Eine Lanze für die Drachen

Kann Fantasy grosse Literatur sein? Sehr wohl, wie Kazuo Ishiguros neuster Roman und andere Perlen der Gattung beweisen.

Fantasy muss nicht zwingend mittelalterlich sein: «Sandman»-Comic von Neil Gaiman.

Fantasy muss nicht zwingend mittelalterlich sein: «Sandman»-Comic von Neil Gaiman.

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Wenn es aussieht wie ein Drache und Feuer speit wie ein Drache, ist es auch ein Drache. Oder nicht?

In der Literaturszene wird gerade eine seltsame Debatte geführt. Der Auslöser dazu ist Kazuo Ishiguros neuer Roman «Der begrabene Riese», der nun auf Deutsch in die Buchhandlungen kommt. Der 60-jährige Schriftsteller erzählt darin von einem alten Ehepaar, das im siebten Jahrhundert durch England reist. Ein seltsamer Nebel, der in den Menschen Erinnerungen auslöscht, liegt über den Hügeln Britanniens. In den Wäldern lauern Oger und besagter Drache. Wenigstens bietet ihnen König Arthurs Ritter Sir Gawain Hilfe auf ihrer gefährlichen Reise an.

Kazuo Ishiguro, ein in England aufgewachsener Japaner, wurde mit dem Roman «Was vom Tage übrig blieb» zum Literaturstar. Sein Markenzeichen sind subtile Romane über die Themen Verlust und Erinnerung. «Der begrabene Riese» erscheint zehn Jahre nach seinem Bestseller «Alles, was wir geben mussten». Jenes Buch handelte von geklonten Menschen, die als Organspender gezüchtet werden. Damals wurde diskutiert, ob der Roman Science-Fiction oder «ernsthafte Literatur» sei. Als man Ishiguro damit für den Booker-Preis nominierte, wurde die Frage weniger dringend. Nun steht sie wieder im Raum. Ishiguro hat es gewagt, ins Fantasy-Genre abzutauchen, das im Literaturbetrieb als minderwertig gilt – jedenfalls stehen seine Vertreter in den Buchläden in einer separaten Ecke. Die Kritiken zum «Begrabenen Riesen» in England und Amerika waren entsprechend durchwachsen.

Facettenreich und experimentell

Es ist einfach, sich über Fantasy-Literatur lustig zu machen. Da verlieben sich keusche Teenager in flotte Vampire und in J.?R.?R. Tolkiens «Herr der Ringe» überbieten sich die Figuren gegenseitig im Gebrauch schwülstiger Sätze: «Nein, fürwahr, der Ring wurde in den Feuern des Schicksalsberges geschmiedet.» Romane wie «Twilight», «Harry Potter» oder «Das Lied von Eis und Feuer» (die Vorlage zur TV-Serie «Game of Thrones») kommen der kriselnden Branche zwar gelegen, aber nur schon die gigantischen Verkaufszahlen machen die Titel einigen Lesern suspekt: Das kann doch nicht mehr als pure Unterhaltung sein?

Doch, kann es. Zwar stösst man wie in jedem kulturellen Sub-Genre, sei es Rock oder die moderne Kunst, auf viel Durchschnittliches und Mieses. Aber die Kommerzialisierung der Fantasy-Bestseller mit unnötigen Fortsetzungen und nervigen Franchising-Artikeln täuscht über die Perlen des Genres hinweg. Immer wieder haben Autoren bewiesen, dass Fantasy nicht zwingend von bierernstem Heroismus durchdrungen sein muss, sondern facettenreich und experimentell sein kann.

In den melancholischen Kurzgeschichten von Kelly Link etwa kommen Kinder mit zwei Schatten und andere mysteriöse Begebenheiten vor. Die Geschichten sind aber im Hier und Jetzt angesiedelt, die Protagonisten kämpfen mit Problemen wie Onlinesucht oder Arbeitslosigkeit. Margo Lanagans neuster Roman «Ligas Welt» handelt von einem jugendlichen Inzestopfer, das sich in eine Parallelwelt träumt, die «Schneeweisschen und Rosenrot» nachempfunden ist. Die Geschichte ist schockierend, tragisch, weise und witzig.

In den Romanen des kürzlich verstorbenen Terry Pratchett wiederum steht eine gigantische Scheibe im Zentrum, die auf den Schultern von vier Elefanten ruht, die auf dem Panzer der kosmischen Schildkröte Gross-A’Tuin stehen. Satirisch handelt der englische Autor so die Themen Religion, Rassismus oder Gier ab.

Klassische Literatur beschreibt die Diskrepanz zwischen Innenleben und Aussenleben: wie wir die Realität sehen und wie wir uns in ihr (nicht) zurechtfinden. Die Fantasy-Literatur stellt dieses Muster auf den Kopf. Das Innenleben manifestiert sich auf magische oder surreale Weise – und wird so zum Aussenleben, in dem sich die Figuren bewegen, mit dem sie sich auseinandersetzen. So verwendeten schon Mythen, die in der Illias oder Odyssee überliefert sind, fantastische Elemente, um das Unfassbare oder Unerklärbare erträglicher zu machen.

«Drittklassige Fantasy»

Trotzdem wird Fantasy-Literatur oft als eskapistisch bezeichnet – Geschichten ohne gesellschaftliche Relevanz oder philosophischen Tiefgang. Dass dies ein Trugschluss ist, weiss jeder, der beispielsweise die Fantasy-Welt Bas-Lag von China Miéville kennt. Der Engländer, der politisch für die Labour-Partei aktiv ist, bezeichnet seine Romane, die mit Lebewesen wie Kaktusmenschen oder Vogelwesen bevölkert sind, als «Weird Fiction»: «Ich liebe Monster, aber natürlich sind die Welten, die ich kreiere, immer auch eingebettet in politische Befürchtungen, die ich hege.» Und was ist George Martins «Lied von Eis und Feuer» anderes als die gegenwärtige Politik im Kettenhemd: Die überlieferte Weltordnung ist zusammengebrochen, die Menschen leben in Verunsicherung und Furcht.

Dabei muss Fantasy überhaupt nicht zwingend mittelalterlich daherkommen. In «American Gods» von Neil Gaiman kämpfen die alten Götter gegen die neuen Götter – die der Börse oder des Internets. Odin ist Trickbetrüger und Thot und Anubis, altägyptische Gottheiten, leiten ein Bestattungsinstitut. Gaimans Fantasie, sein Humor und die clever konstruierten Plots brachten seinen «Sandman»-Comics gar das Lob von Norman Mailer ein. Der amerikanische Intellektuelle befand, dass «Sandman» ein Vergnügen sei. Dass Mailer die Comics, nicht aber Gaimans Romane erwähnte, mag an dessen Stil liegen. Fulminante Sätze findet man bei ihm – und überhaupt im Fantasy-Genre – selten.

Doch ist Sprachgewalt wirklich das Mass für gute Literatur? Der auch im Feuilleton geschätzte «Wolkenatlas»-Autor David Mitchell sagte über den «Begrabenen Riesen», dass das Buch hoffentlich zur Entstigmatisierung des Genres beitrage. Denn Fantasy kombiniert mit herkömmlicher Erzählweise könne mehr erreichen als blanker Realismus. Allerdings wurde sein neustes Buch «The Bone Clocks», in dem unsterbliche Zeitzauberer vorkommen, vom «Spectator» prompt als «drittklassige Fantasy» bezeichnet.

Natürlich geht es auch bei Kazuo Ishiguro um mehr als eine gefährliche Reise durch Drachengebiet. Mit der Ansiedlung im Frühmittelalter, dem seltsamen Nebel und einem Zwist zwischen Sachsen und Briten erzählt der Autor eine universell gültige Geschichte über Völkermord und fehlende Erinnerungskultur. Dass nur über die Fantasy-Elemente diskutiert wird, erstaunt ihn: «Falls die Literatur magische Wesen aussortieren will», sagte er dem «Guardian», «stelle ich mich auf die Seite der Oger und Kobolde.»

Kazuo Ishiguro, «Der begrabene Riese», Blessing, 416 S., 33.90 Fr. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.08.2015, 08:24 Uhr

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