Klüger spenden

Sie geben Geld für arme Schweizer? Philosoph Peter Singer findet das dumm.

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Die Kataloge der Hilfswerke zeigen Ihnen Bilder, die sich in Ihrem Kopf festsetzen. Eine Mutter verwirft die Hände vor einem Schutthaufen, der die Tochter bei einem Erdbeben beerdigt hat. Ein hungerndes Kind sitzt mit geblähtem Bauch auf dem Boden. Ein Bauer zeigt dankbar auf sein fremdfinanziertes, neues Ackerland. Sie sind gerührt und greifen ins Portemonnaie, um zu spenden? Dann sind Sie für den Philosophen Peter Singer höchstwahrscheinlich ein Wohlfühlspender – und handeln grundfalsch.

Singer schreibt in seinem neuen Buch über die Wohlfühlspender: «In vielen Fällen ist ihre Spende so gering, dass sie mit ein wenig Überlegung einsehen könnten, dass schon die Bearbeitungsgebühren deren Nutzen für die Hilfsorganisation wahrscheinlich übersteigen.»

Der Australier möchte die globale Wohltätigkeit umbauen, hin zu grösseren, regelmässigen Abgaben. Deshalb verbündet der 69-Jährige sich mit den nicht einmal halb so alten Kollegen William MacAskill und Toby Ord. Diese prägten 2011 den Begriff des «effektiven Altruismus», der seither vom blasse Terminus zur sozialen Bewegung wuchs. Die jungen Philosophen fragen, wie das Leben von möglichst vielen Menschen möglichst effektiv gerettet oder verbessert werden kann. Singer, der 1975 mit «Animal Liberation» einen Klassiker der zeitgenössischen Philosophie geschrieben hat und heute der berühmteste Tierethiker überhaupt ist, verleiht dem effektiven Altruismus nun höhere Weihen und neue Tiefe.

Askese? Hat keinen Wert an sich

«Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben» ist jedoch kein kompliziertes Buch. Das liegt an Singers klarer Sprache, aber auch an der beschriebenen Philosophie: Der effektive Altruismus ist eine Abwandlung des klassischen Utilitarismus und brilliert nicht mit raffinierten Gedankengängen. Singers Überlegungen sind vielmehr von einer radikalen Nüchternheit, die keine Rücksicht auf kulturelle oder nationale Befindlichkeiten nimmt. Ein Menschenleben im Sudan hat in seinen Kalkulationen tatsächlich denselben Wert wie ein Menschenleben in Europa. Weil im Sudan weit einfacher Menschen gerettet werden können, ist es für Singer klar, dass dort geholfen werden muss.

Einem Schweizer Bettler Geld zu spenden, ist für effektive Altruisten eine Dummheit; einem Schweizer Museum Geld zu spenden, eine noch grössere Dummheit. Der effektive Altruismus entspricht auf eigentümliche Weise dem Zeitgeist, wendet er doch das im neoliberalen Zeitalter so dominante, kalte Effizienzdenken auf die Menschenhilfe an. Kompatibel wirkt er auch deshalb, weil für die neuen Altruisten die Askese keinen Wert an sich hat. Singer zitiert Julia Wise, eine junge Philosophin: «Wir brauchen keine Menschen, die so lange Opfer bringen, bis sie sich ausgelaugt und elend fühlen. Wir brauchen Menschen, die fröhlich über die Welt wandeln können oder es zumindest von ganzem Herzen versuchen.» Und: «Man ändert Leute nicht durch Standpauken.» Effektive Altruisten suchen sich effektive Organisationen aus, spenden diesen regelmässig Geld, strengen sich an, diesen Betrag stetig zu erhöhen und bemühen sich, daneben weiterhin ein normales Leben zu führen.

Spenden für die Kometenabwehr

Die «Anleitung» ist keine revolutionäre Schrift, sie bestärkt und repetiert vielmehr bekannte Positionen. Das Buch ist auch als Versuch Singers zu lesen, sich als Vater dieser «aufregenden, neuen Bewegung» in Erinnerung zu rufen; mehrmals erwähnt er seinen Essay «Hunger, Wohlstand und Moral» von 1972. Angesichts einer damals in Bangladesh grassierenden Hungersnot fragte sich Singer, wie die Wohlstandsländer passiv bleiben können. Tatsächlich ist dieser Singer-Text grundlegend für den effektiven Altruismus, zumal die Schlussfolgerung, dass es keine moralische Rechtfertigung dafür gibt, einem Mitmenschen weniger zu helfen, nur weil er «sich zufälligerweise in grösserer Entfernung befindet». Mit welchen Mitteln effektiv geholfen werden kann, erörtert Singer in seinem Essay dagegen nicht; diese Frage ist eine Spezialität der konkreter denkenden, neuen Menschenfreunde um den Oxford-Philosophen William MacAskill, der mit «Doing Good Better» das Standardwerk der jungen Bewegung geschrieben hat.

Seinen philosophischen Kernbereich, die Tierethik, streift Singer für einmal nur kurz. Die Forderung nach einer Gleichstellung von menschlichem und tierischem Leid wäre eine radikale Umdeutung des effektiven Altruismus. Auf einmal erschiene die Rettung von 1000 Hühnern als gleich effektiv wie eine Rettung von 1000 Sudanesen. Diesbezüglich meidet Singer die naheliegende Konfrontation und formuliert enttäuschend vage.

Die spekulativen Passagen der «Anleitung» gehören dagegen zu den stärksten, hier lotet Singer die vernünftigen Grenzen dieser so rationalen Philosophie aus. Die Spende für einen Kometen-Abwehrschirm etwa kann nach Singer aus Sicht eines konsequenten effektiven Altruisten durchaus sinnvoll sein: Wenn der Schirm zum Einsatz kommt und so die Menschheit vor dem Schicksal der Dinosaurier bewahrt, war der Schirm jedes Geld der Welt wert. Hier zeigt sich, dass auch der effektive Altruismus nicht umhin kommt, die Grenzen der menschlichen Ressourcen zu berücksichtigen, dass er sich nicht gänzlich auf Stochastik abstützen und nicht jede denkbare Gefahr in seine Berechnungen einbeziehen kann.

Zwei entscheidende Fragen

Mit seiner «Anleitung» hat Singer den effektiven Altruismus ins Zentrum der zeitgenössischen Philosophie gerückt. Ob es den neuen Altruisten nun gelingt, wie von Singer erhofft, «das Spendenverhalten in den wohlhabenden Nationen zu beeinflussen», hängt von zwei Fragen ab.

Schafft man es, die Idee eines abstrakten und zugleich regelmässigen Spendens zu etablieren, dem «Zehnten» des Mittelalters nicht unähnlich? Es wäre eine Umkehr der stark emotionalisierten Spendenkultur. Gelingt es zweitens, die Effektivität von Hilfswerken genauer zu messen als bisher? Randomisierte Studien, die die Wirksamkeit von Spendengeldern belegen, gibt es heute nur wenige. Wie immer die Antworten ausfallen: Dass der effektive Altruismus den Wohlhabenden dieser Welt tatsächlich einen neuen Weg eröffnet, ein «minimal akzeptables ethisches Leben zu führen», ist kaum zu bestreiten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.06.2016, 17:28 Uhr

Eine Bettlerin in Genf. (12. November 2007) (Bild: Keystone )

Peter Singer: Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben. Suhrkamp-Verlag 2016, 240 Seiten, zirka 35 Franken.

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