«Gegenpäpste sind tatsächlich undenkbar geworden»

Bald wählt der Vatikan ein neues Oberhaupt für die katholische Kirche. Im Interview spricht Historikerin Christiane Laudage über die Besonderheit der Sedisvakanz und tragische Päpste.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In den letzten Wochen war häufig von Coelestin V., der 1294 Papst gewesen ist, die Rede – der letzte Papst vor Benedikt XVI., der freiwillig zurücktrat. Was passierte nach seinem Rücktritt?
Es kam Unruhe auf. Sein Nachfolger, Bonifatius VII., hielt ihn in Halbgefangenschaft und kontrollierte ihn. Er wollte verhindern, dass sich Kirchenkritiker und Papstgegner hinter ihm sammelten. Sein Abgang hatte einige Fragen aufgeworfen, zumal schon bald schlimme Gerüchte kursierten…

Zum Beispiel?
Dass sich Bonifatius, damals noch Kardinal Caetani, in drei Nächten in Coelestins Schlafzimmer geschlichen und dem Papst eingeflüstert habe: «Coelestin, Coelestin, danke ab! Das Amt ist zu schwer für deine Schultern!»

Verschwörungstheorien kursieren nun auch nach dem Rücktritt von Papst Benedikt. Von einem mächtigen vatikanischen Homosexuellennetzwerk ist die Rede.
Zu diesem konkreten Fall weiss ich nichts zu sagen, aber es ist tatsächlich so: Bei einer Sedisvakanz gedeihen jeweils die Gerüchte. Eine krasse, nicht ernstzunehmende Form ist der Sedisvakantismus, dem verschiedene obskure christliche Splittergruppen anhängen. Sie gehen davon aus, dass der Heilige Stuhl seit langem nicht mehr legitim besetzt ist.

Musste der Vatikan kirchenrechtlich improvisieren nach Benedikts Rücktritt oder konnte er sich auf den Fall Coelestin beziehen?
Er musste improvisieren. Aber diese Improvisation geschah mit der Selbstsicherheit einer 2000-jährigen Institution. Der kirchenrechtliche Erfahrungsschatz ist enorm. Der Vatikan kann heute mit faktisch jedem Vorfall, der den Papst betrifft, umgehen.

Entspricht Benedikt den Gepflogenheiten des Papstrücktritts?
Hinsichtlich des Zeremoniells sicher nicht. Jeder Papstrücktritt, ob freiwillig oder nicht, war bisher mit dem symbolischen, demonstrativen Ablegen des Gewandes verbunden. Benedikt tat das nicht. Auch das Zerschlagen des Fischerrings erfolgte im privaten Rahmen. Benedikt teilte der Öffentlichkeit schlicht mit: «Am Donnerstag, 28. Februar, um acht bin ich nicht mehr Papst.»

Worauf führen Sie diese Dezenz zurück?
Das passt sehr gut zur zurückhaltenden Persönlichkeit Benedikts. So viel Öffentlichkeit behagte ihm eigentlich gar nicht.

Ist der sehr rational, sehr nüchtern wirkende Rücktritt nicht auch Ausdruck eines modernen Arbeitsethos?
Sicher. Ich persönlich halte den Schritt aber dennoch für bewundernswert, weil sich Benedikt damit gegen die jahrhundertealte Tradition stellte, dass der Papst bis zum Tod im Amt bleibt.

Im Mittelalter hätte eine Situation wie die jetzige wohl Gegenpäpste hervorgerufen. Heute scheint das undenkbar.
Ich finde es faszinierend, zu sehen, wie die Kirche die Papstwahl stabilisieren konnte. Heute sind Gegenpäpste tatsächlich undenkbar geworden. Wie das möglich ist, dass es nicht mehr zur Erhebung von Gegenpäpsten kam, kann ich mir ehrlich gesagt nicht erklären. Ein wichtiger Grund ist sicher, dass heute keine gewichtige externe politische Partei mehr Einfluss nehmen kann auf die Papstwahl.

Welcher Gegenpapst fasziniert Sie am meisten?
Benedikt X., der erst unfreiwillig Papst und dann zur Abdankung gezwungen wurde. Laut der Überlieferung stand er zu Ende seines Papsttums auf der Zinne einer Burg und rief den Menschen zu, er habe eigentlich gar nie Papst werden wollen. Danach wurde er in Hausarrest gesetzt, und zwar bei seiner Mutter. Das würde man heute als soziale Höchststrafe betrachten.

Wer war der mächtigste Gegenpapst?
Clemens III. Er schaffte es, sich von Heinrich IV., seinem Fürsprecher und späteren Kaiser, zu emanzipieren und als weitherum akzeptierter Quasi-Papst zu etablieren.

Derzeit ist Sedisvakanz. Abläufe, die in den mittelalterlichen Epochen der von ihnen behandelten Gegenpäpste entstanden, werden bald wieder sorgfältig im Konklave durchgearbeitet. Für viele Aussenstehende wirkt es, als sei die Kirche aus der Zeit gefallen.
Das Papsttum ist die älteste politische Institution der Welt. In einer sich ständig ändernden Welt rollen im Vatikan die immer gleichen Riten ab. Das Konklave geht auf das Jahr 1274 zurück, die Einschränkung der Wahlberechtigten auf die Kardinäle auf das Jahr 1179… der Einzug der Kardinäle ins Konklave, die schweren Türen fallen zu, und sie kommen erst wieder raus, wenn der neue Papst gewählt wurde… Das alles ist schon ungemein faszinierend.

Ihre Vermutung: Wer wird Papst werden?
Das Rennen ist komplett offen! (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2013, 13:40 Uhr

Laudage, Christiane, «Kampf um den Stuhl Petri. Die Geschichte der Gegenpäpste.», Herder Verlag, 259 Seiten, ISBN 978-3-451-30402-6, CHF 32.90.

Laudage porträtiert die verschiedenen Gegenpäpste (auch Antipapa), jene Geistlichen also, die den Heiligen Stuhl bestiegen oder zu besteigen versuchten, während ein legitimer Papst amtierte. Gegenpäpste gab es vor allem im Hochmittelalter, als verschiedene Päpste in Rom und Avignon gleichzeitig herrschten.

Kampf um den Stuhl Petri

Kardinäle entscheiden über Konklave-Termin

Die im Vatikan versammelten Kardinäle wollen noch heute einen Termin für den Beginn des Konklaves zur Wahl eines neues Papsts festlegen. «Wir können davon ausgehen, dass die Kongregation heute in ihrer Nachmittagssitzung über das Datum für den Beginn des Konklaves abstimmt», sagte Vatikansprecher Federico Lombardi.

«Wahrscheinlich» werde die Wahlversammlung «am Montag, Dienstag oder Mittwoch» beginnen, nicht jedoch bereits am Wochenende. Die im Kirchenstaat versammelten Kardinäle aus aller Welt kommen erneut um 17.00 Uhr zusammen. Die Sitzung soll bis 19.00 Uhr dauern. (AFP)

Christine Laudage ist promovierte Historikerin und arbeitet für die Katholische Nachrichten-Agentur.

Artikel zum Thema

Schwarze Liste von Papst-Kandidaten

Missbrauchsopfer klagen öffentlich zwölf mögliche Papst-Nachfolger an. Sie werfen ihnen verharmlosende Äusserungen zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche vor. Mehr...

Genzenloser Jubel, ein zerstörter Siegelring und ein letzter Tweet

Die heutige Generalaudienz war der letzte öffentliche Grossauftritt von Benedikt XVI., bevor er sein Amt als Papst niederlegt. Seine Fans reisten aus der ganzen Welt nach Rom. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Blogs

Sweet Home Rund und gesund
Geldblog So vermeiden Sie Negativzinsen

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...