PORTRÄT

«Ich war ein Popper»

Der Kolumnist und Stilgott Mark van Huisseling liest heute in Basel. Unser Autor Michael Bahnerth hat ihn zuvor im Zürcher «Kaufleuten» zum Gespräch getroffen.

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Er trinkt nicht, weil er «Migräniker» ist. Rauchen wollte er, konnte es sich aber nicht angewöhnen. Für wirklich harte Drogen fehlte ihm die Verzweiflung. Er hört «Americana», so ein bisschen alternativen Country, weil er die Geschichten über betrügende Männer, starke Frauen und verlorene Söhne mag. Er lebt in einer Erwachsenenbeziehung, die in einem Hausteil am Zürcher Stadtrand glücklich funktioniert. Seinen Maserati hat er eingetauscht gegen ein Häuschen auf Ibiza. Er trägt gerne Lacoste-Shirts und eine Rolex, diese uniformen Insignien geschmacksbenachteiligter Emporkömmlinge, und findet, an ihm sehe das gut aus. Er sagt: «Ich war nie ein Freak, nie Punk. Ich war ein Popper. Und ich bin es immer noch.»

Popper, das waren ein paar Jahre Jugendkultur aus Deutschland Anfang bis Mitte der 1980er-Jahre. In Österreich nannte sie sich «Snob». Eine neokonservative Elite aus Muttersöhnchen und verzogenen Upperclass-Gören. Es ging um zur Schau gestellten Hedonismus, das gute Gefühl eines aufgeblähten Egos, Engagement ausschliesslich für sich selber, und um Fiorucci-Rüeblijeans, Burlington-Socken, Lacoste-­Shirts, Lederkrawatten, Cartier, Chanel, Lagerfeld, College-Schuhe und eine Tolle auf dem Kopf, die ins halbe Gesicht hing und die man so cool zurück- schwingen konnte, wenn man mal die Welt sehen wollte oder einen andern Popper.

Die zweite Geburt

Mark van Huisseling, Jahrgang 1965, war damals ein Irgendwas, das nicht mehr Kind war und noch nicht ganz Mann, und vermutlich war er der Leading Popper of Bümpliz (BE). Sein Vater Magaziner im Coop Weissenbühl, seine Mutter Mutter und ebenfalls im Coop, ins Leben geworfen mit einem Namen, den er immer buchstabieren musste, aber das war in Bümpliz, diesem Sammelbecken für Italiener, Portugiesen, später Türken, Tamilen und Albaner nichts Besonderes. Er ein Einzelkind, es war eine Kindheit ohne die grossen Dramen von Scheidung oder Tod in einem Elternhaus, in der mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht wurde als mit den paar Büchern. Der Vater soll die «Berner Zeitung» gelesen haben und hoffte auf sechs Richtige im Lotto. Die Jungs dort wollten Fussballprofi werden und die Mädchen Frauen von Fussballprofis. Mark wurde Software-Entwickler für eine Versicherungsgesellschaft, und die Entwicklung seines Lebens schien programmiert: weg aus Bümpliz, Frau, Kind, Einfamilienhaus, anlässlich der Beförderung ins mittlere Kader ein zweites Kind. Aber Mark ist einer, der zweimal geboren wurde. Das zweite Mal mit 25, und die Mutter, die ihn zur Welt brachte, und der Gebärsaal waren identisch: Zürich.

Das Ding der High Society

Heute, mit fast 50, ist van Huisseling wahrscheinlich der bekannteste Kolumnist in Zürich. Da ist noch Max Küng, aber der schwächelt, weil sein Talent nur in der Jugend lag. Michèle Rothen ist auch noch da, aber seit der Geburt ihres Kindes ist es ein wenig so, dass ihre Texte nicht mehr laufen, sondern krabbeln. MvH schrieb und schreibt ausschliesslich über das Sein der Reichen, und das ist ein brauchbarer Erfolgsansatz in einer Stadt, in der jeder gerne reich wäre oder zumindest so tut, als ob er reich sein könnte, und in der jeder Zweite eine Rolex trägt.

«Kaufzwang» hiess seine erste Kolumne, in der er Prominente traf, ein bisschen Cervelat-Prominenz (Rolf Knie), ein bisschen Showpeople (Sarah Connor), ein bisschen Pornoproduzenten (Dolly Buster) und gelegentlich ein paar wirkliche Big Shots (Taki Theodracopulos, unermesslich reicher Grieche, der letzte noch überlebende Playboy aus der Gunter-Sachs-Ära). «Kaufzwang» war insofern genial, weil es ­einerseits zum Sprachrohr der Reichen wurde, und andererseits den Voyeurismus aller andern befriedigte. Geschrieben waren sie ganz gut, wenn man bedenkt, dass MvH anfing zu schreiben, nicht weil er Schriftsteller werden wollte, sondern einfach nur erfolgreich und bekannt und berühmt. (In einer höheren Wirtschaftsfachschule war er der beste Aufsatzschreiber.) Sein Stil ist ehrlich, manchmal prätentiös wie Karl Lagerfeld, manchmal von einer Einfachheit, bei der man nicht weiss, ob sie gross ist oder nur einfach. Es ist eine ehrliche Schreibe ohne grossartigen Subtext zwischen den Zeilen, nichts Unausgesprochenes bebt, und was er zu sagen hat, steht stets in Klammern, das ist, als schreiberisches Hilfsmittel, zwar eher einer der simpleren Tricks, funktioniert aber natürlich immer.

«Ich schreibe», sagt er, «weil ich finde, ich bin interessant.» Das ist insofern keine interessante Aussage, als dass sich die meisten Menschen interessant finden, und die meisten Zürcher sowieso.Die Frage ist, ob er für uns interessant ist. Er ist ja nicht «Baby Schimmerlos» aus der TV-Serie «Kir Royal» (auch eine Kunstfigur) dafür fehlt ihm der Zynismus und die Verletzlichkeit gegenüber dem oder denen, über die er schreibt.

Auf der Überholspur

MvH hat viel getan, um interessant zu scheinen. MvH mit Sonnenbrille, MvH mit fettem Ring am Zeigefinger, MvH mit Hemd offen, MvH mit Zigarette im Mundwinkel – MvH als Cool Packet für jene, die ihn mochten (etwa Society-Reporterin Hildegard Schwaninger, die sagte, er sähe aus wie ein Hollywood-Star), und als Arschloch-Packung für jene, die ihn als oberfläch­lichen Stilfuzzi wahrnahmen.

Das waren die Maserati-Zeiten, MvH sonnte sich mit und in sich selbst, er hatte geschafft, was er sich vorgenommen hatte; berühmt zu werden. Seinen Namen musste er nicht mehr buchstabieren. MvH fuhr auf der Überholspur seinem eigenen kleinen Denkmal entgegen und die Fahrt wurde erst ein wenig eingebremst, als er 2010 für Pro Sieben eine Sendung machte; «MvH trifft», im Vorspann er in James-Bond- Manier, das Ganze brachte zwar Geld, brachte aber auch MvHs Grenzen zum Vorschein. Viel gelernt habe er über das Unternehmen Fernsehen: «Ich hatte wenigstens einmal eine eigene Show. Wie viele Leute können das schon ­sagen?»

Die Maserati-Zeit war, als er noch ansatzweise eins war (oder zumindest dachte man das) mit dem, was er nach aussen verkörperte; MvH, der Mann, den die Reichen und Schönen und Privilegierten lieben, den sie in ihrer Mitte haben wollen, weil er die Macht hat, ihrem Geld Bedeutung und ein wenig Glamour und Stil zu vermitteln. Der Mann aus Bümpliz war angekommen. Die Endstufe einer Karriere, die Karriere als Rakete, gezündet als Volontär beim «Sonntagsblick», erste Stufe, dann Wirtschaftsjournalist, Korrespondent in London, zweite Stufe, danach die «Weltwoche» von Roger Köppel, der sagte, Mark, du bist der «urbane Hedonist, schreib darüber, dritte Stufe, Austritt aus der irdischen Atmosphäre, MvH in einer neuen Umlaufbahn im Kosmos des Zürcher Scheins. «Das war ein geiles Gefühl damals», sagt er.

Das Ding mit dem Gartenmagazin

Wir sprechen gerade über Gartenmagazine. Nicht über die Armut der Reichen, Kokain als Marschierpulver für den Zürcher Grössenwahn, Snobismus als Lebenseinstellung und MvH als «Weltwoche»-Chronist der luxuriösen Dekadenz an der Limmat. Wir sprechen auch nicht über sein jüngstes Buch «Zürich», in dem er auf 115 Seiten über seine Liebe zu der kleinsten Grossstadt der Welt erzählt. Es ist ein erstaunliches Büchlein, gerade weil es von Mark van Huisseling stammt. Es hat Drive und Tiefe, Humor und Schönheit, viel Wahrheit und kaum Sätze in Klammern. Es besitzt all das, was man MvH nicht auf den ersten Blick zutraut. Der Mann, der stets nur zu wissen schien, was in ist und was nicht und in welchem Restaurant wo der beste Tisch ist, der ewige Popper, hat sich in grossartiger Ignoranz des Interesses seiner selbst an sich selbst hinter den Glamour des Limmatscheins und des MvH-Schreins begeben.

Natürlich schreibt er nicht über die Verlierer im Zürcher Grossstadt-Gemetzel, über die zerbrochenen Seelen, die als Strandgut des Lebens am Stadtrand vegetieren. Aber es gibt ein Kapitel über Deutsche in Zürich, was der Sache ziemlich nahe kommt. Über das Gartenmagazin sprechen wir (selbstverständlich) im «Kaufleuten», wo MvH (selbstverständlich) einen Tisch bekommt, «und zwar immer denselben». Das Gespräch wird begleitet von Zanderfilet-Stückchen auf einer knallharten Gemüseunterlage und Ex-Miss-Schweiz Silvia Affolter am Nebentisch. (Silvia trägt mittelhohe Schuhe, die bis kurz über die Fesseln reichen, einen die im Fitnessstudio gegen das Schrumpfen trainierten Oberschenkel mittig bedeckenden Jupe in einer Farbe zwischen Braun und Olive, sie sieht aus wie eine Orchidee, die noch einmal alles gibt. MvH trägt ein wüstenfarbiges Cordjacket, einen braunen Pullover und ein dazu passend in Farbquadranten gesplittetes Hemd.)

Silvia guckt kurz und kommentarlos zu MvH. «Mit Silvia gab es einmal einen Zwischenfall», sagt MvH, «sie wollte klagen gegen mich, dazu kam es dann aber nicht. Wie immer.» 2006, war das, offenbar hat ihm Verlegergattin Raquel Marquard, seine Flüsterstimme aus dem Reich der Reichen, gesteckt, die Silvia hätte neu was mit einem verheirateten Mann. Silvia gegenüber sitzt Rolli, inzwischen ihr Mann, ein Banker, «eigentlich mag er mich, aber jetzt darf er das nicht», sagt Mark. Ein kleines Goldküsten-Skandälchen, von dem beide profitiert haben.

Ein Manager, der schreiben kann

Schnee von gestern. Heute ist Gartenzeitschrift, MvH als Zeitschriftenmacher und nicht als Kunstfigur. «Ich mache Kundenzeitschriften», sagt er (nebst sechs Mal im Jahr die Stilbeilage der «Weltwoche»). Er tut dies auch, weil berühmt sein zwar toll ist und Kolumnist auch, aber nicht so toll bezahlt, dass man damit Maserati fahren könnte und ein bisschen auf Jetset light machen. «Das Geschäftsmodell Kolumnist funktioniert nicht wirklich, die Honorare in der Schweiz sind mies, das funktioniert als Lebens-Set-up nicht.» Das ist auch van Huisseling: «Selbstverwirklichung funktioniert für mich nur im Rahmen wirtschaftlicher Unabhängigkeit.»

MvH ist «Methodiker», wie er sagt, einer mit Plan. Er ist nicht Träumer oder Dichter, Romantiker nur ansatzweise. MvH ist ein Manager, der schreiben kann. Oder ein Schreiber, der sich managen und vermarkten kann, ein umsichtiger Selbstverwalter, ein Schweizer. Da sitzt man, kaut am «Kaufleuten»-Gemüse und denkt, dass man ihn sich anders gedacht hat, als männliche Stiltussi vielleicht, und als Mensch, dessen Tragödie (ähnlich der von F. Scott Fitzgerald) es ist, nur über jene Welt schreiben zu können, in der er gerne ­leben würde.

Vom O.k.-Verdiener zum Gutverdiener

Er hat die Welt der Reichen inzwischen hinter sich gelassen, indem er selbst von den O.k.-Verdienern zu den Gutverdienern aufgestiegen ist. Er hat diese Bümpliz-Aufsteigernummer hinter sich gelassen. Dass er sein ehema­liges Ich hinter sich gelassen hätte, wäre jetzt folgerichtig, aber so einfach ist das nicht bei van Huisseling, weil er sagt: «Gefühlt bin ich seit der Pubertät gleich unterwegs.» Schwer zu sagen, ob da ­einer einfach seine Mitte früh gefunden hat oder ob er zu jenen gehört, die sich selbst ein Leben lang suchen müssen.

Zurzeit ist er ein Dialektiker. Die Synthese aus MvH, dem Showgirl, und Mark van Huisseling, dem Unternehmer. Ein angenehmer Mensch mit einer angenehmen Sprache (Berndeutsch), dessen Charme auch in der vermittelten Abstinenz von Selbstzweifeln liegt, in der fraglosen Klarheit seines Lebens-set-ups. Manchmal erinnert er an einen Song von Barclay James Harvest, finde ich, «Loving is easy» etwa. Oder an eine Cabriolet-Fahrt.

Das waren 57 Minuten mit MvH. Beim Espresso gings um das Entdecken des Ichs. «Selbstfindung», sagt MvH, «erstaunlich, wie wenig dann da ist.»

Mark van Huisseling und Alain Claude Sulzer lesen heute Donnerstag um 19.30 Uhr in der Allgemeinen Lesegesellschaft, Münsterplatz 8. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.05.2013, 12:08 Uhr

«Ich war ein Popper»: Mark van Huisseling hat seinen Maserati gegen ein Häuschen auf Ibiza eingetauscht. (Bild: Tom Haller)

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