1967 hat Basel Zeitungsgeschichte geschrieben

Im Dezember 1967 stimmten die Basler Bürger einem Kredit von sechs Millionen Franken zu, um zwei Bilder von Picasso zu retten. Der Entscheid erregte weltweit Aufsehen.

Banner an der Fassade des Kunstmuseums am 6. Januar 1968.

Banner an der Fassade des Kunstmuseums am 6. Januar 1968. Bild: Kurt Wyss

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Die Volksabstimmung über zwei Picasso-Bilder im Jahre 1967 ist ein Basler Mythos, der im Schlepptau der morgen eröffnenden Picasso-Ausstellung mit Macht wieder in unser Bewusstsein rückt. Die Geschichte vom Absturz der Globe-Air-Maschine über die Volksabstimmung, bei der mit grossem Mehr sechs Millionen Franken für den Kauf zweier Picasso-Bilder gutgeheissen wurden, bis zu Pablo Picassos grosszügigen Geschenken an das Kunstmuseum wird immer wieder herangezogen, wenn es um die Erhaltung der Basler Kunstinstitutionen oder deren Ausbau geht. Es kam damals zu einem Schulterschluss quer durch die Gesellschaft. Von den Museumsleuten bis zu den Fussballern des FCB wurde für den Erhalt der beiden Picasso-Bilder im Kunstmuseum gekämpft.

Am Anfang stand der Absturz eines Flugzeugs der Chartergesellschaft Globe Air, die Peter Staechelin gegründet hatte. Das Flugzeug stürzte am 20. April 1967 in Nikosia ab. 126 Personen kamen zu Tode. Die Globe Air ging Konkurs und Staechelin musste, um seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können, auf das Familienvermögen zurückgreifen. Er verkaufte vier Bilder, darunter Vincent van Goghs «La berceuse», eines der Lieblingsbilder der Basler, das im Kunstmuseum als Leihgabe der Staechelin’schen Familienstiftung hing.

Sturm der Entrüstung

Als Staechelin auch noch Picassos «Les deux frères» und «Arlequin assis» verkaufen wollte – beide Bilder hingen seit Jahren als Leihgaben im Kunstmuseum –, gab es einen Sturm der Entrüstung in Basel. Die Regierung entschloss sich, sechs Millionen Franken für den Kauf der Bilder bereitzustellen, der Grosse Rat folgte ihr darin. Nur vier Grossräte stimmten an der Sitzung vom 12. Oktober 1967 dagegen.

Alfred Lauper, ein Garagist, der später als Grossrat für die Nationale Aktion politisierte, lancierte daraufhin ein Referendum. Es mobilisierte Gegner und Anhänger des Picasso-Kredits gleichermassen. Die Reihen der Befürworter schlossen sich und es kam zu einer eigentlichen Jugendbewegung zugunsten der Bilder. Das Bettlerfest vom 25. November 1967, an dem über 200 000 Franken zum Kaufpreis für die Bilder zusammenkamen, ist bei vielen Baslern noch in bester Erinnerung.

Im Abstimmungskampf erhoben nochmals die Redaktoren der Zeitungen ihre Stimme und appellierten an den Kunstsinn der Basler. Die Blätter öffneten auch den Gegnern ihre Spalten. Die Abstimmung am 16./17. Dezember 1967 verlief dann für die Picasso-­Freunde überaus erfreulich. Mit 5000 Stimmen Vorsprung wurde der Kredit für den Ankauf der beiden Bilder angenommen.

Grosszügiger Meister

Picasso, der über den Basler Erfolg informiert wurde, lud noch am Abstimmungssonntag den Direktor des Kunstmuseums, Franz Meyer, nach Südfrankreich in sein Atelier ein und schenkte Basel aus Freude über das Abstimmungsresultat vier Bilder. Bei der Auswahl der Bilder kam Jacqueline Picasso (1927–1986) eine ganz besondere Rolle zu. Sie erzählte Franz Meyer, dass «Homme, femme et enfant» für sie und Picasso von ganz besonderer Bedeutung sei. Denn die Frau im Bild (Fernande Olivier, Picassos Muse von 1904–1912) erinnere frappant an Jacqueline. Und darum sei dieses Werk von 1906 ein Bild «de lui et de moi avec l’enfant qu’on n’a pas eu!». Und als Franz Meyer angesichts der Werke aus der aktuellen Produktion sagte: «Pour le moment je ne sais pas lequel des deux!», antwortete sie: «Mais pourqoui pas tous les deux!» Und so schenkte Picasso die «Vénus et l’amour» und «Le couple».

Nicht genug: Maja Sacher, die Basler Kunstmäzenin und Roche-Aktionärin, rundete die Bescherung ab und schenkte dem Museum ein kubistisches Meisterwerk. Die Sammlung des Kunstmuseums wurde also im Dezember 1967 um sieben Meisterwerke Picassos erweitert.

Heldengeschichte der Basler Bürgerschaft

Die Geschichte über den Picasso-Kauf ist ein Lehrstück über die Beziehung von privaten Sammlern und öffentlichen Museen. Zum einen wird offenbar, dass die Leihgabe eines Privaten an ein Museum von der Öffentlichkeit recht eigentlich in Besitz genommen wird. Der Besitzer, der das Bild zurückzieht, läuft Gefahr, Sympathien zu verlieren, ja gar zur Persona non grata zu werden, wie im Falle Peter Staechelins geschehen.

Andererseits ist die breite Solidarität zugunsten des Kunstmuseums eine Heldengeschichte der Basler Bürgerschaft. Dabei ist festzuhalten, dass die Picasso-Abstimmung nicht einer Neuerwerbung galt, sondern eine Rettungsaktion für zwei Bilder war, die schon lange im Museum hingen. Die Abstimmung, die vor den Studentenprotesten von 1968 stattfand, sicherte auch nicht zwei avantgardistische Bilder, sondern zwei relativ traditionelle Picassos. Diese Kunst-­Abstimmung hatte etwas Konservatives und war zugleich ein vehementer Protest gegen den Verkauf von Werken aus dem Kunstmuseum um des schnöden Mammons willen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.03.2013, 17:37 Uhr

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