Der Unverstandene

Till Lindemann, Sänger der Band Rammstein, hat einen faszinierenden Gedichtband veröffentlicht. Zu Besuch bei einem Künstler, der aus der Zeit gefallen scheint.

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Unsere Zivilisation ist ein dünner Firnis über alter Anarchie, so glauben viele. Und wenn dieser bricht, dann könnte der böse Lindemann uns sehr übel kommen, wenn er Lust dazu hat. Diese Drohung liegt während der Konzerte von Rammstein, zu denen jeweils Zehntausende pilgern, ständig in der Luft. Till Lindemann ist der Sänger dieser berüchtigtsten aller Metal-Bands.

Tatsächlich wirkt Lindemann wie ein versehrter Krieger aus Grimmelshausens «Simplicissimus»-Roman, der vom Hauen und Stechen der 1630er-Jahre erzählt. «Die allermeisten meiner Gedichte hätten auch ein paar Hundert Jahre früher geschrieben werden können», sagt er, der sehr leise redet. Das Treffen findet in einer Lounge nahe dem Berliner Alexanderplatz statt. Lindemann trägt eine gebeulte gelbe Reiterhose, hat blond gesprayte Haare und tiefe Ringe unter wässrig-blauen Augen. Das Gesicht ist etwas gedunsen. Er ist bullig, aber kleiner als vermutet.

Die Nachtigall muss sterben

Es gibt die Gewaltfantasien, die viele an Rammstein beargwöhnen, auch in Lindemanns neuem Gedichtband «In stillen Nächten». In rauen Mengen sogar: In «Marie Antoinette» wird enthauptet, in «Das Experiment» eine Universität in Flammen gesetzt, in «Das Messer» wird «ein Herz beschmiert». Zeichnungen des Grafikers und Lindemann-Freunds Matthias Matthies illustrieren das Buch, auch sie sind meist grausam und häufig pornografisch.

Lindemanns Gewalt ist allerdings keine triumphale, sich selber gefallende. Sondern eine erbärmliche, widerliche – eine, die aus einem Missverständnis heraus geschieht, aus Not, Unvermögen oder Verzweiflung, und die häufig mit Selbstquälerei endet. Lindemanns lyrisches Ich erinnert an den Riesen aus Steinbecks «Von Mäusen und Menschen», der ein Hündchen liebkosen möchte und es dabei erdrosselt. Oder an «Edward mit den Scherenhänden». Es ist die gleiche Tragödie. Sex mag die Aggressionen auflösen und mündet doch immer in Enttäuschung: «Ich fand Fleisch am Bett / Das hatte ein Gesicht / Ich dacht es wäre Liebe / War es aber nicht» («Fleisch»).

Aufs Neue quält die Tatsache, dass diese Liebe kein verlässliches Wechselwirkungsprinzip kennt: «Ich liebe das Leben / Doch das Leben liebt mich nicht / Tritt mir in die Hoden / Schlägt mir ins Gesicht», heisst es in «Ich bin nicht böse». Die besten Lindemann-Gedichte sind aus dem Schmerz geborene, hypersensible, pathetische, aber gleichwohl lakonische Stücke wie «Nein» oder «Ich liebe dich». Fröhlich sind diese Gedichte nie, und auch das melancholische Idyll ist nicht sicher vor dem Einbruch der Gewalt. Überall droht das plötzliche Umschlagen ins Extreme. Die Nachtigall singt bei Lindemann nur kurz, bald ist das Unglück da: «Es war ich hörte Nachtigall / Am Tag ich hör sie klagen / Ich werfe einen trefflich Stein / Wird das Federtier erschlagen», so das erste Versquartett von «Nachtigall». Der Rest ist Wehklage und Untergang in sauber getakteten Reimen.

Oder: «Auf Glück und Freude folgen Qualen / Für alles muss man zahlen / Was ich liebe / Muss sterben», so lautet der sehr typische Schluss von «Was ich liebe». Aus der Liebe folgt die Zurückweisung, aus dem Zorn folgt der Wahnsinn. Die 97 Gedichte von «In stillen Nächten» stehen unter einer psychotischen Spannung und haben eine Dringlichkeit, wie sie in der Gegenwartslyrik selten zu finden ist. Es ist Lyrik im Geist einer brutalen Spätromantik, man liest sie mit Faszination und Unbehagen.

Lindemann, der Dichter des Büchleins, will mit Psychoanalyse rein gar nichts zu schaffen haben. Auffällig eilig winkt er ab. Schon von Nietzsche will er nichts wissen, weil er da Psychoanalyse vermutet. Er dichte aus dem Bauch, sagt er. Erst recht drängen sich die Fragen auf: Woher diese Extreme? Dieses unmittelbare Nebeneinander von brutaler Wut und schmerzvoller Sensibilität? Weshalb die Weltflucht?

Schwimmen für die DDR

Seine Biografie lässt einige Rückschlüsse darauf zu, weshalb Lindemann heute in seiner Lyrik, aber auch im Gespräch wirkt wie einer, der aus der Zeit gefallen ist. Sein Werdegang verlief zwischen den Systemen, er ist ein Grenzgänger der Geschichte. Er betont, wie fundamental verschieden er Sozialismus und Kapitalismus erlebt habe. In Ersteren wurde er hineingeboren, vor über 50 Jahren in Leipzig. Doch als er sich selbst bewusst wurde, war der Zusammenbruch schon fühlbar nahe.

Heimisch ist Lindemann nie geworden im Arbeiter- und Bauernstaat – das verunmöglichte schon die Bibliothek der Eltern (der 40 Jahre ältere, sehr ferne Vater ein Kinderbuchautor, die Mutter Kulturjournalistin): Sie enthielt, was die Zensur gerade noch erlaubte. Lindemann war ein Strolch und Rumtreiber in seiner Jugend, das sagt er selber, ganz und gar kein sozialistischer Musterbub. Zur Disziplinierung wurde er ins Schwimmtraining geschickt. Und er wuchs an dieser Aufgabe, auch im sehr konkreten, physischen Sinn: Die Rolle des kraftstrotzenden Anführers von Rammstein könnte Lindemann unmöglich ausfüllen, wenn er nicht den Zumutungen und Schindereien des DDR-Schwimmsports ausgesetzt worden wäre.

Er hielt sich sehr gut und wurde 1980 sogar für die Olympischen Spiele in Moskau aufgeboten. Härte habe er damals gelernt, sagt Lindemann, und er klingt nachdenklich und gar nicht stolz, vermutlich hat es damals schon in der Seele geknackst. Nach einer Suspendierung – Lindemann hatte sich aus dem Teamhotel gestohlen und es sich so mit den Funktionären verdorben – und einer Verletzung war Lindemanns Sportkarriere noch vor Beginn der Spiele vorbei. Es folgte eine Ausbildung zum Tischler.

Der Republik entfremdet

Der Mauerfall bedeutete dann auch für Lindemann den grossen, prägenden biografischen Bruch. Wie viele auf weiche Genüsse gierige junge Ostdeutsche kaufte er mit seinem Westgeld erst einmal Unmengen von Süssigkeiten – «bis mir schlecht wurde». Doch während die meisten seiner Freunde sich danach lukrative Jobs besorgten, blieb Lindemann etwas ratlos im Osten zurück. Noch versuchte er sich als Schlagzeuger und nicht als Sänger, Rammstein wurde erst 1994 gegründet.

Till Lindemann versteht die kapitalistische Welt nicht, in der er lebt. Seine spärlichen, zaghaften Annäherungsversuche scheitern auch in den neuen Gedichten kläglich, etwa wenn er sich als Kulturpessimist versucht und sich wenig originell über Schönheitsoperationen mokiert («Grösser Schöner Härter»).

Er, der auf einem Landhof in Mecklenburg-Vorpommern wohnt, ist ein Eskapist aus tiefem Herzen und der Romantiker Joseph von Eichendorff nur folgerichtig sein erklärtes Vorbild. Zeitgenössische Lyrik interessiere ihn nicht, sagt er. In seiner Sehnsucht nach alten Formen und nach der Entfesselung der Gefühle und Triebe ist er, ganz ähnlich wie Ernst Jüngers «Anarch», der moderaten Bundesrepublik entfremdet. Deswegen schlagen ihm und seiner Band von jeher Irritation und heftige Kritik entgegen. Der unberechtigte Vorwurf des Neonazismus, der Ende der 90erJahre erhoben wurde, war der schrillste Ausdruck davon.

Lindemann versteht die Welt nicht, und die Welt versteht ihn nicht. «Versteht ihr mich?», ruft er jeweils der Masse aus Mechanikern, Studenten und Neonazis zu, wenn Rammstein ihren Song «Ich will» anspielen. Und es schallt zehntausendfach zurück: «Wir verstehen dich!» Lindemann weiss, dass es eine zehntausendfache Lüge ist. «Die Gedichte sind Pflaster auf meine Wunden», sagt er, und man ahnt: Es ist nicht einfach, ein Lindemann zu sein. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2013, 09:54 Uhr

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Ob sie ihn wirklich verstehen? Rammstein mit «Ich will».

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