Das Ohr als Tor zum Unbewussten

Das Basler Museum Tinguely präsentiert in einem «Hör-Parcours» hundert Jahre Radiogeschichte. Über 200 Stunden Radioproduktion sind abrufbar. 

Radiotechnikerin mit Tonbandsalat in den 60er-Jahren: An der Schau kann in über 200 Radiostunden reingehört werden.  Foto: Bernard Perrine

Radiotechnikerin mit Tonbandsalat in den 60er-Jahren: An der Schau kann in über 200 Radiostunden reingehört werden. Foto: Bernard Perrine

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In der neuen Ausstellung im Museum Tinguely gibt es kein Bild und keine Skulptur. Einzig die «Grosse-Méta-Maxi-Maxi-Utopia» im Erdgeschoss erinnert die Besucher daran, dass man sich beim Meister der kinetischen Skulptur zu Hause befindet und der 1991 verstorbene Künstler seine segnende Hand wahrscheinlich auch über diese Ausstellung gehalten hätte.

Auch Tinguely hat sich mit Radio beschäftigt. Er, der in vielen seiner Skulpturen mit Ton- und Geräuscheffekten arbeitet, hat auch eine Radioskulptur geschaffen. Das war 1962. Im Grunde aber hat das, was das Museum unter dem Titel «Radiophonic Spaces» auf die Beine gestellt hat, wenig mit Tinguely zu tun. Da sind über den Raum verteilt 15 Drähte von der Decke zum Boden gespannt, die als Radiosender fungieren. An der Wand gibt es noch zwei Computer, auf denen man sich vertieft mit den in der Ausstellung verhandelten Themen beschäftigen kann. Die Besucher erhalten ein Smartphone in die Hand gedrückt samt hochwertigem Kopfhörer, über den man nun die erstaunlichsten Sachen zu Gehör bekommt.

Es rauscht und hämmert

Man kann sich treiben lassen. Von Draht zu Draht spazieren. Plötzlich rauscht es. Dann hämmert es. Es klingt nach Techno. Dann wieder vernimmt man Blasmusikklänge. Wenn man sich irgendwo festgehört hat, kann man das Gehörte verlängern. Kann die Programme wechseln und in kurzer Zeit eine Übersicht über experimentelle, avantgardistische oder sonst ambitionierte radiofone Formen der letzten hundert Jahre erhalten. Oder man kann in ganze Sendungen reinhören, von BBC Radio bis zu Kunstinstallationen auf der Documenta 14, vom Hörspiel des Schweizer Radios bis zu Aufnahmen des Deutschlandfunks mit John Cage. 

Über 200 Stunden Radioproduktion sind abrufbar, die kuratierte Auswahl aus mittlerweile 9000 Radiostücken, die von den Medienwissenschaftlern der Bauhaus-Universität Weimar systematisch, weltweit und mit wissenschaftlichem Anspruch gesammelt wurden.

Vergleichbar den Gruppierungen, die Museen mit ihren Bildern oder Skulpturen vornehmen, werden hier die Radio­stücke thematisch zusammen-gestellt. Sendungen, die aus Studios stammen, die sich mit Musik und Geräuschen auseinandersetzen, laufen unter Titeln wie «Plattengeschichten», «Tor zum Unbewussten», «Expanded Radio» oder «Funkstille». Steht der Mensch im Mittelpunkt, heisst es «Ecce Homo».

Daraus ergeben sich dann, chronologisch betrachtet, «narrative Zusammenhänge», wie sich die Ausstellungsmacher ausdrücken. Aber trotz Auswahl und Gliederung ringt sich die Ausstellung nie zu einer These, einer präzisen Fragestellung durch. Sie ist eher ein Puzzle, aus dem sich der Besucher sein eigenes Bild erschaffen muss.

Verantwortet wird das Hörstück von Nathalie Singer, die das Institut für Experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität ­Weimar leitet. Sie hat auch die Übersicht über die Forschungsvorhaben im Radiobereich, deren Ergebnisse in die Ausstellung Eingang gefunden haben, die sich auch auf das Nationalfondsprojekt «Radiophonic Cultures» stützen kann, das von der Basler Uniprofessorin Ute Holl geleitet wird.

Museum sendet auch selber

Das Tinguely-Museum selbst ist Gastgeber, nicht mehr und nicht weniger. Es erweist mit dieser Ausstellung der Radiokultur die museale Ehre. Parallel zur Ausstellung werden Themenwochen organisiert, die vom Radio im Film über Stadtsagen bis zur Radiokultur in verschiedenen Ländern reichen. Zudem geht das Museum selbst unter die Radiomacher und sendet, moderiert von Roger Ehret, jeden Sonntag um 17 Uhr auf www.tinguely.ch/radiotinguely.

Bis 27. Januar 2019.  Tinguely-Museum, Basel (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 26.10.2018, 19:34 Uhr

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