Im Bauch eines Basler Chemie-Riesen

Daniela Engists Syngenta-Roman «Kleins Grosse Sache» amüsiert und informiert.

Die Lobby von Syngenta in Basel hat die Autorin oft betreten, der Konzern ist ein Vorbild für ihren Roman «Kleins Grosse Sache».

Die Lobby von Syngenta in Basel hat die Autorin oft betreten, der Konzern ist ein Vorbild für ihren Roman «Kleins Grosse Sache». Bild: Kostas Maros

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Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wenn Romane aus dem Inneren von Grossfirmen berichten und dabei den Sinn für Menschliches und Allzumenschliches bewahren. So ein amüsanter Roman ist «Kleins Grosse Sache» von Daniela Engist. Sie erzählt aus dem Bauch eines Basler Chemie-Riesen; dort kennt sie sich aus.

Nach Literaturstudium und Promotion arbeitete Daniela Engist zunächst als freie Journalistin und ab 2001 als Kommunikationsmanagerin in Basel bei Roche und Syngenta. Zuletzt trug sie dort so krasse Titel wie Head of Communications Legal & Taxes. Anscheinend trug sie so schwer daran, dass sie die gut bezahlte Last abwarf, nach 13 Jahren das Pendeln zwischen Basel und Freiburg im Breisgau aufgab und sich seit 2013 der Literatur widmet. Schluss, aus, fertig.

Daniela Engist ist nicht für halbe Sachen. Ihr Debütroman, von Längen abgesehen, ist ein runder Wurf, informativ im Inhalt, sprachlich topfit. In ihrem verkappten Syngenta-Roman geht es nicht um die Herstellung sogenannter Pflanzenschutzmittel, sondern um die Produktion von Illusion in den Kommunikationsabteilungen.

Ihr Held heisst Harald Klein. Der blässliche Jüngling rutscht in die «Grosse Sache» schneller hinein, als er ihr gewachsen ist. Ausgangslage: Der Basler Konzern, bedrängt von der Konkurrenz, bringt seine Unternehmenskultur auf Vordermann. Die Kreativität der Mitarbeiter soll voll verschärft freigesetzt werden. «Leistung fürs Leben», heisst die Devise. 2000 Führungskräfte werden auf die «Grosse Sache» eingestimmt und getrimmt.

Harald Klein, als ehemaliger Philosophiestudent ein Mann des Wortes, soll den Geschäftsberichten, Präsentationen und Pressekonferenzen den letzten Schliff zu geben. Ausgemustert von seiner grossbürgerlichen Freundin Beate – sie wollte keinen Mann, der unter 8000 Euro verdient – sucht Harald neuen Halt. Da kommen ihm Weltfirma und 120 000 Franken Jahreslohn gerade recht.

Feindliche Übernahme

Der Roman begleitet unseren Helden über drei Jahre. Er beginnt mit Haralds erstem Bürotag gegenüber dem Badischen Bahnhof, und er endet mit einem diabolischen Auftritt des Verwaltungsratspräsidenten im Hochhaus. Je selbstbewusster Harald wird, desto sinnloser erscheint ihm seine Arbeit. Der Präsident erteilt ihm die vorletzte Lektion: Es gibt keine sinnlose Arbeit, weil es keinen Sinn ohne Arbeit gibt. Die letzte Lektion erteilt die Realwirtschaft: feindliche Übernahme der Firma durch einen anderen Konzern. Monster-Merger in Basel. Bei Engist ist es die Basler Konkurrenz; in Wirklichkeit ist es ChemChina.

Dass Harald Klein ein Aufsteiger ist wie die meisten von uns, qualifiziert ihn zu einer erstklassigen Identifikationsfigur. Wir können uns einfühlen. Wir staunen wie der Anfänger über sein erstes eigenes Büro, über den USM-Haller-Chic, über die firmeneigene Kunstsammlung und die geheimen Codes der Macht. Je grösser die Gemälde und die Fenster im Büro, desto wichtiger sein Insasse.

Wir bewundern mit ihm das Direktionsrestaurant mit Dessertbuffet. Schon die Kantine ist ein Schlaraffenland für unseren Helden, aufgewachsen in der schwäbischen Provinz und verunsichert bis ins Mark. Harald macht mit, liebend gerne. Und gerne liebend, falls die verehrte Kollegin zur Führungsebene gehört und ihm weiterhilft. Und Hilfe hat er dringend nötig.

Wir bibbern mit ihm, als er für den «Sonnenkönig», den obersten Chef Sam Duke, den ersten Aktionärsbrief überarbeiten soll. Wie soll der arme Harald, studierter Philosoph, da durchblicken? Ganz einfach: Der hilflose Harald nimmt den Vorjahresbericht als Vorlage. Er setzt nur die aktuellen Zahlen ein und überprüft sie tausendmal. Leider vergisst er, das Datum im Briefkopf zu aktualisieren. Da ist sogar Urs böse, sein netter Vorgesetzter.

So ein dummer Fehler soll Harald nicht wieder passieren. Oder doch? Als unser Überflieger für die nächste «Grosse Sache» nach Kalifornien jetten soll, weiss er nicht, dass es für die USA einen Reisepass braucht. Er erstarrt, alle erstarren: «So blöd war niemand.»

Schwankendes Selbstgefühl

Harald kommt zu spät zum Deal. Macht nichts. Der Hausjurist deutet Zuspätkommen diesmal als Zeichen von Souveränität. Überhaupt kommt vieles besser, als Harald denkt. Merke: Nicht besondere Leistung und Ausbildung machen die Karriere, sondern gute Beziehungen, Chuzpe und Glück.

Ist das recht? Ist sein Leben noch echt? Harald schwankt wie seine Kollegen zwischen tiefer Unsicherheit und Selbstüberschätzung. Die Autorin fühlt als Ex-Kollegin mit ihnen. Ihre Psychostudie aus dem Management ist sympathisch, weil frei von Arroganz.

Werthaltiges Ambiente wertet Menschen innerlich auf. Das Ausbildungszentrum im Kanton Zug ist ein Knüller. Die Toiletten sind mit Nussbaumholz und Travertin getäfelt. Der Luxus liegt erst noch steuergünstig und wird spirituell veredelt. Es gibt Workshops mit verlogenem Wahrheitsanspruch, Netzwerke von hinterhältiger Raffinesse und Eindrücke voller Poesie: «Sitzgruppen trieben im blauen Licht.» Wie schön. Wie perfide. Eine Personalvertretung ist hier macht- und ratlos.

Mit viel Liebe beschreibt die Autorin, warum einer wie Klein seine grossen Chefs sofort zu lieben beginnt. Dennoch freut sich Harald diebisch, wenn er in einem Londoner Hinterhof seinen Sonnenkönig, den verehrten Duke, erwischt, wie dieser ungehemmt frisst. Duke ist Aufsteiger wie Harald: «Seine einfache Abkunft war und blieb vielleicht der Schweinehund, der ab und zu Gassi geführt werden musste.»

Vorzügliche Formulierungen

Daniela Engist findet vorzügliche Formulierungen, und das Vorzüglichste ist, dass sie dieses Niveau durchhält. Hier ein paar Beispiele. Haralds erste (und letzte) eigene Mitarbeiterin wirkt wie frisch von der Uni; sie guckt «wie ein benutzergesteuertes Programm, das auf die nächste Eingabe wartet».

In Konferenzen werden «Feuerwerke der Soziofertigkeiten abgefackelt». In der Freizeit unterhält man sich «über den sinkenden Pegel seines Glases hinweg».

Nachts verpasst Harald die Bahn und «zieht eine einsame Lichtspur durchs dunkle Gebäude» der Firma. Draussen in Basel wartet die Fasnacht: «Durch die Adern und Kapillare der Stadt fliessende Lichtkörperchen erwecken das grosse Tier zum Leben.»

Virtuelle Mitarbeiter

Harald will auch ein grosses Tier werden. In seiner ersten Führungsposition hat er allerdings nicht mehr zu führen als eine vakante Personalstelle. Sein Konkurrent Dexter, ein abgeklärter Zyniker, bringt ihn auf die Idee, dass es zum Führen auch Untergebene braucht. Flugs bildet Harald per Telefonkonferenz ein eigenes Team von Konzern-Mitarbeitern, die im Ausland stationiert sind. Leider hat dieses virtuelle Team, fern vom Schuss, keine Lust auf Haralds Anordnungen.

Der Konzern wirkt zunehmend wie eine Shuttle auf Geisterfahrt, ein Selbstläufer. Der Irrläufer darin – Harald. Er hebt ab und der Roman mit ihm. Wie nebenbei enthüllt sich ein Geheimnis des fortgeschrittenen Kapitalismus: Er schliesst Geist und Schönheit nicht aus, sondern lebt integral von ihnen, von schillernden Sprachblasen, von spirituellen Weisheiten und vom teuren Ambiente. Dafür braucht Daniela Engist 380 Seiten, 280 Seiten hätten es auch getan. Alles eine Frage der Ökonomie. Nobody is perfect. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.01.2018, 11:57 Uhr

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