Hintergrund

Julia Roberts heisst Judith Gresky

Der Zürcher Fotograf Niklaus Spoerri hat fast fünf Jahre lang Doppelgänger berühmter Personen porträtiert. Die Komik der Bilder offenbart sich oft erst auf den zweiten Blick.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schwere Ledermöbel, viel dunkles Holz und ein weicher Spannteppich: Bei Roger Federer zu Hause sieht es ziemlich rustikal aus. Der Tenniscrack sitzt entspannt im Sessel, lächelt bekannt spitzbübisch in die Kamera und hält den Sportteil einer englischen Zeitung in Händen. Denn eigentlich ist dieser Roger Federer Brite und heisst Andy Cobb.

Auf der Insel machen Doppelgänger Kasse

Er ist einer der fast 80 Doppelgänger berühmter Personen, die der Zürcher Fotograf Niklaus Spoerri für seinen soeben erschienenen Bildband «Who Is Who?» aufgenommen hat. Wie es der Titel schon andeutet, wirft dieses Buch Fragen über die Identität auf. Wer ist wer? Ist nun Andy Cobb so wie Roger Federer, oder ist vielleicht auch Federer so wie Cobb?

«Bei gewissen Doppelgängern war ich bei den Aufnahmen nervös, weil die so echt wirkten», sagt Spoerri über seine Arbeit. Es sei dann so gewesen, wie wenn er die prominente Person selber vor der Linse gehabt hätte. Und wenn man der britischen Queen, Michail Gorbatschow oder Julia Roberts gegenübersteht, bekommt man schnell ein bisschen feuchte Hände.

Seit 2007 reiste Spoerri den Doppelgängern nach – vor allem in Deutschland und England. In der Schweiz fand der Fotograf keine geeigneten Personen. Agenturen, die solche Lookalikes vermitteln, halfen ihm bei der Suche nach den Objekten. Vor allem auf der Insel machen Pseudo-Beckhams und Co mit Auftritten und TV-Shows grosse Kasse. Die deutschen Doppelgänger backen da kleinere Brötchen und bekommen weit weniger Aufträge.

Wenn das Original anders denkt als der Lookalike

Die Aufgabe war für Spoerri nicht immer ganz einfach: Der Brad Pitt aus Manchester hat ihn mehrfach versetzt, und der Lookalike des rothaarigen Simply-Red-Sängers Mike Hucknall wollte beim Buchprojekt nicht mehr mitmachen, weil das Original ein Jagdschloss gekauft hatte und das Double gegen die Tierjagd ist. Die Doppelgänger haben also durchaus eine eigene Identität und gehen meist nur mit Haut und Haar im prominenten Vorbild auf.

Spoerri hat seine Objekte stets in ihrem privaten Umfeld aufgenommen. Das erzeugt eine enorme Spannung, wenn der dicke Pavarotti mit einem Abtropfsieb in der kleinen Einbauküche steht, Königin Elizabeth unter dem Telefontischchen Gesellschaftsspiele wie UNO und Scrabble liegen hat oder wenn sich Roger Federer wie eingangs erwähnt in einem rustikalen Umfeld zeigt. Aber eben, das sind die Wohnungen von Dieter Wagner, Jeannette Charles und Andy Cobb, die zufällig aussehen wie der verstorbene Opernstar, die Queen oder der Tennisgott.

3000 bis 4000 Fotos hatte Niklaus Spoerri schliesslich im Kasten und gestaltete aus den besten den faszinierenden Bildband «Who Is Who?». «Wenn ich heute ein Original sehe, dann denke ich oft: ‹Nein, das sieht nicht so gut aus wie der Lookalike›», sagt Spoerri. Denn eigentlich sind die Prominenten auch nur die Doppelgänger ihrer Lookalikes. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.09.2011, 10:17 Uhr

Niklaus Spoerri: «Who Is Who?», Verlag für moderne Kunst, ISBN: 978-3-86984-176-2

Buchvernissage

Am 28. September, ab 19 Uhr, im Message Salon an der Langstrasse 84 in Zürich. Dort werden die Doppelgängerfotos bis zum 8. Oktober 2011 zu sehen sein.
Ab 18. November 2011 ist die Fotodokumentation dann in der Kulturwerkstatt «Raum» an der Militärstrasse 60 in Bern.

Artikel zum Thema

9/11 – das letzte Tabu der Kunst

Zum zehnte Mal jährt sich der Terroranschlag von 9/11. Die Kunstszene liefert erstaunlich wenig zu diesem historischen Ereignis. Eine einzelne Fotografie allerdings verstört nach wie vor. Mehr...

Die Oktoberrevolution der Fotografie

Die radikale Bildsprache des sowjetischen Fotografen Alexander Rodtschenko frappiert noch heute – zu entdecken im Fotomuseum Winterthur. Mehr...

«Swiss Press Photo»-Siegerbild: Eine Kopie?

Der Wettbewerb «Swiss Press Photo» sucht nach originellen Bildsprachen. Dieses Jahr kürte die Jury eine Fotografie, die früheren Bildern verblüffend ähnelt. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grenze der Hoffnung: Bauunternehmer verstärken die Mauer in San Diego, USA, weil in den vergangenen Wochen zahlreiche Migranten illegal den Zaun in Tijana, Mexiko überquert haben. (10. Dezember 2018)
(Bild: Rebecca Blackwell) Mehr...