Ächzende, krächzende Unglücksraben

Einen Abschluss in Harvard und was noch? Joshua Ferris schildert in seinem Erzählungsband «Männer, die sich schlecht benehmen» das Leben unter Selbstoptimierungsimperativen.  

Soll sie mit dem Mann in den Central Park? Joshua Ferris’ Protagonistin ist sich nicht sicher. Foto: Getty Images

Soll sie mit dem Mann in den Central Park? Joshua Ferris’ Protagonistin ist sich nicht sicher. Foto: Getty Images

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Die Angst, aus ihrem Leben nicht das Maximum herauszuholen, sitzt ihnen im Nacken. Sie wissen nicht, wo die Messlatte hängt, aber sie wollen sie unbedingt reissen. In dauernder Anspannung strecken sie sich nach der Decke, in der Freizeit noch mehr als bei der Arbeit. Den entscheidenden Moment dürfen sie auf keinen Fall verpassen, und dann müssen sie ganz genau das Richtige tun. Aber was soll das sein? Wer das Maximum anstrebt, hat immer Luft nach oben. Es ist ein spezieller Typus New Yorker Grossstadtneurotiker, den der in Brooklyn lebende Joshua Ferris in seinem Erzählungsband «Männer, die sich schlecht benehmen» in Szene setzt.

Picknick oder Sex?

«Die Brise» heisst eine ebenso sehnsuchtsvolle wie paranoide Erzählung, in der eine Frau auf ihrem Balkon die erste Frühlingsluft schnuppert und vom Gefühl überwältigt wird, sie müsse unbedingt etwas Besonderes tun: mit ihrem Mann in den Central Park? Nur ein Picknick oder wilder Sex in den Büschen? Man könnte auch in eine Lounge gehen und mit einem Drink vom Hochhaus auf den Park blicken oder Freunde zu einem Treffen animieren. Vielleicht wäre ein gemütlicher Italiener das Richtige? Was aber, wenn die anderen Gäste fröhlicher sind und sie sich anöden? Ist es nicht schon viel zu spät, um loszufahren?  

Es ist typisch für Joshua Ferris, dass er diese Überlegungen nicht als inneren Monolog erzählt. Er gestaltet sie als rasche Abfolge von Variationen mit unklarem Wirklichkeitsstatus. Blitzschnell tastet er seine Protagonisten von innen und aussen ab und entwirft ein hektisches Screening der Stimmungsumschwünge. Wörtliche Dialoge wechseln sich mit indirekt wiedergegebenen Gesprächsfetzen ab. Und so begleiten wir Sarah und Jay, teilen Momente der Euphorie, gefährliche Differenzen, befriedete Augenblicke. Und wissen bis zum Schluss nicht, ob sie die Wohnung überhaupt verlassen haben.

Die Panik, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen und aus den vielen Optionen womöglich die falsche zu wählen, treibt viele Figuren um. Sie beschimpfen sich vor dem Spiegel oder nutzen den Spiegel eines Gästebads, um sich zu stabilisieren. So macht es ein drittklassiger Drehbuchautor, der nach tagelangem Hin und Her, ob die per Mail verschickte Einladung überhaupt ihm gelten kann, doch auf die Party einer erfolgreichen Kollegin gegangen ist. Als trockener Alkoholiker fühlt er sich ausgeschlossen und ungeschickt, bis er hemmungslos zu trinken beginnt.   

Diabolische Präzision

Die stille «Implosion» von Paarbeziehungen unter Optimierungsdruck beschreibt der 1974 geborene Joshua Ferris mit diabolischer Präzision. Sophie und Tom sind eigentlich auf dem Weg zu einem Abendessen mit ihren Eltern. Da meint Sophie die Frau zu entdecken, mit der ihr Mann eine Affäre hatte. Und schon schert sie aus und setzt sich auf deren Spur. Sie beobachtet die Frau und vergleicht sich mit ihr. «Schöner» ist die andere auf jeden Fall. Hat ihr Mann nicht neulich gesagt, alle hätten Affären?                                                             

Während Sophie sich immer weiter in die Herausforderung hineinsteigert und am Ende in sexuelles Brachland vorwagt, greift ihr Mann zum beruhigenden Klassifikationsmuster dualen Denkens. Für ihn ist die Sache klar: Entweder seine Frau verzeiht ihm (tatsächlich handelt es sich um ein längeres Verhältnis) oder eben nicht. Doch im Restaurant warten nicht nur die Schwiegereltern. Es wartet auch eine böse Überraschung auf ihn.

Eine Geschichte spielt in Prag, wo einem dickleibigen amerikanischen Werbefachmann der «historische Mist» erheblich auf die Nerven geht. Doch New York ist der ideale Schauplatz für den Stoff dieser Storys. Es sind Geschichten einer überspannten Gegenwart, in der zu viele Optionen in ständiger Reichweite sind, um nicht darüber zu stolpern, dass «andere Leute glücklicher sind beziehungsweise mehr aus ihrem Leben herausholen.»         

Komik wie in einer Sitcom

Joshua Ferris ist dort am besten, wo er die Einsicht in diese Dynamik melancholisch grundiert, etwa wenn er den Ex-Geliebten einer Mutter, die ihrem Sohn erklärt, Männer seien die «Sauerei» nicht wert, die sie ständig machen, über den Jungen denken lässt: «Der Kleine ist wirklich ein Unglücksrabe (...). In so einem Leben geht nie etwas von selbst und nie etwas gut aus.» 

Es gibt grössere Katastrophen, als sich zwischen vielen Optionen entscheiden zu müssen. Dass es sich bei den Neurosen moderner Grossstadtbewohner trotz allem um Privilegien handelt, ist offensichtlich. Die Geschwindigkeit des Schlagabtauschs und der Sinn für Komik dieser Geschichten erinnern an Sitcoms. Joshua Ferris transferiert den Hang zum Aufgekratzten in einen Tonfall, der dem stillen Lesen entgegenkommt und dennoch sein Tempo hält – ein erstaunliches Kunststück.                                               

Joshua Ferris: «Männer, die sich schlecht benehmen».

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.01.2019, 19:20 Uhr

Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Luchterhand München 2018. 288 S., ca. 35 Fr.

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