Die Idylle der Wälder Pennsylvanias trügt

Krimi der Woche: «Rural noir» liegt im Trend. Tom Bouman, einer der neuen Exponenten dieses Subgenres, legt mit «Im Morgengrauen» seinen zweiten Roman aus dem Nordosten Pennsylvanias vor.

Bouman wirft in seinem Krimi einen ungeschönten Blick auf ein ländliches Amerika, in dem der amerikanische Traum für viele zu einem Albtraum wird. Bild: vzphoto.com

Bouman wirft in seinem Krimi einen ungeschönten Blick auf ein ländliches Amerika, in dem der amerikanische Traum für viele zu einem Albtraum wird. Bild: vzphoto.com

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz
Ich fuhr mit dem Pick-up quer über die Wiese zum Maiden’s Grove Lake.

Das Buch
Tiefe Wälder, Seen und Flüsse weitab von grösseren Städten – den Nordosten Pennsylvanias können wir uns eigentlich ganz idyllisch vorstellen. Hier ist der amerikanische Autor Tom Bouman aufgewachsen, und hier lebt er wieder, nachdem er in New York im Verlagswesen tätig gewesen ist. «Im Morgengrauen» ist sein zweiter Krimi um Henry Farrell aus dieser Gegend. Die Landschaft spielt in Boumans Romanen eine ebenso grosse Rolle wie die Bayous Louisianas in James Lee Burkes stilbildender Romanserie um den Polizisten Dave Robicheaux.

Boumans Polizist heisst Henry Farrell, und der schaut ganz allein im ebenso abgelegenen wie weitläufigen Kaff Wild Thyme, unweit der Grenze zum nordöstlichen Teil des Bundesstaates New York, zum Rechten. Auf seinen Patrouillenfahrten durch die einsamen Gegenden findet er auch Zeit, sein Verhältnis mit einer verheirateten Frau zu pflegen, in seiner Freizeit hilft er einem Freund beim Bau von Holzrahmenhäusern mit alten Materialien und spielt Fiddle in einem Bluegrass-Trio. Auch für ornithologische Betrachtungen ist der Dorfpolizist zu haben

So weit wirkt alles ziemlich beschaulich. Aber wir sind hier in einem Krimi, der dem Subgenre «Rural noir» zugeordnet ist. Und so wundert es nicht, dass der idyllische Schein trügt. Fracking von Erdgasunternehmen teilt die Bevölkerung in Profiteure und Umweltschützer. Henry stellt sich mit seinem Radar, mit dem er rasende Tanklaster stoppt, dagegen. Aber vor allem haben sich Drogen und die ganze Kriminalität, die damit zusammenhängt, hier ausgebreitet.

Um das Verschwinden einer jungen Drogensüchtigen, die mit ihrem Alki-Freund in einem Wohnwagen lebt und der das Kind entzogen wurde, dreht sich die düstere Geschichte, in deren Verlauf mehrere Leichen auftauchen. Henry Farrell ermittelt zuweilen auf ziemlich unkonventionelle Art auch weit ausserhalb seines Zuständigkeitsbereichs, sogar jenseits der Bundesstaatsgrenze, und kommt dabei schon mal Kleinstadtkollegen ins Gehege. Doch eigentlich ist der Dorfpolizist mehr ein stiller und nachdenklicher Beobachter als ein furioser Aktivist. Und es sind denn auch mehr die Beobachtungen und Erkenntnisse des selbst gerne mal Dope rauchenden Gesetzeshüters, die den besonderen Reiz des Buches ausmachen, als der eigentliche Krimi-Plot. Kein Stoff für Leser, die Krimis als Ratespiel mögen. Bouman wirft einen ungeschönten Blick auf ein ländliches Amerika, in dem der amerikanische Traum für viele zu einem Albtraum wird. Und wie sagt doch der Trinker so schön zu Henry: «Du weisst genau, dass die einzige Geschichte, die wichtig ist, aus uns selbst kommt.»

Die Wertung

Der Autor
Tom Bouman, geboren 1979, ist im Nordosten des US-Bundesstaats Pennsylvania aufgewachsen. Er war in New York als Verlagslektor tätig. Als Musiker war er zudem Frontmann der Country/Americana-Band The Flanks, die zwischen 2006 und 2012 drei Alben veröffentlichte; Bouman sang und spielte Gitarre, Mandoline, Banjo sowie Dampforgel. Vor rund fünf Jahren zog er mit seiner Familie – Frau und zwei Kinder – zurück ins nordöstliche Pennsylvania. Dort spielen auch seine Krimis, die dem Subgenre «Rural noir» zugerechnet werden. Sein erster Roman «Dry Bones in the Valley» (2014; Deutsch: «Auf der Jagd», 2016) wurde mit dem renommierten Edgar Allan Poe Award für das beste Debüt ausgezeichnet. «Fateful Mornings» («Im Morgengrauen») ist sein zweites Buch.

Tom Bouman: «Im Morgengrauen» (Original: «Fateful Mornings», W. W. Norton & Company, New York 2017). Aus dem Englischen von Caroline Burger und Anna-Christin Kramer. Ars Vivendi, Cadolzburg 2018. 320 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 10:42 Uhr

Artikel zum Thema

Regionalkrimiautoren auf der Abschussliste

Krimi der Woche: Gleich eine ganze Reihe von Krimiautoren wird in Jens Schäfers witzigem Roman «Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um» ermordet. Mehr...

Geheimnisvolle Kreidemännchen

Krimi der Woche: Um mysteriöse Kreidezeichen, die 30 Jahre nach einem Mord plötzlich wieder auftauchen, dreht sich «Der Kreidemann» der Engländerin C. J. Tudor. Mehr...

Nächtlicher Showdown auf der Fähre

Krimi der Woche: In ihrem zweiten Psychothriller «Ein drittes Leben» baut die australische Autorin Tania Chandler ein Bedrohungsszenario zwischen Wahn und Wirklichkeit auf. Mehr...

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Vom Gründervater zum Gefängnisinsassen

Beruf + Berufung Lachend aus der Rolle fallen

Harte Action und schwarzer Humor

Krimi der Woche: «Mit einem Bein im Grab» vom Amerikaner J. A. Konrath ist ein politisch unkorrekter, aber lustiger Actionthriller. Mehr...

Ein Vorschlaghammer aus Zorn

Krimi der Woche: Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen in Los Angeles bilden den Hintergrund des Romans «Stille Feinde» von Joe Ide. Mehr...

Die Sprache des Bösen sprechen

Krimi der Woche: Im Politthriller «Fake» führt James Rayburn den Zynismus der Machtmenschen vor. Mehr...