Der ungeheure Mensch

Ein schonungslos intimer Blick auf das menschliche Wesen und seine Wesenswüsten: Die Malerin Marlene Dumas zersetzt in der Fondation Beyeler unser Bild von uns selbst.

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Es ist ihr Geheimnis, das Rätsel der südafrikanischen Malerin Marlene Dumas: Wie macht sie das nur? Wie schafft es die heute 62-Jährige, mit den Mitteln von Tusche oder Öl einen Menschen so darzustellen, dass von dessen Gesicht und Körper die Wirkung eines Splattermovies wie eine schnelle Zigarette verraucht? Marlene Dumas: Hier feiert sich Malerei, und sie feiert sich als das mo­dernste Medium der Gegenwart. Hier feiert sich eine Malerin als Pier Paolo Pasolinis jüngere Schwester, mit schonungslos intimem Blick für das menschliche Wesen und seine Wesenswüsten. Denn die Dumas malt Menschen mit allen ihren Möglichkeiten – zu lieben und zu töten, zu verletzen und dabei selber verletzlich zu sein. Dieser Künstlerin, von der man sagt, Südafrika habe ihr den Inhalt gegeben, Europa die Form, ist nichts Menschliches fremd, und das heisst: nichts Unmenschliches.

Die Last des Mannes

«The Image as Burden» nennt Dumas in der Fondation Beyeler ihre erste und bislang umfangreichste Retrospektive in Europa. Die Ausstellung ist von drei Häusern gemeinsam realisiert worden: jenem in Riehen, der Tate Modern in London sowie dem Stedelijk Museum in Amsterdam, wo die Malerin seit 1976 lebt. Dumas benennt ihre Retrospektive nach einem Bild, das sie bereits 1993 gemalt hat, überraschend kleinformatig, man wird es in der weitläufigen Ausstellung in Riehen nur mit hellwachem Blick finden. «The Image as Burden», das Bild als Bürde. Darauf zu sehen ist eine Pietà des Kinos nach einem Filmstill von ­George Cukors «Camille». Dumas zeigt einen Mann (nach dem Vor-Bild des Schauspielers Robert Taylor), der eine Frau trägt (Greta Garbo), und das mit sichtlicher Anstrengung. Und es ist nur bedingt die Last der lasziv lagernden Dame; es ist vielmehr die Last des Mannes, der mit Garbo das Bild einer Frau, der Frau überhaupt, in Händen hält. Taylor stemmt mit Garbo sozusagen das Sinnbild des Weiblichen. Ein Knochenjob, fürwahr.

Dabei ist die namentliche Last aber auch die Last der Künstlerin, die im Bildtitel mit dem ihr eigenen Wortwitz auftrumpft: eine Künstlerin, die weiss, welche Verantwortung sie trägt. Denn ein Bild wird von ihr erwartet. Doch was ist das? Mehr als Illusion? Mehr als eine malerische Geste und eine Idee?

Der Akt des Malens

Vor Dumas’ Gemälden denken wir nicht nur darüber nach, was das Bild mit der Malerei macht. Sondern vor allem, was die Malerei mit dem Bild macht. Hier geht es um den Vollzug, den Akt, den Akt des Malens. Und dieser hat bei ihr die unterschiedlichsten Quellen: Film, Philosophie, Popmusik, Pressebilder, aber auch Gemälde von Degas, David oder Caravaggio. Dumas selbst sieht es so: «Ich bin eine Künstlerin, die Bilder aus zweiter Hand verwendet und Erfahrungen aus erster Hand.»

Es ist überwältigend, was mit «The Image as Burden» diesen Sommer in Riehen zu sehen ist. Kuratiert von Theodora Vischer, versammelt die Ausstellung chronologisch ein Œuvre aus 40 Jahren, bei dem Salman Rushdies Bonmot das heimliche Motto sein könnte: «Alle Geschichten werden heimgesucht von den Gespenstern der Geschichten, die sie hätten sein können.» In Riehen ausgestellt sind frühe Zeichnungen (etwa «I Won’t Have a Potplant» als selbstironische Absage an den holländischen Topfpflanzenkult) und frühe experimentelle Collagen aus Blaupausen und den News-Meldungen der Tageszeitungen wie «Love versus Dead», die vier Meter lange Todesvariation, die Aldo Moro, Steve Biko und die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim («Is She Dead or Not?», fragt Dumas) in ein Bild setzt und die Frage stellt nach Original und Kopie.

Zu sehen sind aber auch ikonische Ölgemälde wie die XL-Close-ups von Martha Freud, «Genetiese Heimwee» («Genetisches Heimweh») oder «Het Kwaad Is Banal» («Das Böse ist banal»), ein Selbstbild. Expressiv und dunkel ist hier der Gestus, brennendes Rot setzt Akzente, und je jünger die Arbeiten werden, umso grosszügiger dehnen sie sich in der Fläche aus. Und wer vor der zentralen Werkgruppe der riesigen schwarzen «Magdalena-Bilder» nach der Vorlage des Topmodels Naomi Campbell (gemalt für den holländischen Pavillon 1995 in Venedig) die sinnlichen, nackten Frontfrauen, die uns erhobenen Hauptes entgegentreten, verstehen will, wird dazu Dumas’ Bekenntniszeilen lesen: «Die Muse ist erschöpft, weil sie Überstunden macht, zu viele Männer und Frauen, die an ihren Brüsten saugen.» Der Akt des Malens ist ein Akt des Lebens bei ­Dumas, ein Schutzgebet auch.

Aggressiv und verletzlich zugleich

Mit diesem Wissen steht man vor dem vielleicht eindrücklichsten Ölgemälde, «The Painter» («Die Malerin»). Es ist eine dieser Nachtkreaturen, die Dumas so einzigartig beherrscht, komplex in der malerischen Symbolik und vielschichtig als biografisches Symptom. Ein kleines Mädchen, nackt natürlich, sein trotziges Gesicht ist in grünliche Farbe getaucht, seine Hände sind über und über mit Farbe beschmiert. Links ist es die Farbe von arteriellem Rot, rechts venöses Purpur. Es ist ein weisses Mädchen, und doch erinnert seine Haltung und seine Ausstrahlung an eine afrikanische Skulptur. Aggressiv und verletzlich zugleich ist dieses Kindwesen, an dessen Ausgang eine Fotografie von Dumas’ Tochter Helene stand. Doch die Künstlerin arbeitet nicht nach der Natur, oder doch: Ihre Natur meint eine innere Wahrheit.

«The Painter» spielt auf die Vereinbarung an, dass das Weibliche das Passive sei, «das Bild» per se. Und wenn dem so ist, und es ist dem wohl noch immer so, dann stellt sich Marlene Dumas diesem Umstand mit einem kreativen Akt entgegen. Dass daraus Ungeheuer wachsen, ist folgerichtig: Der Mensch ist nicht geheuer. Doch der Akt des Malens scheint noch ungeheuerlicher zu sein.

Bis 6. September. Katalog «The Image as Burden» mit Essays und einer chronologischen Übersicht über das Gesamtwerk von Dumas. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2015, 19:26 Uhr

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