More and more und dann noch mehr

Braucht es jenseits der Liste noch weitere Nebenmessen zur Art Basel? Die Organisatoren der Scope und der Volta meinen Ja – und suchen auch in diesem Jahr nach einem Profil mit Perspektive.

Scharfes Schweizerisches aus britischem Filz: «Bleed like me» von Lucy Sparrow an der Scope.

Scharfes Schweizerisches aus britischem Filz: «Bleed like me» von Lucy Sparrow an der Scope. Bild: Jérôme Depierre

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Am Eröffnungstag der Scope standen die Sektkühler bereit – auf allen drei Stockwerken. Dieses Jahr gastiert die Kunstmesse, die in Basel ein nomadisches Leben führt, im Clara­huus. Es ist bereits der fünfte Umzug und vermutlich wird der Verbleib nicht von Dauer sein. Die Räume mit der charakteristisch orangefarbenen Stahlträgerkonstruktion sind nicht gerade hoch und verbreiten industriellen Charme, dafür sind sie zentral. Die 75 Galeristen haben sich darauf eingestellt. Die Scope ist auch bei ihrer zehnten Ausgabe keine Adresse für Konzeptkunst, mehr für Donuts aus Keramik und für Plastiken, die aussehen, als seien sie mit dem Spritzbeutel gemacht. Das ist oft näher an der Dekoration als an der Kunst, hier kann die Lieblingsfarbe über den Kauf eines Bildes entscheiden.

Ein Rundgang über die Messe führt dann auch zu eigenartigen Déjà-vu-­Erlebnissen. So haben sich gleich zwei Künstler Andy Warhols Elvis-Siebdruck zum Vorbild genommen. Niclas Castello hat den Popstar durch Karl Lagerfeld ersetzt, «Shooting Karl Seven Times» steht bei der Avant Gallery aus Miami zum Verkauf, bei der Galerie Virginie Barrou Planquart findet sich eine Variante von Knowledge Bennett mit Barack Obama um etliches günstiger.

Britischer Witz

Heisst das: Mode vor Politik? Die niederländische Galerie Sophie Maree Gallery zeigt Arbeiten der Modefotografin Inge Prader, die Friese von Gustav Klimt mit Models und allerhand Requisiten nachgestellt hat. Mit etwas Patina ist Kitsch eindeutig besser zu ertragen. Überhaupt scheint es, als hätte die Messe die Fotografie «More, more and more» von Helmut Grill – zu sehen bei der Osme Gallery – allzu wörtlich genommen.

Doch trotz aller Buntheit und Detailfülle lassen sich Entdeckungen auf der Messe machen. Sehenswert ist der Stand von Vertes modern aus Zürich, der Werke vieler renommierter Künstler zeigt. Im Angebot ist etwa eine Bronze­skulptur als Auflagenwerk von Tony Cragg für 245'000 Franken. Die drei gewundenen Säulen zeigen unterschiedliche Silhouetten. Hier findet sich auch ein Bild des französischen Malers Pierre Soulages, das für einen mittleren sechsstelligen Frankenbetrag zu haben ist.

Britischen Witz zeigt die Lawrence Alkin Gallery aus London, die mit einem riesigen Offiziersmesser aus Filz, das den Kronjuwelen gegenübergestellt ist, dem Gastland ironisch seine Reverenz erweist. Lucy Sparrow macht überhaupt alles aus Filz, ganze Läden hat sie mit Produkten aus diesem Material bestückt. In Basel sind vor allem Wandschränke mit Hygieneartikeln, Zigaretten oder Luxusprodukten zu sehen, die um die 2500 Pfund liegen. Bedenkt man, dass dies Editionen von 20 bis 50 Stück sind, kann man sich Sparrow eigentlich nur ständig am Nähen vorstellen.

Sprungbrett Volta?

Nach ihrem Selbstverständnis ist die Volta Sprungbrett für die Art Basel. Das ist schon etwas vollmundig, zu unentschlossen wirkt die Auswahl der knapp 70 Galerien. Auf der Volta 12 finden sich Arbeiten von Künstlern, die Ausstellungen in bedeutenden Institutionen vorweisen können, von vielversprechenden Akademieabsolventen, aber auch solche, die einen etwas ratlos zurücklassen. Dazu zählen die Plastiken von Wendy Mayer am Stand von Charlie Smith, die noch in das kleinste Gefäss Babypuppen pfropft. Mit der Markthalle und ihrer lichten Kuppel verfügt die Kunstmesse aber über einen klaren Standortvorteil.

Grund genug, etwas genauer hinzusehen. Conrads präsentiert einen grös­seren Werkkomplex des niederländischen Künstlers Herman de Vries, der seine Materialien in der Natur findet und mit Pflanzenpigmenten oder unmittelbar mit getrockneten Blüten und Blättern arbeitet. Auch die Arbeiten von Sven Drühl und die klaren, reduzierten Zeichnungen von Pius Fox sind beachtenswert.

Einen Stopp sollte man auch bei der spanischen Galerie Rosa Santos ein­legen, die eine konzeptuelle Arbeit der 1980 geborenen Andrea Canepa ausstellt. Die Peruanerin mit Wohnort in Valencia und Berlin hat für ihre Serie «Todas las calles del año» nach Strassen in Südamerika recherchiert, die nach bestimmten Jahrestagen benannt sind, und so Tag für Tag, Monat für Monat ein Jahr zusammengestellt. Ihre Zeichnungen, die an lateinamerikanische Schildermalerei erinnern und jeweils durch einen erklärenden Textblock ergänzt sind, überliefern Landesgeschichte in Gedenktagen und stehen monatsweise für um die 35'000 Euro zum Verkauf.

Holz und Beton

Zu den wenigen Galerien, die auf der Volta 12 eine Solopräsentation zeigen, gehört die junge Berliner Galerie Rockelmann &, die Yasmin Alt vertritt. Die Absolventin der Dresdner Akademie interessiert sich für allerlei Fragmentarisches, das sie entweder auf dem Boden zu Installationen fügt oder auf dem Papier collagiert. Beide Formen sind eng miteinander verbunden. Für ihre Bodenarbeiten verwendet sie oft gefundenes Holz, sie giesst Beton oder gibt Drechselarbeiten in Auftrag, deren Ausschläge die Höhen und Tiefen eines Songs widerspiegeln. Die kleinsten Objekte beginnen bei um die 700 Euro.

Auf schon arrivierte Namen setzt man bei Tyler Rollins, wo unter anderem eine Serie der Fotografin Tracey Moffat zu sehen ist, die in ihrem Werk oft soziale Verhältnisse zu Geschichten verdichtet. Unter dem Titel «Scarred for Life» sind etwa zwei Schwestern dazu verdonnert, mit einer Schere den Rasen zu trimmen, und auf einer anderen Arbeit kommentiert eine Mutter die Schwangerschaft ihrer ledigen 45-jährigen Tochter, die rauchend vor ihr steht: «Wäre ich nicht katholisch, ich würde mich umbringen.»

Ein bisschen Humor kann überhaupt nicht schaden – auch wenn ein Grossteil der auf der 12. Ausgabe der Volta gezeigten Kunst von sehr solider bis guter Qualität ist.

Scope, Webergasse 34. Täglich 11–20 Uhr. Bis 19. Juni.

Volta 12, Markthalle, Viaduktstrasse 10. Täglich 10–19 Uhr. Bis 18. Juni. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.06.2016, 07:05 Uhr

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