen. Ich glaube, Anlass für diesen Brief war mein Bild mit den Fernsehgräbern, wo ich einen Friedhof anstatt mit Grabsteinen mit Fernsehgeräten vollgestellt habe. Auch der Architekt Hans Hollein, der ja den österreichischen Pavillon an der Biennale von Venedig 1986 kuratierte, an dem ich und Hans Prantl teilnahmen, ist auf der Todesthematik geritten. Zu mir hat er gesagt, ich solle die Fernsehgräber weglassen, das sei Blödsinn. Er hat offensichtlich geglaubt, der Tod gehöre ihm.

Wann haben Sie das Stadion-Bild denn ausgestellt?
Zum ersten Mal war das Bild in der Galerie Buchholz in München zu sehen, wo ich 1974 ausstellen konnte. Damals habe ich für meine Begriffe mörderisch viel verkauft. Ich habe dann in der Nacht geträumt, dass ich jetzt reich bin und dass die Roten Brigaden durchs Fenster hereinklettern und mich entführen (lacht).

Und wann haben Sie das Bild verkauft?
Ich muss gestehen, dass ich mir nie notiert habe, wann genau. Die Zeichnung wurde von Michael und Marina Schmutzer in New York gekauft, die sie an ein Museum ausgeliehen haben. Sie werden die Zeichnung 2019 nach Klagenfurt ausleihen, das haben sie schon zugesichert. Auch das Bild von mir im Museum of Modern Art sollte man dann nach Klagenfurt holen.

Sind Sie ein politischer Künstler?
Ja, eigentlich schon. Ich habe wie so viele Österreicher in den letzten Jahren einen Rechts- und Anti-EU-Schwenk gemacht. Sie haben leicht reden, denn Sie sind Schweizer und nicht in der EU. Ich würde am liebsten raus aus der EU. Meiner Meinung nach ist Populismus Teil der Demokratie, oder wir haben eine Einheitsregierung, wie der Erdogan sie anstrebt.

Sie schreiben und zeichnen: Verstehen Sie sich als Künstler, Schriftsteller oder Wissenschaftler?
Ich wäre gerne ein Wissenschaftler. Wie Emanuelle Charpentier, die mit ihrer Forschung die Grundlage für die Entwicklung einer Technik geschaffen hat, mit der gezielt Genveränderungen durchgeführt werden können.

Sind Sie sozusagen ein gescheiterter Wissenschaftler?
Ja, das sind die Leute, die ich bewundere. Worauf ich hinauswill: Bei den kritischen Bildern, aber auch bei den wahrnehmungskritischen Bildern ist immer ein bisschen ein grössenwahnsinniger Aspekt dabei. Das ist ja überhaupt im Surrealismus der Fall.

Wollen Sie die Welt verändern?
Man kritisiert die Welt und will sie damit auch verändern, das ist doch klar. Ich möchte ja eine Welt, die ich nicht zu kritisieren brauche. Mein Vater hat mir mal gesagt: «Du glaubst, wenn du die Hand aus dem Schnellzug hältst, kannst du ihn aufhalten. Da täuschst du dich.»

So kommen Sie sich vor?
Ich bin immer noch damit beschäftigt, meinen Vater zu widerlegen.

Halten Sie beide Hände aus dem Zug?
Ja, vielleicht sind es bei mir beide Hände. Es ist eine Mischung aus Absurdität, Grössenwahn und Surrealismus.

Was halten Sie davon, dass Herr Littmann Ihre Zeichnung nun als dreidimensionale Grossinstallation realisiert?
Meine Einstellung dazu hat sich sehr ins Positive gewandelt, seit ich das Stadion gesehen habe. Ursprünglich stand bei meiner Zeichnung ja das Kritische sehr im Zentrum. Es war einfach ein Agitationsbild. Ein Wald auf der Spielfläche wird das Klagen­furter Stadion aber nicht infrage stellen, sondern positiv beeinflussen. Das Stadion ist ja leider besser, als ich gedacht habe. Es ist ein wirklich schönes Stadion, das weitgehend aus Stahl gebaut ist. Herr Littmann vergleicht die Form des Stadions mit einem Krater. Der Himmel wird vom hereinkragenden Stadiondach eingerahmt und man kommt sich wie in einem Krater vor.

Also voller Vorfreude?
Schauen Sie, ich bin jetzt etwas über achtzig Jahre alt. Das ist vielleicht das letzte Aufflackern vor dem Übergang in die ewigen Jagdgründe. So gesehen ist die Installation eine traumhafte Chance.

Der Architekt zeichnet ja auch nicht als Selbstzweck. Er zeichnet, damit gebaut wird!
Es wird hoffentlich auch auf meine Arbeit zurückwirken. Ich muss nur noch das Buch über Walter Pichler vom Hals kriegen, damit ich wieder ein bisschen Luft habe. (Basler Zeitung)

Erstellt: 31.03.2017, 10:26 Uhr

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