Aus der Welt der Malocher, Trucker und Huren

Der Comic «Wieder unterwegs» von Baru ist eine grosse Demontage des Freiheitsbegriffs – und auf keinen Fall jugendfrei.

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Baru hörte sich wieder und wieder «On the Road Again» an, während er «Sur la route encore» zeichnete – damals, 1997, dreissig Jahre nachdem der Kultsong der Bluesrockband Canned Heat entstanden war. Nun erst liegt die gezeichnete Retroreise auf Deutsch vor; aber trotzdem fühlt sie sich, mit ihrem Plangen nach einer Temps perdu, nach den verlorenen Träumen von 68 an wie eine eben aufgerissene Wunde. Sie blutet, sie saut alle Ideale ein, die da mal waren. Die Comics, die der grosse französische Zeichner über solche Wunden legt, sind freilich keine Pflaster, eher Röntgenbilder.

Baru, mit bürgerlichem Namen Hervé Barulea, ist einer der ganz wenigen Comic-Künstler, die am Festival in Angoulême mehrmals für ein «bestes Album» ausgezeichnet wurden; und 2010 erhielt er den Grand prix de la ville d’Angoulême fürs Gesamtwerk. Dort wurde auch der (2009 entstandene) Dokfilm präsentiert, der ins Herz seines Schaffens – und auch in das von «Wieder unterwegs» – führt: «Génération Baru» von Jean-Luc Muller, ein Roadmovie durch den Rock ’n’ Roll und das «Post-Proletariat» in der Bande dessinée. Schliesslich hatte dem 1947 in Lothringen geborenen Büezersohn, dem italienischstämmigen Immigrantenkind keiner an der Wiege von einer Künstlerkarriere gesungen; der Comic-Kosmos des ehemaligen Sportlehrers besteht aus der Welt der Malocher, Trucker und Huren.

Zwischenspiel mit bösen Folgen

So spielt «Wieder unterwegs» in schäbigen Provinzdiskotheken, auf Parkplätzen billiger Raststätten, in klapprigen Autos – und ist auf keinen Fall jugendfrei. «On the Road Again» sind hier Edith und André: Er ist auf der Suche nach ihr. Im Pariser Mai 1968 hatten sie sich kennen gelernt, geheiratet und sich ins Spiessertum hineingesetzt wie in ein Nest, bis, ja, bis dieses Nest ein Vierteljahrhundert später zum Gefängnis mutiert ist. Edith bricht auf mit nichts als einer Tasche über der Schulter und lässt sich treiben. Sie trampt, reist auf den Pfaden ihrer Vergangenheit. Und trifft dabei auf eine unschöne Gegenwart: kaputte Gestalten, eine paranoide Zwergwüchsige, einen perversen Parkplatz-Stammgast, eine sexsüchtige Hotelière ... André wiederum erlebt ein Konzert seiner Lieblingsband von einst, und der testosterongeschwängerte Abend endet in einer Massenschlägerei. Dann fährt er in einem kleinen Renault 4 unfreiwillig zu einem voyeuristischen Zwischenspiel mit bösen Folgen. Und besser wird es nicht.

Überhaupt entpuppt sich alles, was einst als grosse Freiheit gefeiert wurde, als Dreck, Dummheit, Drückebergerei oder simple Kleinkriminaliät. Der dramaturgische Clou dieser fünf Kapitel aus schrägen Shortcuts – dieses Horrortrips aus hässlichen Szenen mit schreienden Farben – ist darum der Auftritt zweier verpennter Policiers. Sie werden einen der Spinner aus ihrer alten Clique einkassieren, und alles klärt sich.

Die Welt ist aus den Fugen, aber Baru hat sie in eine strenge, geradlinige Panelarchitektur gepackt: Form fights function. Die karikaturesk entstellten Gesichter fallen sozusagen aus dem Rahmen, grobe Nacktheit drückt sich dem Betrachter aufs Auge, kommt viel zu nah, während hoch oben der Himmel über der Bretagne wunderbar blau und wunderbar unberührt leuchtet wie seit ewigen Zeiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2014, 09:02 Uhr

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Comic

Baru: Wieder unterwegs. Reprodukt, Berlin 2013. 104 S., ca. 32 Fr.

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