«Ich habe nie Kompromisse gemacht»

Felicitas Hoppe ist die Literatin der Stunde. Ein Gespräch mit der Büchner-Preis-Trägerin über ihre Kritiker, literarische Selbstüberhebungen, Wikipedia und den erschreckenden Pinocchio-Effekt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In ihrem Roman «Hoppe» erzählen Sie, Felicitas Hoppe, die Lebensgeschichte einer gewissen Felicitas Hoppe. Im Buch heisst es einmal, Hoppe sei «eine in der Regel äusserst höfliche und gelegentlich bis zur Selbstverleugnung zuvorkommende Interviewpartnerin». Da es sich ja um ihre Wunsch- oder Traumbiographie handelt: Muss ich nun im Hier und Jetzt, in der Realität, vom Gegenteil ausgehen?
(lacht) Nein, nein, das müssen Sie nicht. Interessant, dass Sie ausgerechnet diesen Satz erwähnen, das hat eine Moderatorin erst letzthin an einer Lesung auch getan. Sie legte ihn allerdings anders aus: Weil das da so stehe, habe sie jetzt keine Angst, mir Fragen zu stellen, sagte sie. Dieser Charakterzug trifft, so glaube ich, nun tatsächlich auf mich ebenso zu wie auf mein Alter Ego im Roman.

Sie haben letzten Monat den Büchner-Preis gewonnen. Wie beeinflusst die Prämierung ihre tagtägliche Arbeit als Schriftstellerin?
Seit die Prämierung bekannt wurde, ist bei mir natürlich der Teufel los; ich mache momentan einen Crashkurs in Sachen Logistik und Selbstverwaltung. Zur literarischen Arbeit komme ich derzeit überhaupt nicht, ich bin verbucht bis Mitte Jahr 2013. Danach muss ich unbedingt Freiräume für meine Arbeit schaffen, weil ich bereits wieder viele Projekte in Vorbereitung habe.

Veränderte sich ihr Status, nachdem Sie den Preis erhalten haben?
Es veränderte sich schon was. Nach der Auszeichnung waren die Häuser, in denen ich gelesen habe, brechend voll. Es beeindruckt mich, wie das Publikum meinen Preis teils richtiggehend feiert, es gibt Ovationen et cetera. Mein Rollenverständnis veränderte sich allerdings nicht grundsätzlich.

Stehen Sie diesem Überschwang an Lob auch skeptisch gegenüber?
Nein. Ich bin ja jemand, der generell gerne feiert – da kommt mir das entgegen (lacht). Das Glücksgefühl ist immer noch da, und ich freue mich wahnsinnig, dass mein Werk, meine jahrelange Arbeit diese Anerkennung findet. Das gesamte Hoppe-Werk wird nun noch mehr nachgefragt. Davon träumt ja jeder Schriftsteller.

Apropos – «Hoppe» trägt das Signet «Traumbiographie». Erfüllen Sie sich mit diesem Buch mittels Literatur ihre realen Träume?
Na klar! Es geht um eine literarische Selbstüberhebung: Das Eishockey etwa, für das ich mich seit langem begeistere... dann mache ich eben meine Felicitas Hoppe zu einem Hockey-Talent, das mit dem jungen Wayne Gretzky anbandelt.

Die Prämierung wurde allerdings nicht nur bejubelt, sondern auch verschiedentlich beargwöhnt; Ihr Werk sei zu leichtgewichtig, um mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet zu werden. Wie gehen Sie mit der teils harschen Kritik um?
Mir gefällt es sehr gut, dass Kritik geübt wird. Es ist essenziell für eine lebendige Literaturlandschaft, dass sich nicht alle einig sind. Auch wenn Hoppe, um auf Ihr Zitat zurückzukommen, «eine bis zur Selbstverleugnung zuvorkommende Interviewpartnerin» sein sollte: Ich bin kein harmoniesüchtiger Mensch. Ich suche zwar keine Konflikte, aber ich bin geradlinig. Klar, hier und da gibt es auch Feindschaft... (zögert) da kann ich aber nur sagen: Viel Feind', viel Ehr.

Kritiker beeinflussen ihre literarische Arbeit aber nicht?
Nein, überhaupt nicht. Was mich an der Prämierung ja besonders freut, ist, dass ich sie erhalten habe, obwohl ich in meiner Arbeit nie Kompromisse gemacht habe – nicht wegen eines Programms, sondern weil ich nicht anders kann. Ausserdem lernte ich an den Hunderten Veranstaltungen, an denen ich auftrat und las, viel über die Irritationen, die meine Bücher auslösen können. Häufig geht die Kritik dahin, dass es heisst: «Die macht doch nur, worauf Sie Lust hat! Und dafür kriegt die auch noch Geld und Preis!» Ich selbst finde es grossartig, dass eine Gesellschaft wie die unsere ein literarisches Programm wie meines auf diese Weise würdigt.

Die Kritiker kommen immer wieder auf Ihre Produktivität zu sprechen, die ja tatsächlich erstaunlich ist: Sie veröffentlichen im Schnitt pro Jahr zwei Bücher.
Ja, aber es gibt jene Bücher, die ich zu meinem Hauptwerk zähle; das sind etwa neun Bücher, die in meinen 16 Schriftstellerjahren entstanden sind. Und daneben gibt es eine Vielzahl anderer Arbeiten wie Übersetzungen, Kinderbücher oder Feuilletons. Ich glaube, die von Ihnen erwähnte Einschätzung hat nicht zuletzt mit meinem Wikipedia-Eintrag zu tun, der alle meine Publikationen als Monografien aufführt. Eigentlich ist mein Werk nicht voluminös.

Ihre Beziehung zu Wikipedia ist ja ohnehin eine spezielle...
Ja, das stimmt. Ich habe früher schon gerne mit Lexika gearbeitet, und da kam mir dieses Schnell-Lexikon Wikipedia sehr entgegen. Der Wissensfundus, der dort drin steckt, der ist toll! Aber was mich eben auch fasziniert, ist die Manipulation von Wissen, die bei Wikipedia stattfindet; dass sich jemand immer wieder hinter den Hoppe-Eintrag macht und ihn aktualisiert, fast täglich. Meistens sehr verlässlich, aber es gibt auch Ausnahmen – wenn man plötzlich verheiratet wird etwa. «Was ist wahr, was ist erfunden?», das ist natürlich auch die Frage in «Hoppe».

Haben Sie eigentlich nie Angst, bei diesem raffinierten permanenten Wechselspiel zwischen Realität und Fiktion sich selbst abhandenzukommen?
Gut... was sich bei der Arbeit an diesem Buch schon einstellte, war der Pinocchio-Effekt.

Der Pinocchio-Effekt?
Sie erinnern sich: Als Geppetto sich die Puppe schnitzt, hat er eine Marionette vor Augen, mit der er sich sein Brot verdienen möchte. Und das geht ja schief, weil dieser Pinocchio ein Eigenleben entwickelt und ruckzuck von zu Hause abhaut: Der Erschöpfer erschrickt vor seiner eigenen Schöpfung. So ging es mir gegen Ende des Buchs, da dachte ich plötzlich: Huch, was macht denn die da? Aber eine Angst, wie sie sie erwähnen, so eine hatte ich nie; dafür habe ich zu sehr das Gefühl, bei mir zu sein. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.06.2012, 09:53 Uhr

Hoppe, Felicitas; «Hoppe»; Fischer (S.), Frankfurt, 330 Seiten, ISBN 978-3-10-032451-1, CHF 31.90.

Hoppe

Zur Person

Felicitas Hoppe (*20. Dezember 1960) hat dieses Jahr den Georg-Büchner-Preis gewonnen, den prestigeträchtigsten und höchstdotierten Literaturpreis für deutschsprachige Autoren. Mit dieser Auszeichnung steht Hoppe in einer Reihe mit Autoren wie Gottfried Benn (1951 prämiert), Max Frisch (1958), Günter Grass (1965), Elias Canetti (1972), Friedrich Dürrenmatt (1986) oder Elfriede Jelinek (1998).

Hoppe arbeitete als Sprachlehrerin und Journalistin, bevor sie 1991 als Schriftstellerin debütierte. Neben Romanen und Erzählungen verfasste sie auch diverse Kinderbücher und Feuilletons. Ausserdem trat sie verschiedene Gastdozenturen an, so an der Uni Göttingen (2007) oder dieses Jahr an der Uni Hamburg.

In ihrem jüngsten Roman «Hoppe» (2012) unternimmt die in der Rattenfänger-Stadt Hameln Geborene ein raffiniertes Experiment: Sie erzählt die Geschichte einer Felicitas Hoppe; die Autorin verdichtet dabei tatsächliche Fakten ihres Lebenslaufs und persönliche Wünsche, Realität und Fiktion zu einer faszinierenden «Traumbiographie». (lsch)

Artikel zum Thema

Georg-Büchner-Preis geht an Felicitas Hoppe

Die Schriftstellerin erhält damit die bedeutendste Auszeichnung für Literatur in Deutschland. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Mehr...

Drei Flaschen mit Walliser Sonnenlicht

Das kleine Sogar-Theater in Zürich bringt eine Erzählung der Autorin Felicitas Hoppe auf die Bühne. Der Monolog der Schauspielerin Regula Imboden überzeugt. Mehr...

Blogs

Mamablog Eltern als Unterhaltungsmaschinen

Geldblog Kurzer Anlagehorizont steigert die Risiken

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...