Wie ein Komet vor dem Verglühen

Entspanntes Flanieren und Entdecken auf der besten aller Kunstmessen: An der Preview der Art Basel.

Das Internet im Spiegel der Kunst. Art-Besucherin vor Ron Teradas «TL; DR 1», bestehend aus 52 Schriftstücken, gemalt mit Acryl auf Leinwand.

Das Internet im Spiegel der Kunst. Art-Besucherin vor Ron Teradas «TL; DR 1», bestehend aus 52 Schriftstücken, gemalt mit Acryl auf Leinwand. Bild: Christoph Heim

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Es hat seinen komischen Reiz, durch die Art Basel zu flanieren und sich bei der New Yorker Petzel Gallery plötzlich einem mannshohen Fisch gegenüberzusehen. Ein Halstuch trägt er mit schmückenden Ketten. Mit der rechten Flosse hält er ein Surfbord. An der linken hängt eine rosa Tasche, auf der ein lachendes Gesicht aufgemalt ist. Der Fisch, es handelt sich, wenn die Accessoires nicht täuschen, wohl um eine Frau Fisch, begibt sich in Urlaub.

Wir notieren bei dieser Skulptur von Cosima von Bonin, dass es sich um «What if it Barks 4 (Gerry Lopez Surfboard Version)» handelt. Das Werk stammt aus dem Jahr 2018. Bei Gerry Lopez handelt es sich, wie uns Wikipedia verrät, um einen der berühmtesten Surfstars Hawaiis. Mindestens in den Minuten, in denen wir mit dem Tier Zwiesprache hielten, bellte es nicht.

Wir lassen uns treiben. Halten hier, um ein Kunstwerk anzuschauen, hängen unsere Augen dort an ein paar kaufwillige Damen, die sich interessiert um ein Bild scharen. Dann und wann bleibt auch Zeit für einen Schwatz. Aber vorerst sei einmal so viel gesagt, dass es, wie in den vergangenen Jahren, wieder eine umwerfende Grossausstellung in der Rundhofhalle ist, zu der die Galeristen auf der Art Basel allesamt beigetragen haben. Da gibt es Bluechips die Menge. Da rufen die ganz grossen Namen von den Wänden und sichern sich unsere Aufmerksamkeit.

Immer wieder gibt es auch Neues zu entdecken, auch wenn es das Neue nicht leicht hat auf einem Markt, wo das Geld ganz eindeutig das Berühmte sucht: das teuer Gehandelte, das auch dazu angetan ist, dass es bei den Freunden oder den entfernt Bekannten so etwas wie Neid hervorrufen kann. Denn am wertvollsten sind ja jene Bilder, die auch der Nachbar gerne besässe.

Wie sagt mir doch ein Kunstkenner, mit dem ich in der Koje der Tokyo Gallery + BTAP ins Gespräch komme, als wir ein hinreissendes Streifenbild des japanischen Künstlers Lee Ufan betrachten? Er würde heute als Berater zwei Kunden empfangen und auf einem Rundgang über die Art begleiten, die unbedingt etwas an die Wände ihres sündhaft teuren New Yorker Appartements haben wollten. Ausgestattet mit teurem Parkett und einer Küche, die so viel kostet wie ein Rolls-Royce, spiele der Preis für den Schmuck an den Wänden offenbar gar keine Rolle. Wir denken uns nur: Auf der Art Basel sind solche Kunden goldrichtig.

Wenden wir uns ab von den Diskussionen über einen Luxusmarkt, die ja immer wieder gerne in ein Lamento abgleiten. Lassen wir ab von jener wohlproportionierten und gut abgehangenen Ware, die sich zur Verschönerung der eigenen vier Wände so wunderbar eignet, wenn man nur das nötige Grossgeld besitzt. Man findet auch anderes, gewissermassen grobes Geschütz, das zwar überaus selten ist, aber doch ausserordentlich auffällig und mitunter auch überaus gut.

Der Bankomat als Freiheitsstatue

So stehen wir beim Stand der Berliner Galerie König vor einer Betonwand samt Bankomaten, eine Installation, die das Künstlerduo Elmgreen und Dragset mit dem ihm eigenen Sarkasmus als «Statue of Liberty» bezeichnet. Wir halten vor dem eisernen Baumstamm bei der Berliner Galerie Neugerriemschneider, der aus der Werkstatt des unvergleichlichen Ai Weiwei stammt. Und wir danken allen isländischen Göttern, dass zu dieser eisernen Baumstammkopie der Künstler Olafur Eliasson eine Riesenwand mit lauter gelblich-grünlichen Moosbüscheln beigesteuert hat, womit das Kunstschöne mit dem Naturschönen in bester Harmonie sich mischt. An diesem Ort weht auf der Messe übrigens ein herber Hauch von der Unlimited herüber.

Unsere Aufmerksamkeit gefangen hat auch eine umfangreiche Wandzeitung von Ron Terada, auf der sich zahlreiche Sprüche mit der amerikanischen Unkultur der Social Media befassen. Gesehen bei Catriona Jeffries aus Vancouver. Und dann stehen wir in diesem Supermarkt der Kunst verwundert vor zwei weissen Brüsten auf schwarzem Hintergrund, zu denen die französische Künstlerin Laure Prouvost, warum auch immer, die Legende «We are coming out» erfunden hat. Schliesslich begegnen wir auch einem neuen Bekannten: Der verehrte Sam Gilliam, dessen Ausstellung im Kunstmuseum Basel vergangene Woche Vernissage feierte, ist bei der David Kordansky Gallery mit einem hinreissenden Werk aus dem Jahr 1971 vertreten.

Das Wasser bis zum Hals

Natürlich stürzt einen so ein Art-Rundgang nicht nur ins reinste Kunstvergnügen. Da hört man, dass die Standmieten zu teuer seien. Dass die Messe eigentlich nur noch für die Topgalerien funktioniere, die mit millionenteurer Ware auffahren könnten. Die kleineren Galerien müssen von ihren billigeren Bildern Unmengen verkaufen, um überhaupt die Fixkosten eines Messeauftritts zu berappen.

Vielen von ihnen steht das Wasser bis zum Hals. Einige haben vom teuren Messebetrieb, der den Newcomern zu wenige Chancen eröffnet, die Nase voll, denn sie verlieren Messe für Messe nur Geld. Und so kommt immer wieder die Frage nach der Verantwortung der Messe auf. Nach der Legitimation für horrende Standpreise, die das Junge und Frische und Experimentelle im Keime ersticken. Und manch einer sagt schon das Ende einer Kunsthandelsplattform voraus, die in Basel erfunden wurde und nun wie ein Komet beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglüht.

Noch knallen aber die Champagnerkorken, noch begegnen sich die Millionäre an der Oyster-Bar, noch stehen sich die Neugierigen an den Ständen von Gagosian, Hauser & Wirth oder Thaddaeus Ropac gegenseitig auf den Füssen, um sich im Schatten von Philip Guston, Georg Baselitz, Roy Lichtenstein, Andy Warhol oder Mark Rothko zu spüren. Auch der Meister selbst, Larry Gagosian, gibt sich die Ehre und empfängt Kundschaft und Fans vor einem gewaltigen Blechturm aus der Werkstatt John Chamberlains. Er wird, wenn die Gerüchte über die Jetsetallüren der Topgaleristen stimmen, wohl schon heute die Art Basel wieder verlassen, während seine Kassen unter der Last der Tageseinkünfte ächzen und stöhnen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.06.2018, 09:16 Uhr

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