Portrait

Ein neues Gefühl für Zoë Jenny

Nach ihrem Roman «Das Blütenstaubzimmer» 1997 wurde es still um die Basler Autorin. Heute lebt sie mit Mann und Tochter in London und auf Bali – und vermisst die Heimat.

Ab 19 Uhr Schriftstellerin. Wenn ihre Tochter schläft, schreibt Zoë Jenny an ihrem ersten Theaterstück, einem neuen Roman und zwei Drehbüchern.

Ab 19 Uhr Schriftstellerin. Wenn ihre Tochter schläft, schreibt Zoë Jenny an ihrem ersten Theaterstück, einem neuen Roman und zwei Drehbüchern. Bild: Bettina Matthiessen

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Ein Kronleuchter an der Decke, eine Marmortheke, rot gepolsterte Stühle, im Hintergrund diskreter Jazz. Hier fühlt sich Zoë Jenny (37) wohl. «Wie ein zweites Wohnzimmer» ist das Café im Teufelhof für die Autorin bei ihren Besuchen in Basel. Geschrieben hat sie schon in diesem Café, und viele, viele Interviews gegeben. Vor allem damals, 1997, als ihr Debütroman «Das Blütenstaubzimmer» erschienen war und die 23-Jährige über Nacht berühmt wurde. Sie wurde gefeiert für die Stärke, mit der sie die Geschichte des Scheidungskindes Jo erzählt, aber auch bestaunt wegen ihrer Jugend, ihrer Zartheit, ihrer Schönheit.

Das ist 14 Jahre her, und schön ist Zoë Jenny immer noch. Zum Interview kommt sie in blauem Seiden-T-Shirt, Jeans und Sandalen, das Gesicht sorgfältig geschminkt, kleine Perlen an den Ohren. Sie antwortet freundlich, aber zurückhaltend. Die Interviewanfragen sind seltener geworden. Zoë Jennys zweites Buch, «Der Ruf des Muschelhorns», wurde von der Kritik zerzaust. Seither hat Jenny drei weitere Romane und ein Kinderbuch geschrieben. Ihr neuestes Werk «The Sky is Changing» ist im Herbst erschienen – auf Englisch.

Eine neue Welt

Warum der Sprachwechsel? Zoë Jenny zitiert zur Erklärung Ingeborg Bachmann: «Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt», hat die gesagt. Zoë Jenny, die seit sieben Jahren in London lebt, sagt: «Mit der neuen Sprache habe ich mir auch eine neue Welt erschlossen.» Die Welt des «Blütenstaubzimmers» hat sie hinter sich gelassen und eine «ungeheure Erleichterung» verspürt, als die Sätze auf Englisch zu fliessen begannen.

Nach Basel kommt Jenny nur noch zu Besuch. Zum Vater Matthias Jenny oder zu ein, zwei Lesungen – oder zu beidem. Morgen präsentiert Jenny Jenny: Der Vater kündigt einen «poetischen Abend» mit seiner Tochter im hauseigenen Kleinen Literaturhaus an. Zoë Jenny wird unter anderem aus «The Sky is Changing» lesen. Der Roman erzählt von einer jungen Frau namens Claire. Sie ist klassische Tänzerin, und viele Augen richten sich fordernd auf sie und ihre Karriere. Doch Claire widersetzt sich dem Erwartungsdruck. Sie zieht von Berlin nach London, wo kurz darauf Bomben in der U-Bahn explodieren.

Claire entdeckt mit dem zeitgenössischen Tanz eine für sie neue Sprache, heiratet und wünscht sich ein Baby. Das klappt aber nicht. Der Grund: «Unerklärbare Unfruchtbarkeit». Für Claire beginnt ein Zeitabschnitt voller Trauer, Wut und Unsicherheit.

Ein Teil von Claires Geschichte ist auch Zoë Jennys Geschichte. Auch sie kennt «die Einsamkeit nach dem Applaus». Auch sie befreite sich vom Erwartungsdruck in ihrer Heimat und fand in London mit der neuen Sprache auch neue Ausdruckskraft. Auch sie heiratete – den britischen Tierarzt Matthew Homfray – und wünschte sich ein Kind. Und auch sie quälte sich mit der vagen Diagnose der «unexplained infertility». Was folgte, ist aus der Boulevardpresse bekannt: Zoë Jenny und ihr Mann entschieden sich, es mit künstlicher Befruchtung zu versuchen – und öffentlich darüber Auskunft zu geben. Jenny wollte damit anderen Frauen Mut machen, über ein Tabuthema zu sprechen, das viele betrifft. «Es war eine Tortur», sagt sie heute. Sie meint die künstliche Befruchtung, aber auch die Zeit vor der Entscheidung für die Zeugung im Reagenzglas. Ihr sonst freundlich-aufmerksamer Blick wird einen Moment lang dunkel, als sie dran denkt, das Lächeln verschwindet.

Unter Druck

Heute ist ihre Tochter Naomi 16 Monate alt, und sobald Zoë Jenny von ihr spricht, ist das Lächeln wieder da. Zoë Jenny hat ihr Wunschkind – das Thema Kinderlosigkeit interessiert sie weiterhin. Sieben Jahre musste sie auf die Geburt ihrer Tochter warten. Bevor sie schwanger wurde, hat sie erfahren, wie belastend es sein kann, wenn das gesamte Umfeld darauf erpicht ist, dass «es» endlich so weit sein möge. Nun erlebt sie bei Freundinnen und Bekannten, dass es vielen so geht – sogar denen, die gar keine Kinder möchten.

«Die meisten Leute gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sich jede Frau ein Kind wünscht und auch eines bekommt», sagt Jenny. «Wenn das nicht so ist, wird sie als mangelhaft angesehen.» In ihrem Bekanntenkreis gebe es einige Frauen, die bewusst auf Kinder verzichteten und damit oft nicht akzeptiert würden. «In unserer Gesellschaft gelten kinderlose Frauen zumindest unterschwellig als nicht vollständig», sagt Jenny. In «The Sky is Changing» beweist eine Nebenfigur das Gegenteil: Claires Freundin Sadie, eine 40-jährige, kinderlose Frau, die ihr Leben mit den gleichen Hochs und Tiefs lebt wie die Freundinnen mit Kinderwunsch. «Gut möglich, dass ich diese Figur irgendwann noch einmal aufnehme», sagt Jenny.

Vorerst hat sie andere Pläne: Sie schreibt, wieder auf Englisch, an ihrem ersten Theaterstück – es geht darin um die geheimen Abgründe einer Familie aus der englischen High Society. Gleichzeitig ist ein Roman über eine Kriegsberichterstatterin in Arbeit. Zudem verfasst Jenny Kolumnen für die «Schweizer Monatshefte» und arbeitet als Co-Autorin bei zwei Spielfilmprojekten des Basler Regisseurs Pascal Verdosci mit. Das klingt nach vollen Arbeitstagen, aber Jenny winkt ab: «Meine Arbeitstage beginnen um sieben Uhr abends, wenn Naomi schläft.» Denn sie ist – zumindest vorübergehend – allein erziehend.

In der Fremde

Ihr Mann baut auf Bali eine Tierklinik auf, ein Projekt, das ein bis zwei Jahre in Anspruch nehmen wird. Die vergangenen fünf Monate hat Zoë Jenny mit ihm und der Tochter auf der indonesischen Insel verbracht. Ihren Lebensmittelpunkt nach Bali zu verlegen, kommt für sie seither nicht mehr infrage. «Es war einfach zu schwierig mit der Kleinen, mit der Hitze, den Insekten, dem Wasser, das man nicht trinken sollte.» Zwar lebte die Familie in einer Villa «sehr privilegiert», doch Jenny fühlte sich eingesperrt und vermisste London, das Theater, die Konzerte. «Auch wenn ich gar nicht so oft hingehe: Ich brauche diese Art von kultureller Energie.» Die Baslerin Zoë Jenny, die mit 23 Jahren monatelange Lesereisen um die ganze Welt machte und vor London auch in Berlin und New York gelebt hat, hatte zum ersten Mal im Leben Heimweh.

Die Folge: Rund zwei Monate im Jahr werden Naomi und Zoë Jenny in Bali leben, die Autorin wird in einem Waisenhaus Englisch unterrichten. Den Rest des Jahres verbringen die beiden in London, alle paar Wochen kommt der Ehemann und Vater zu Besuch. Und Zoë Jenny verschiebt das Schreiben auf die Abend- und Nachtstunden. Wie schafft sie das alles? «Das würde ich auch gerne wissen», sagt sie. Dann nimmt sie einen grossen Schluck Mineralwasser und ist bereit für die nächste Frage. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.06.2011, 12:11 Uhr

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Lesung

Zoë Jenny liest aus ihrem Roman «The Sky is Changing» und Gedichte von Federico Garcia Lorca. Christoph Denoth (Gitarre) spielt Werke von Isaac Albéniz, Heitor Villa-Lobos und eigene. Donnerstag, 23. 6., Kleines Literaturhaus, Bachlettenstr. 7, Basel. 19.30 Uhr.

Zoë Jenny: «The Sky is Changing». Legend Press, London 2010. 208 S., ca. Fr. 17.50.

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