Ein Mensch verschwindet

Der chinesische Künstler Liu Bolin zeigt seine fotografischen Arbeiten an der Art Basel.

Ein langer Prozess. Bis zum endgültigen Foto, das Liu Bolin verschwinden lässt, dauert es mehrere Stunden der Vorbereitung.

Ein langer Prozess. Bis zum endgültigen Foto, das Liu Bolin verschwinden lässt, dauert es mehrere Stunden der Vorbereitung. Bild: Liu Bolin © Ruinart

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Ein Mensch verschwindet. Er verschmilzt mit seinem Hintergrund und wird so fast unsichtbar. Die Idee ist nicht einfach ein Gag, sondern begann als Protest gegen die Stadtverwaltung in Peking. Liu Bolin lebte dort im Künstlerviertel Suo Jia Cun, bis die Behörden den Abriss der Häuser und Ateliers mit dem fadenscheinigen Argument verfügten, die notwendigen Baugenehmigungen würden fehlen. Liu Bolin stellte sich vor die Liegenschaften, glich sich mit ihnen an und machte durch sein Verschwinden auf das Verschwinden dieses Stadtviertels aufmerksam.

Das war im Jahr 2005, und die Fotos machten ihn schlagartig berühmt. Seither wird er «Der Unsichtbare» genannt und verschwindet überall da, wo er auf soziale, politische und gesellschaftliche Widersprüche aufmerksam machen will. Das kann der drohende Niedergang der Lagunenstadt Venedig sein, wenn er vor der Rialto-Brücke verschwindet. Oder der Bankenkollaps, wenn er vor dem Bullen in der New Yorker Wall Street posiert. Er stellt sich vor ein Regal mit Instant-Nudeln, um auf gefährliche Lebensmittel in China aufmerksam zu machen, oder er verschmilzt mit einem Kiosk, um die Flut der Hochglanzmagazine anzuprangern. Indem er selber unsichtbar wird, werden die Dinge, um die es ihm geht, plötzlich sichtbar. Und stets spielt auch der Gedanke des Individuums, das in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr untergeht, eine Rolle.

Fotograf oder Performer?

Die Arbeit von Liu Bolin lässt sich nicht in bestimmte Kunstgattungen einordnen. Er ist Künstler, Bildhauer, Fotograf und Performer zugleich. «Ich habe gar nie daran gedacht, meine Kunst irgendwie zu klassifizieren», sagt er. Begriffe wie Landschafts- oder Porträtfotografie greifen bei Liu Bolin nicht. «Wenn mich die Leute fragen, ob ich Fotograf oder Performer bin, antworte ich ihnen, dass ich Fotografien inszeniere.» Liu Bolin wurde 1973 in der ostchinesischen Provinz Shandong geboren. Hier besuchte er auch die Kunstschule und liess sich dann in Peking zum Bildhauer ausbilden. Doch schon bald experimentierte er mit anderen Medien und fand in der Fotografie schliesslich die ideale Ausdrucksform für seine Kunst.

Seither ist Liu Bolin mit seinen Arbeiten auf der ganzen Welt, von China bis Russland, von Europa bis Amerika, zu sehen. Vor allem die Reihe «Hiding in the City», die er jeweils vor Ort schuf, fand grosse Beachtung. Im Lausanner Musée de l’Elysée findet im Herbst eine Ausstellung mit 70 grossformatigen Bildern von Liu Bolin statt. Auch in dieser Retrospektive sind die Tradition, die Kultur und die Politik Chinas ein zentrales Thema, aber auch unsere Konsumgesellschaft und die Veränderungen in der Umwelt.

Liu Bolins fotografische Interventionen wollen aber nicht nur Kritik üben und das Auge auf scheinbar Unscheinbares lenken, sie sind oft auch einfach witzig und überraschend. Der chinesische Künstler hat auch keine Berührungsängste mit der westlichen Luxusgüterindustrie. Für eine Kampagne des Daunenjackenherstellers Moncler machte er sich für Annie Leibovitz vor einem Eisberg unsichtbar. Und jetzt hat er gerade eine Fotoserie für die Champagner-Marke Ruinart vollendet, die während der Art Basel zu sehen ist.

Intensive Recherchen

Liu Bolin stört es nicht, wenn er damit als kommerzieller Künstler abgestempelt wird. «Mir ist es wichtig, dass ich meine künstlerische Autonomie behalten kann, egal, ob ich jetzt für meine Galerie oder eine Firma arbeite», sagt er. Die Arbeit für Ruinart zeigt beispielhaft, wie der Künstler vorgeht. Mehr als zehn Tage hielt er sich im Maison Ruinart in Reims auf und suchte dort nach idealen Standorten. Er fand sie in den imposanten Kellergewölben, in den Produktionsstätten, aber auch in den Rebbergen. Beeindruckt war er von der Tradition der Champagnerherstellung und vor allem von den Menschen, die in diesen aufwendigen Prozess involviert sind. Sie wollte er ebenfalls in den Bildern haben, und sie verschwinden mit dem Künstler in den Lagerhallen und in den Rebbergen.

Bis ein Foto steht, dauert es bis zu zehn Stunden. Liu Bolin hat immer ganz klare Vorstellungen, wie das Bild aussehen muss. Mit seiner Kleidung und seinem Körper gleicht er sich dem Hintergrund an. Bei der Gestaltung der Kleidungsstücke und der sichtbaren Körperteile wie Hände und Gesicht wird er zum Maler. Dann zum Performer und schliesslich zum Fotografen. Stundenlang steht Liu Bolin still, bis das Foto so perfekt ist, wie er es will. Mit seinem Assistenten, der schliesslich abdrückt, geht er jedes kleine Detail durch. «Die Leute sagen, ich verschwinde in der Umgebung. Ich sage, die Umgebung nimmt von mir Besitz», umschreibt der Künstler den Prozess des Verschwindens.

Der 45-jährige Liu Bolin ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Peking. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.06.2018, 10:53 Uhr

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