Hintergrund

Die bösen Bücher

Pornografie, Vampirismus, Drogen: Hitlers «Mein Kampf» ist bei weitem nicht das einzige Buch, das in Deutschland indiziert wird. Ein Blick in den Giftschrank der Zensur.

Hunderte Bücher auf dem Index: Die Bundesprüfstelle führt eine schwarze Liste.

Hunderte Bücher auf dem Index: Die Bundesprüfstelle führt eine schwarze Liste. Bild: Keystone

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Gross war die mediale Aufregung, als letzte Woche publik wurde, dass der britische Verleger Peter McGee Hitlers «Mein Kampf» in die Kioske bringen wolle. Sogleich fragten sich die Feuilletonisten: Würde Hitlers Hetze nun wieder gesellschaftsfähig? Könnte das Buch den öffentlichen Diskurs vergiften? Bekämen Rechtsextreme dadurch Auftrieb?

Exakt dieser Bedenken wegen untersagt und verfolgt der Freistaat Bayern seit Ende des Zweiten Weltkriegs die Reproduktion von Hitlers Hauptwerk. Auch McGee bewogen die bayrischen Behörden nun zum Rückzug, wie andere Verleger vor ihm scheute auch er die juristische Konfrontation, nachdem das Landgericht München das Publikationsverbot gestern aufs Neue bestätigt hatte.

Rund 700 indizierte Schriften

Hitlers Machwerk ist aber bei weitem nicht das einzige Buch, das der deutschen Zensur unterliegt, weil sein Inhalt als jugend- oder gesellschaftsgefährdend erachtet wird. In Deutschland befindet die sogenannte Bundesprüfstelle darüber, ob ein Buch indiziert wird, es also nur beschränkt freigegeben, unter dem Ladentisch ausgehändigt werden darf oder ob es gar gänzlich verboten werden soll (in der Schweiz gibt es keine derartige behördliche Zensur). Der baz.ch/Newsnet vorliegende Index der Prüfstelle, der nicht öffentlich zugänglich ist und nur auf Antrag ausgehändigt wird, umfasst circa 700 schriftliche Publikationen. Jedes Verbot wird zudem ausführlich begründet, inhaltlich und juristisch.

Auf der schwarzen Liste finden sich in grosser Zahl die erwarteten Schmierschriften, die Auschwitz leugnen, das Zion-Protokoll verteidigen und die Taten der Wehrmacht glorifizieren.

Vampirismus-Boom

Aber es gibt auch andere, überraschendere Entdeckungen: So lagern im Giftschrank der deutschen Zensurbehörde verblüffend viele Bücher, die auf den ersten Blick dem eigentlich so plumpen wie harmlosen Genre der Erotikliteratur zuzuordnen sind und die auch den bekannten albernen Porno-Kalauer aufweisen.

Den Zensoren zufolge überschreiten diese Bücher aber, im Gegensatz zu Abertausenden anderen, die Schwelle zur Gewalttätigkeit. Das Buch ermögliche dem Leser die «seltene Gelegenheit für die Konditionierung von gewaltsamen Reaktionen auf erotische Reize», heisst es etwa in einer Begründung.

Unter den zensurierten pornografischen Werken finden sich auch verschiedene brutale Vampirismus-Bücher, die derzeit Hochkonjunktur zu haben scheinen und deren blut-fetischistischen Inhalte längst den Weg ins Internet gefunden haben. Obschon die Prüfstelle die wichtigsten Werke mittlerweile indiziert habe, zirkuliere das Wissen dieser Bücher unvermindert in einschlägigen Web-Foren, gibt ein Gutachter zu.

Verbotener LSD-Guru

Auf dem Index finden sich auch viele Bücher aus terroristischem Umfeld, zumal aus jenem der Roten Armee Fraktion (RAF), die die Bundesrepublik in den 1970er-Jahren mit Attentaten und Entführungen in Atem hielt. Diese Agitationsschriften enthalten zumeist Anweisungen, wie ein urbaner Guerillakrieg zu führen sei, bis hin zum eigentlichen Bombenbau.

Erscheint das Verbot terroristischer Schriften verständlich, so wirkt die grosse Anzahl an verbotenen Drogenbüchern ziemlich fragwürdig. Ein besonders bizarrer Verbotsfall stellte «The Politics of Ecstasy» dar, ein Buch von LSD-Guru Timothy Leary aus dem Jahr 1968. Es sei «sozial-ethisch verwirrend», befand die Zensurbehörde und begründete ihren Entscheid unter anderem mit dem doch einigermassen lächerlichen Argument, das Buch verleite dazu, «LSD zu rauchen».

Ein liberales Urdilemma

Das Verbot des Leary-Buchs wurde erst vor fünf Jahren aufgehoben und zeigt beispielhaft und aufs Neue die Problematik staatlicher Zensureingriffe, ein liberales Urdilemma: Soll eine Gesellschaft offensichtlich gewalttätige, widerwärtige Schriften tolerieren, um damit dem einen unberechtigten Verbot vorzubeugen? Muss eine Gesellschaft sie aushalten? Oder soll sie die verschriftlichte Gewalttätigkeit verbieten, auf die Gefahr hin, den öffentlichen Diskurs schleichend einzuengen?

Eins jedenfalls ist evident: Sobald ein Buch verboten wurde, gewann es eine Aura – die für so viele reizvolle Aura des bösen Buches.

Hinweis: Auf eine Nennung der indizierten Buchtitel wurde bewusst verzichtet.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.01.2012, 13:02 Uhr

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