Eine Welt ohne Frauen

Stephen King hat gemeinsam mit seinem Sohn Owen einen epischen Roman geschrieben. In «Sleeping Beauties» schlafen Frauen ein - und wachen nie wieder auf.

Eine Szene aus dem Film «The Curse of Sleeping Beauty», 2016.

Eine Szene aus dem Film «The Curse of Sleeping Beauty», 2016.

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Aurora heisst das Phänomen, das plötzlich, einer Seuche gleich, Amerika und dann auch die ganze Welt überkommt - dass alle Frauen wegdämmern und, wenn sie mal eingeschlafen sind, nicht wieder aufwachen. Feine Fäden spriessen aus ihrem Gesicht und hüllen Gesicht und Körper in einen weissen Kokon. Wie geht es weiter in einer Gesellschaft von Männern allein, das ist das Thema des gewaltigen Romans, den Stephen King zusammen mit seinem Sohn Owen geschrieben hat. Exemplarisch wird es geschildert am Beispiel der kleinen Stadt Dooling, in den Appalachen im Nordosten der USA.

Ein mysteriöses Mädchen taucht auf in der Stadt, das Evie Black genannt wird, was durchaus an die Eva im Paradies erinnern mag. Mit ihr kommt die unerklärliche Schlafkrankheit in die Stadt, um sie spinnen sich Dutzende metaphysische Erklärungsversuche - sie ist die Einzige, die einschlafen und wieder aufwachen kann. Sie steht - Dämonin, Göttin, mythische Gestalt - über den Zeiten. Es ist das alte Märchen vom Dornröschen (das in Amerika sleeping beauty heisst), verlegt ins amerikanische Hinterland, ins Redneck-Territorium...

Evie ist ein Naturkind, sie kommt über die Wiesen, von einem riesigen Baum her, zu einem Wohntrailer, in dem ausgeflippte Machos hausen, Meth-Kocher in schöner «Breaking Bad»-Tradition. An einer Wäscheleine davor hängen neben ein paar Slips und einer Jeansjacke drei ausgeweidete Kaninchen, eines blutet noch, und Evie fragt es, mit wem sie im Trailer zu rechnen hat. Sie tötet die Männer, sehr brutal, darauf wird sie vom Sheriff verhaftet und zur Untersuchung ins Frauengefängnis von Dooling gebracht.

Mini-Idyllen in grossen Schreckens-Tableaus

Im Zentrum des Gefängnisses, des Geschehens, des Romans, sein inner sanctum gewissermassen, ist das Büro von Dr. Clinton Norcross, er ist der leitende Psychiater der Anstalt. Ein Bild von David Hockney, hängt in dem Büro, Clints Frau Lila hat es ihm geschenkt. «Der gerahmte Hockney-Druck hinter dem Schreibtisch ihres Mannes hing schief. Lila rückte das Bild gerade. Darauf war ein schlichtes, sandfarbenes Gebäude mit Fenstern zu sehen, die alle dieselben Vorhänge hatten. Im Erdgeschoss gab es zwei Türen, die eine blau, die andere rot. Es waren Beispiele für Hockneys berühmte Farben, hell wie von guten Erinnerungen geweckte Gefühle, selbst wenn die Erinnerungen nur schwach waren.»

Stephen King liebt die Mini-Idyllen in seinen grossen Schreckens-Tableaus. Der neue Roman ist mit seinen fast tausend Seiten ein epischer Kraftakt, aber ganz mühelos, unangestrengt. Die Kings sind vignettensüchtig, das Epische ist hier immer pointiert, wie in allen Kleinstadtromanen der amerikanischen Literatur von Faulkner oder Thomas Wolfe.

Kritiker deklarieren das Buch als feministisch

Lila Norcross ist der Sheriff, die Polizeichefin der Stadt, sie war es, die Evie verhaftet hat. Lange kämpft sie mit der Müdigkeit, der Erschöpfung, gegen den Schlaf. Es ist ein aussichtsloser Kampf, den sie und alle Frauen der Stadt und des Gefängnisses zu führen scheinen. Ist dies ein Sieg der Männer, und welchen Preis zahlen sie dafür?

Männer ohne Frauen, Frauen ohne Männer... Die Diskussion zum Verhältnis von Männern und Frauen, zu Dominanz und Gewalt in ihren Beziehungen hat auch das naive utopische Potenzial des Romans modifiziert. Die mysteriösen Ereignisse - aber nicht nur sie - haben Lila und Clint auseinandergebracht, in Raum und Zeit, und viele andere Ehe- und Elternbeziehungen auch. Liebe ist ein gefährliches Wort, räsoniert Evie einmal, besonders wenn es von Männern benutzt wird. «Die Möglichkeiten, das Bild zu interpretieren, hatten Lila gefallen. Als sie es Clint vor vielen Jahren geschenkt hatte, hatte sie sich vorgestellt, wie er darauf zeigte und zu seinen Patienten sagte: ‹Sehen Sie? Nichts ist für Sie verschlossen. Es gibt Türen zu einem gesünderen, glücklicheren Leben.›»

Stephen King (r.) und sein Sohn Owen. (Bild: Getty Images)

Man hat das Buch in manchen Kritiken als feministisch deklariert. Werden die Frauen aus ihrem eingesponnenen Schlaf gerissen, reagieren sie brutal und bestialisch, sie fallen Menschen an und töten sie, auch jene, die ihnen einst nahestanden - die Frau den Mann, die Mutter den Sohn. Zombie-Dornröschen.

Ist der Schlaf im Kokon ein genetischer Defekt? Werden die Männer ohne sie noch rechthaberischer, unbeherrschter, lauter? Steckt eine ungeahnte Angst der Männer dahinter vor der Stärke der Frauen? Einen Weg zum Phänomen Aurora könnte es über die Psychoanalyse geben. «Man meint», schreibt Freud, «dass die Frauen zu den Entdeckungen und Erfindungen der Kulturgeschichte wenig Beiträge geleistet haben, aber vielleicht haben sie doch eine Technik erfunden, die des Flechtens und Webens... Die Natur selbst hätte das Vorbild für diese Nachahmung gegeben, indem sie mit der Geschlechtsreife die Genitalbehaarung wachsen liess, die das Genitale verhüllt.»

Kleinstadtgesellschaft mit faschistoiden Zügen

Anders als die maskulinen Vampire mit ihren zupackenden Fledermäusen wird Evie von Scharen von Motten begleitet, sie sind überall, wie ein samtener Teppich in den Lüften. «Zwei pechschwarze Punkte auf dem keilförmigen braunen Körper der Motte - ihre Augen - blickten in die von Frank und von dort aus in seinen Kopf. Er spürte, wie die Kreatur weiss Gott wie lange in seinem Schädel herumflog, sich auf seinem Gehirn niederliess und mit ihren spitzen Füssen über dessen Windungen strich wie ein kleiner Junge, der inmitten eines Baches auf einem Felsen stand und einen Stock durchs Wasser zog.»

Die Kleinstadtgesellschaft entpuppt allmählich ihre faschistoiden Züge. Die Männer wollen Evie aus dem Gefängnis holen und ihr Geheimnis studieren. Nur Clint und ein paar Wärter verbarrikadieren sich im Gefängnis und wehren die Übermacht des attackierenden Mobs ab. Evie rechnet dennoch nicht damit, dass der Kelch an ihr vorübergehen wird. Sie erinnert sich an andere Schlachten, denen sie beiwohnte. «Früher hatte sie gedacht, Troja würde stinken: die Leichenhaufen, die Brände, die fürsorglich für die Götter ausgelegten Fischeingeweide - Danke, Leute, wir könnten uns nichts Schöneres vorstellen als so einen Scheiss - und die dämlichen Achäer, die am Strand herumstampften, sich nie wuschen und das brodelnde Blut in der Sonne schwarz werden liessen, bis die Gelenke ihrer Rüstungen verrosteten. Verglichen mit dem Gestank der modernen Welt, war das jedoch geradezu harmlos.»

Aus den verzweifelten Versuchen der Frauen, unbedingt wach zu bleiben, und aus ihren brutalen Ausbrüchen speist sich der Suspense des Buches. Das Spiel mit dem Schrecken bleibt temporär. Auch die Rückkehr ins Paradies bleibt nicht ausgeschlossen. Im zweiten Teil begibt das Buch sich hinter die Spiegel, da wird aus dem verbissenen Alamo-Durchhalte-Spektakel ein merkwürdiger Pionierroman. Wege bei Stephen King führen nicht in eine einzige Richtung. Seine Orte sind immer Transiträume, die vermitteln zwischen innen und aussen. Ein Passagen-Werk aus den Appalachen. Die Frauen - fragt der neue Roman -, waren sie die Träumenden oder der Traum? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2018, 10:15 Uhr

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