Das Paradies hat einen hohen Preis

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise wittern die Marxisten wieder Morgenluft. Terry Eagleton, Vordenker der Linken, erklärt in seinem neuen Buch, warum Karl Marx recht hat.

Seine Weltanschauung erhält heute in gewissen Kreisen wieder Zuspruch: Karl Marx.

Seine Weltanschauung erhält heute in gewissen Kreisen wieder Zuspruch: Karl Marx. Bild: AFP

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Nach dem Mauerfall 1989 war es still geworden um den Kommunismus und den Marxismus. Die von Karl Marx und Friedrich Engels kreierte politische Ideologie schien ein für alle Mal gescheitert. Die Umsetzung der Theorie durch Lenin und Stalin in der Sowjetunion und durch Mao in China hatte zu so schrecklichen Verbrechen an der Menschheit geführt, dass jede Diskussion um die Tauglichkeit des Marxismus als Praxis reiner Zynismus war. Um ein hehres Ideal zu erreichen, sollten in Zukunft keine Menschenmassen mehr ihr Leben lassen müssen – dies war Konsens bis weit in linksradikale Reihen hinein.

Das war einmal. Mit der Finanzkrise hat sich diese im Kern vernünftige Haltung geändert. Auf einmal melden sich wieder Stimmen zu Wort, die in der Krise eine Chance sehen, allerdings nicht für den Kapitalismus, sondern für den Kommunismus. Mit einer Prise Schadenfreude stürzen sich marxistisch geschulte Intellektuelle auf die aktuelle Krise, welche die Grundfesten unseres Wirtschaftens erschüttert, und stellen ihr die Weltanschauung von Karl Marx gegenüber. Dabei lebt die Renaissance des Marxismus vom Gedanken der Reinkarnation: Da die Idee gut war, die Praxis aber nicht, geht es darum, einen zweiten Anlauf zu nehmen. Dabei sind die meisten Marxisten so sehr von der Richtigkeit ihres Denkens überzeugt, dass sie die Wirklichkeit verdrängen, ja verzerren: Falls überhaupt, erwähnen sie nur nebenbei, dass die Verbreitung des kommunistischen Gedankenguts Millionen von Menschenleben forderte. Neben dem Nationalsozialismus war der Sozialismus die grösste Todesmaschinerie des 20. Jahrhunderts.

Der entstellte Philosoph

Unter den zahlreichen Neuerscheinungen, die sich eine Rehabilitierung des Marxismus auf die Fahnen geschrieben haben, sticht eine besonders hervor: «Warum Marx recht hat». Der britische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton, der zuletzt mit zwei schmalen Bänden seine analytische Brillanz unter Beweis gestellt hat – «Der Sinn des Lebens» (2008) und «Das Böse» (2011) –, bricht eine Lanze für Karl Marx. «Warum Marx recht hat» spricht, man kann es nicht anders sagen, den deutschen Philosophen selig, ja heilig. In zehn Kapiteln wird jede Infragestellung des Marxismus zu widerlegen versucht. Eagleton, der die marxistische Theorie und Praxis mit beängstigendem Überzeugungspathos verteidigt, schliesst mit dem rhetorischen Satz: «Ist irgendein Philosoph jemals so entstellt worden?»

Bei der Rezeption des Marxismus gibt es regelmässig ein Missverständnis, das mit dem Verhältnis von zeitgenössischer Analyse und zukünftiger Praxis zu tun hat: Die Theorie mit der von Hegel übernommenen Dialektik, die Forderung nach Überwindung von Ausbeutung in all ihren Spielarten, die Fernsicht auf ein utopisches Ideal in Form der klassenlosen Gesellschaft und vor allen Dingen die Analyse des Kapitals, das wegen des Gesetzes der Akkumulation gefährliche Dimensionen annehmen kann – all dies ist in vielen Teilen berückend.

Christliche Denkmuster

Bedrückend wird die Theorie erst in der Praxis, wenn sie einem Kollektiv zwangsweise verschrieben, ja verordnet wird unter dem Freipass der «Diktatur des Proletariats». Bei allen Denkmodellen, welche die Befreiung oder Beglückung erst nach einer langen Durststrecke versprechen, ist Vorsicht geboten: Denn sie öffnen der Willkür Tür und Tor. Marx hat dieses kapitalistische beziehungsweise christliche Denkmuster unbesehen übernommen.

Unverständlich ist, dass der kluge Terry Eagleton nicht erkennt, dass die marxistische Utopie eine säkularisierte Heilslehre ist. In der klassenlosen Gesellschaft eröffnet sich für den ungläubigen Juden Marx ein herrschaftsfreier Raum, in dem der testamentarische Glauben seinen metaphysischen Schleier abwirft. Die Befreiung vom Joch der Religion feiert und zelebriert Marx mit jüdisch-christlichen Denkfiguren. Die Form bleibt gleich, nur der Inhalt ändert sich. Ob das Jenseits nun im Himmel oder auf Erden stattfindet, ist sekundär – daran glauben muss man im einen wie im anderen Fall. Hierin ist der Atheist Marx ein zutiefst theologischer Denker, der sein Telos, die kommunistische Gesellschaft, theologisch begründet.

Die Zeichen stehen auf Sturm, wenn sich die Philosophen als Weltengestalter versuchen

Einer der berühmtesten Sätze der modernen Philosophiegeschichte steht am Schluss des «Kommunistischen Manifests»: «Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern!» Das Tragische ist, dass der Marxismus die Welt nicht nur interpretierte, sondern im Kleid des Kommunismus auch veränderte. «Im 20. Jahrhundert sollte ein Drittel der Menschheit – vom China des Vorsitzenden Mao über den Stasistaat DDR und den antiimperialistischen Kampf in Afrika bis zur Sowjetunion selbst – in den Schatten verschiedener Spielarten dieser bestechenden Lehre geraten», schreibt Tristram Hunt in seiner neuen Engels-Biografie.

Die von Marx geforderte Veränderung ging mit blutiger Gewalt über die Weltbühne und zeigte einmal mehr, dass die Zeichen auf Sturm stehen, wenn die Philosophen sich als Weltengestalter versuchen. Die Idee der Aufklärung, wonach der einzelne Mensch ein mündiger Bürger werden sollte, wird pervertiert, wenn ganze Kollektive von russischen Bauern zwangsenteignet und zum Glück gezwungen werden. «Am Ende mussten die Bolschewiki ihr hungerndes, verängstigtes und kriegsmüdes Volk mit gezogener Waffe in die Moderne führen», schreibt Eagleton. Was für eine schöne neue Welt!

Kein zweites Menschheitsexperiment!

Der hauptsächliche Irrtum von Terry Eagleton und Genossen liegt darin, dass sie Marx nicht als messerscharfen Zeitdiagnostiker mit beschränkter Haftung und Gültigkeit lesen, sondern als einen politischen Strategen und quasireligiösen Propheten, der ewige Wahrheiten verkündete. Wie bei der Psychoanalyse handelt es sich beim Marxismus um ein einzigartiges, über weite Strecken grossartiges Denksystem, dessen Tücken und Schwächen in der Umsetzung liegen. Wenn Eagleton schreibt, dass sich «Marx sehr wohl bewusst war, dass der Kommunismus nur um einen schrecklichen Preis zu haben ist», fragt sich, wieso man dann nicht die kantsche Ethik bemüht, wonach ein Mensch nie Mittel zum Zweck sein darf?

Die «gottlosen Juden» (Sigmund Freud) haben in der Tradition der Aufklärung ein diesseitsbezogenes Denkgebäude errichtet, das mit dem Versprechen lockt, den Menschen von inneren (Psychoanalyse) und äusseren Zwängen (Marxismus) zu befreien. Dass damit auch die Versuchung gross ist, die Ideen in die Tat umzusetzen, versteht sich von selbst – genauso wie das häufige Scheitern solch Transplantationen. Darum kann es nur eine vernünftige Losung geben: kein zweites Menschheitsexperiment! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2012, 08:50 Uhr

Terry Eagleton / Hainer Kober, «Warum Marx recht hat», Ullstein HC, 285 Seiten, ISBN 978-3-550-08856-8.

Warum Marx recht hat

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