Ausbruch aus dem «Funktionsgehege»

Krimi der Woche: Für eine Hommage an den Noir-Meister Cornell Woolrich, «Der Narr und seine Maschine», hat Friedrich Ani seinen Ermittler Tabor Süden reaktiviert.

Friedrich Ani, der auch Autor zahlreicher Hörspiele, Bühnenstücke und Drehbücher ist, veröffentlichte bisher rund 50 Bücher.

Friedrich Ani, der auch Autor zahlreicher Hörspiele, Bühnenstücke und Drehbücher ist, veröffentlichte bisher rund 50 Bücher. Bild: Bild: blu-news.org

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Der erste Satz

Ein Mann in einer Bahnhofshalle, irgendein Mann in irgendeiner Bahnhofshalle.

Das Buch
19 Bücher um den Ermittler Tabor Süden, Spezialist für «Vermissungen», wie er es nennt, hat der Münchner Autor Friedrich Ani von 1998 bis 2016 veröffentlicht, dazu eine Reihe von Hörspielen. Dann endete diese Serie. Doch im neuen, schmalen Band «Der Narr und seine Maschine» kehrt Süden zurück.

Ani wollte etwas über den stilbildenden amerikanischen Autor Cornell Woolrich schreiben, dessen Tod sich diesen Herbst zum fünfzigsten Mal jährte. Da, so schreibt Ani im Onlinemagazin «Culturmag», «trat wie selbstverständlich mein alter Wegbegleiter Süden aus dem Dunkel, verwandelte sich in die Silhouette eines Vergessenen und machte sich auf die Suche nach ihm. Also tat ich, was ich in Südens Gegenwart immer getan habe – ich folgte ihm und verspürte ein seltsames Glück, ihn so unverhofft wiedergetroffen zu haben.»

Cornell George Hopley-Woolrich (1903–1968), wie er mit vollem Namen hiess, zählt als Autor von Werken wie «Die Braut trug schwarz», «Der schwarze Vorhang» und «Der schwarze Engel» zu den bedeutendsten Autoren der «schwarzen Serie» der 1940er- und 1950er-Jahre; viele seiner Werke wurden verfilmt. Heute ist dieser Schöpfer düsterer Geschichten im deutschen Sprachraum vergessen gegangen; seine Bücher sind nur noch antiquarisch zu finden. Da der Noir-Meister keinen Serienhelden pflegte, wusste man bei ihm nie, «wie eine Geschichte ausging», schreibt Ani: «Seine Figuren – Männer wie Frauen – kriechen nachts unter ihren Schatten, um etwas weniger zu frieren.»

So liest sich auch Anis düstere Hommage an Woolrich. Der schweigsame Süden will verschwinden. Am Bahnhof wird er von der Inhaberin der Detektei, bei der er zuletzt gearbeitet hat, aufgehalten. Er soll helfen, einen vermissten Schriftsteller zu finden. Cornelius Hallig hatte früher Krimis geschrieben, dies unter dem Pseudonym Georg Ulrich – Georg für Woolrichs zweiten Vornamen, Ulrich, weil dies wie Woolrich klingt.

Süden und Hallig, so zeigt die parallele Erzählweise, sind Seelenverwandte. Wie der Ermittler hat sich der Autor aufgemacht, um «unwiderruflich zu verschwinden». Es ist eine melancholische Geschichte, die Friedrich Ani in seinem knappen, nie geschwätzigen Stil auf berührende, aber nie kitschige Art erzählt. Die beiden Männer finden sich einer Beiz, wo sie wenig reden und viel trinken: «Dies war ein Niemandsland, vollgepfropft mit Stammgästen der Zeitlosigkeit. Am Eingang brauchte niemand einen Ausweis vorzuzeigen, niemand wurde nach seiner Rolle draussen im Funktionsgehege gefragt.»

Bei der Maschine des Narren im Buchtitel, einem Zitat aus Woolrichs Autobiografie, handelt es sich übrigens um eine Schreibmaschine. Zu Woolrichs Ehren habe er seine erste Schreibmaschine, eine Olympia Monica, von Meisterhand ölen, putzen und neu einstellen lassen, schreibt Ani. «Kriminalschriftsteller sind die letzten Romantiker, wussten Sie das nicht?»

Die Wertung

Der Autor
Friedrich Ani, geboren 1959 in Kochel am See in Oberbayern, arbeitete als Polizeireporter und Kulturjournalist. 1996 erschien sein erster Roman. Der vielseitige Schreiber, der auch Autor zahlreicher Hörspiele, Bühnenstücke und Drehbücher ist, veröffentlichte bisher rund 50 Bücher, darunter auch Lyrikbände und Jugendromane. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seine Serie über den Münchner Ermittler Tabor Süden, der zunächst bei der Polizei war, dann Privatdetektiv wurde, umfasst jetzt 21 Romane. Zudem veröffentlichte Ani in den letzten Jahren zwei Romane mit dem pensionierten Kommissar Jakob Franck. Romane von Ani wurden laut Wikipedia ins Französische, Spanische, Niederländische, Dänische, Koreanische, Chinesische übersetzt.

Friedrich Ani: «Der Narr und seine Maschine». Suhrkamp, Berlin 2018, 143 S., ca. 27 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2018, 15:45 Uhr

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