Interview

«Er wäre gerne in der Schweiz geblieben»

Jan Knopf hat vor wenigen Tagen eine neue Biographie über Bertolt Brecht veröffentlicht. Im Gespräch skizziert er Brecht ungewöhnlich: Als DDR-Opfer, talentierten Musiker, übel stinkend.

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Herr Knopf, was hat Bertolt Brecht uns, die wir von der Finanzkrise geschüttelt werden, zu sagen?
Viel! Brecht hat sich sehr früh sehr intensiv mit der kapitalistischen Finanzspekulation auseinandergesetzt. Ein Stück namens «Jae Fleischhacker», das an der Weizenbörse spielen sollte, hat er erst verworfen und dann zur «Heiligen Johanna der Schlachthöfe» umgearbeitet. Brecht hat sich gründlich in die entsprechende amerikanische Literatur eingelesen, er kannte ebenso «The Pit» – Frank Norris prototypische Erzählung, die die Getreidebörse zum Thema hat – wie zeitgenössische Zeitungsberichte, die ihm sein Bruder Walter aus den USA mitgebracht hatte.

Wie spiegelt sich dieses Wissen im Werk?
Brecht war beispielsweise mit der Spekulationsform des Cornering vertraut: Ein Geschäftsmann kauft ein beliebiges billiges Nahrungsmittel komplett auf. Den so entstandenen Engpass nützt er, indem er Nahrungsportionen zu Wucherpreisen tröpfchenweise freigibt. Die Börsenspekulation war bei Brecht bis zuletzt ein Thema, man denke an sein Stück «Turandot oder Der Kongress der Weisswäscher» aus dem Jahr 1952, in dem Brecht den Kaiser von China die Baumwolle vom Markt nehmen und die kaisertreuen Intellektuellen die Spekulation schönreden lässt – genau so, wie die Politiker heute die Bankendeals schönreden. Brecht hätte viel zu sagen, doch leider wird das von meinen Berufskollegen nicht zur Kenntnis genommen. Die leidige Marxismus-Diskussion überdeckt allzu vieles.

Woran liegt es, dass die Beurteilung von Brechts Œuvre sehr häufig ideologischer Art ist?
Das liegt daran, dass Bertolt Brecht unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in die Ost-West-Konfrontation gerutscht ist, von daher kommt das Misstrauen gegenüber der Person Brecht. Die meisten glauben heute, Brecht sei 1948 freiwillig und aus Überzeugung in die DDR emigriert. Das stimmt allerdings überhaupt nicht. Nachdem er in den Ländern der Alliierten zur Persona non grata erklärt worden war, wäre er gerne in der Schweiz geblieben.

Dort hatte Brecht engen Kontakt zu Max Frisch. Wie verstanden sich die beiden?
Frisch war überzeugt, dass Brecht ihm intellektuell überlegen war. Die Ehrfurcht ging so weit, dass er den Umgang mit dem Deutschen zu meiden begann. Frisch glaubte übrigens insgeheim, dass Brecht ein Naturverächter sei, weil er sich nur mit der Gesellschaft befasse – ein ziemlicher Blödsinn. Brecht andererseits sah zumal den Architekten Frisch sehr kritisch. Dessen Neubauten bezeichnete er als «Gefängniszellen zur Wiederherstellung der Ware Arbeit». Nachdem Brecht seine Aufenthaltsbewilligung erst in der Schweiz, wo er übrigens ständig bespitzelt wurde, dann in Österreich verloren hatte, war die DDR das letzte Land, in dem Brecht überhaupt noch leben konnte. Mit der Staatsführung hatte er nichts gemein, SED-Führer Walter Ulbricht gab die Losung aus, Brecht sei von der Presse entweder kritisch oder gar nicht zu besprechen. Auch war er an den ostdeutschen Theatern sehr unbeliebt, weil er für die etablierten Künstler natürlich eine gewichtige Konkurrenz darstellte. Auffällig ist auch, wie nachlässig Brechts gesundheitliche Probleme in der DDR behandelt wurden.

Aber Brecht wurde doch durch das DDR-Regime reich dekoriert?
Damit begannen die DDR-Oberen erst nach Brechts sehr erfolgreichem Pariser Gastspiel 1955, als der Künstler schon schwer krank war. Erst ab diesem Zeitpunkt war Brechts Kunst auch DDR-Kunst. Reagieren konnte Brecht da nicht mehr.

Abgesehen von der Spekulations-Thematik: Weshalb lohnt es sich weiterhin, Brecht-Stücke zur Aufführung zu bringen?
Ich will Ihnen die Frage mit einer Anekdote beantworten. Das Mannheimer Nationaltheater hat mich kürzlich zu einer Vorbesprechung eingeladen, mit den Schauspielern, dem Regisseur und dem Dramaturgen. «Mutter Courage» stand auf dem Programm. Die Stimmung war skeptisch, man erachtete das Stück als abgelutscht und angestaubt. Wir sassen mehrere Stunden zusammen. Ich hinterfragte die Vorurteile: «Was ist an diesem Stück kommunistisch?» Ich versuchte die Sprachkunst des Stücks aufzuzeigen, die stark komödiantischen Aspekte. Ich versuchte zu veranschaulichen, wie das Stück eine Gesellschaftskritik vermittelt, ohne dass seine Figuren als Rebellen oder Revoluzzer dargestellt werden. Am Ende hatten die Schauspieler richtig Lust auf das Stück. Und man muss ja auch sagen: Brecht hat Bombenrollen hinterlassen, wirklich fantastisches Material für Schauspieler!

In der öffentlichen Wahrnehmung Brechts tritt die Lyrik oft hinter die Theaterstücke zurück. Wie beurteilen Sie den Dichter Brecht?
Gottfried Benn hat einmal gesagt: «Wenn ein Dichter sechs haltbare Gedichte verfasst hat, kann er schon ein grosser Dichter genannt werden.» Brecht hat nicht fünf, sondern über 100 solche Gedichte verfasst – viele von ihnen sind zu Liedern geworden, die auf der ganzen Welt gesungen wurden und werden. Das Solidaritätslied beispielsweise wurde in fast alle Sprachen übersetzt, es wurde an den Maidemonstrationen in New York ebenso gesungen wie im Spanischen Bürgerkrieg. Erst kürzlich hat ein gewisser Robbie Williams den «Mackie Messer» gecovert.

Was macht die Qualität dieser Lieder aus?
Fantastische Musik, einfache Texte. Brecht und der Komponist Kurt Weill waren ein ideales Paar. Wobei die Aufgabentrennung keineswegs so strikt war, wie häufig geglaubt wird: Brecht konnte ebenfalls singen und komponieren; er hat auch selber Melodien geschrieben. Der «Mackie Messer» etwa war eine Brecht-Komposition. Wem jetzt genau die Urheberschaft eines Lieds zugeordnet wurde, war den beiden völlig wurscht, sie haben sich nie gestritten deswegen.

Stichwort Autorschaft: Brecht wird ja häufig vorgeworfen, er habe seine Frauen und Freundinnen intellektuell ausgebeutet, ohne ihren Beitrag korrekt zu deklarieren.
Dieses Gerücht ist ein Produkt von Kleinbürgern, die nicht damit fertig werden, dass ein Mann wie Brecht sexuell gleichzeitig mit mehreren Frauen verkehrte. Das macht ein ordentlicher Mensch nicht. Diese These funktioniert nur, wenn man annimmt, dass Brechts Frauen alle entsetzlich blöd waren und kein eigenes Selbstbewusstsein hatten. Diese Charakterisierung trifft jedoch auf keine der Frauen zu – alle waren hochintellektuell. Sie fühlten sich von Brecht intellektuell angezogen, und sie kamen diesbezüglich durchaus auf ihre Kosten. Die Ausbeutung war wechselseitig! Elisabeth Hauptmann etwa, Brechts langjährige Mitarbeiterin, hat immer wieder gesagt, dass sie ohne Brecht ihr Potenzial nie hätte ausschöpfen können. In Briefen sagt sie aufs Neue, dass die Ausbeutungsthese nicht zutreffe. Margarete Steffin konnte sich unter der Fürsprache Brechts erst zur Schriftstellerin entwickeln. «Grete, Grete, setz' Dich hin und schreibe», ermunterte sie Brecht. Die sexuelle Attraktivität, die Brecht auf diese Frauen ausübte, ist übrigens ziemlich verwunderlich, wenn man um seinen offenbar ziemlich üblen Körpergeruch weiss.

Brecht stank?
Ja. Das wird von vielen Zeitgenossen Brechts so festgestellt. Das erste Rendezvous mit seiner späteren Ehefrau Marianne Zoff endete damit, dass sie ihn in eine Badewanne setzte und wusch. Er soll dazu ausgerufen haben: «Die Hälfte reicht! Die Hälfte reicht!» (lacht)

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Brecht. Ist er Ihnen sympathisch geworden? Oder gefällt er Ihnen heute weniger als früher?
Ich hege überhaupt keine Sympathie für Brecht. Ich habe Wissenschaft immer so verstanden, dass sie nur Wissenschaft sein kann, wenn ich wie ein Wissenschaftler an meine Objekte herangehe. Das immerhin habe ich von Brecht und seinem Umgang mit seinen Figuren gelernt: Eine Identifikation ist zu meiden.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2012, 13:49 Uhr

Jan Knopf, «Bertolt Brecht», Hanser Verlag, 558 Seiten, ISBN 978-3-446-24001-8, CHF 39.90

Bertolt Brecht

Jan Knopf (*1944) ist Literaturwissenschaftler und Leiter der Karlsruher Arbeitsstelle Bertolt Brecht. 1984 wurde er an der Uni Karlsruhe zum Professor ernannt.

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