Das Mass aller Dinge

Der deutsche Schriftsteller Karl-Heinz Ott nähert sich dem Komponisten Ludwig van Beethoven. Ein Buch für interessierte Laien, das auch dem Kenner einiges zu bieten hat.

Goldstandard der klassischen Musik: Ludwig van Beethoven (1770–1827). Foto: Getty Images

Goldstandard der klassischen Musik: Ludwig van Beethoven (1770–1827). Foto: Getty Images

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Sachbuchverlage sind ihrer Zeit voraus. So feiern wir jetzt zwar das Fontane-, das Keller- und das Escher-Jahr, aber 2020 blüht uns ein Beethoven-Jubiläum, und schon jetzt erscheinen die ersten Huldigungsbücher. Neben der Musikjournalistin Eleonore Büning legt nun auch Karl-Heinz Ott seine Auseinandersetzung mit dem «Titanen» vor, dessen ikonisches Abbild – finsterer Ausdruck, wilde Mähne – den Buchumschlag schmückt, auf Goldgrund.

Ja, Beethoven ist der Goldstandard der klassischen Musik; mit ihm brach ein neues Zeitalter an oder gar die Zukunft, wie Richard Wagner meinte (und damit sich selbst meinte). Mit Beethoven nimmt die Musik Abschied vom Ideal des Schönen und Massvollen. Der Komponist als Schöpfer neuer Klangwelten, als Zertrümmerer von Traditionen, als Entwickler und Entdecker: Beethoven wird zum «role model» für alle, die nach ihm kommen und sich für Genies halten (zu Recht oder zu Unrecht). Mit ihm setzt sich die Subjektivität in der Musik durch.

Beethoven setzt aber auch den Massstab in den instrumentalen Formen Sonate, Streichquartett, Sinfonie – und seine Nachfolger damit unter Stress. Denn eigentlich sind diese Formen mit ihm auskomponiert. Ohne Beethoven sind Brahms, Bruckner, Mahler, ja auch Schönberg nicht zu verstehen. Sein Werk wirkt sogar retrospektiv prägend: «Auch Mozart und Haydn können wir nicht wahrnehmen, als hätte es keinen Beethoven gegeben», schreibt Ott. «Wir hören immer mit ihm und durch ihn, ob wir wollen oder nicht.»

Musik als Erlebnis

Karl-Heinz Ott hat sechs Romane geschrieben, aber auch ein Buch über Händel, wirkte viele Jahre als Musikdramaturg und Leiter der Schauspielmusik an verschiedenen Theatern, darunter Basel. Er weiss, wie man «seine Leser abholt», und steigt gleich mit den krassesten Klischees ein, eben der Mähne und dem Da-da-da-daaaa-Motiv.

Auch im weiteren Verlauf prunkt Ott nicht mit Gelehrsamkeit und schreckt nicht mit Fachchinesisch ab, sondern würzt seine Darstellung immer wieder mit Anekdoten oder Exkursen in die Zeitgeschichte. So gerät die Lektüre zu einem anstrengungsfreien Parcours durch Leben, Werk und Zeit Beethovens. Es ist ein Buch eher für Laien als für Kenner, obwohl auch Letztere immer wieder auf Details oder Bezüge stossen, die ihnen bis anhin unbekannt waren.

Noten lesen zu können, wäre allerdings hilfreich, denn Ott geht die neun Sinfonien, die im Zentrum seines Buchs stehen, Satz für Satz durch und illustriert seine Ausführungen immer wieder mit Themen und Motiven. Diese ­Werkerläuterungen sind der am wenigsten originelle Teil des Buchs, sie gehen kaum über das hinaus, was man in Konzertführern findet. Sprachlich allerdings hebt sich Ott von diesen deutlich ab, weil er immer wieder versucht, nicht die Struktur, sondern die Wirkung von Passagen zu beschreiben. Musik als Erlebnis. Da ist die Rede von «besenartigem Scharren» oder «schnarrenden Entengeräuschen», und über den Schluss des ersten Satzes der «Eroica» heisst es: «Schreiende Fortissimo-Fanfaren, Rausch, Seligkeit, Bum, Schluss.»

Der eigentliche Reiz des Buchs geht von den thematischen Kapiteln vor und zwischen den Werkanalysen aus. Da schreibt Ott über den Witz in der Musik oder über das Vordringen der Blasinstrumente. Über die politische Vereinnahmung der «Neunten» – von Hitler über Stalin bis zu Leonard Bernsteins «Freiheit, schöner Götterfunken», zur Europahymne und Macrons Inaugurationszeremonie.

Ott zeigt in diesen Kapiteln, dass vieles, was uns als selbstverständliche Kulturpraxis erscheint, ein historisch relativ junges Phänomen ist. Reine In­strumentalmusik etwa, die nicht zur Begleitung oder Unterhaltung diente, sondern ernsthaftes Zuhören verlangte, kam erst im 18. Jahrhundert zu öffentlicher Anerkennung. Hier macht Ott ein grosses philosophisches Fass auf, rekapituliert die Auseinandersetzung zwischen Rameau und Rousseau, kommt von Kant, der die Musik an die unterste Stelle der Künste setzte (weil sie der Vernunft nichts zu bieten hat), zu Schopenhauer, der sie ganz oben ansiedelte (weil sie das «Triebgewühl in seiner Ungreifbarkeit erfasst»). Zu Schlegel und den Romantikern und über Nietzsche schliesslich zu Lyotard und Derrida, alles verständlich und nachvollziehbar.

Quasireligiöse Züge

Ott masst sich auch nicht an, alles erklären zu können. Tatsächlich bleibt die Faszination für Instrumentalmusik, die ohne Worte auskommt, die «nichts abbildet und nichts ausdrückt», ein schönes Rätsel.

Es war zu Beethovens Zeit (und nicht ohne sein Werk denkbar), dass das Verhältnis zur Musik quasireligiöse Züge annahm, Musik zum «entmythologisierten Gebet» wurde, wie Adorno es formulierte. Dass Konzert­besucher andächtig lauschten – beim jungen Mozart wurde durchaus noch nebenher geschwatzt. Wien hatte zu Beethovens Zeit noch keinen Konzertsaal, man musste ins Theater ausweichen oder in Adelspaläste. Der Komponist der «Wut über den verlorenen Groschen», an dem sich die Musikindustrie heute eine goldene Nase verdient, war lebenslang von adligen Gönnern abhängig. Auch das erfährt man in diesem klugen, mit Verve und Enthusiasmus geschriebenen Buch.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 18:19 Uhr

Karl-Heinz Ott:

Rausch und Stille. Beethovens Sinfonien

Hoffmann & Campe, Hamburg 2019. 238 S., ca. 38 Fr.

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