«Mehr als in mein Leben geht in ein Leben nicht rein»

Fritz J. Raddatz (83), der grosse alte Mann des deutschen Feuilletons, spricht mit der Basler Zeitung noch einmal über das Glück, die Liebe und die Vergänglichkeit: «Wahrscheinlich ist es mein letztes grosses Interview»

«Das Ende des Glücks fühlt sich immer an wie eine Betondecke, man ist wie erschlagen»: Fritz J. Raddatz auf der Leipziger Buchmesse (2006)

«Das Ende des Glücks fühlt sich immer an wie eine Betondecke, man ist wie erschlagen»: Fritz J. Raddatz auf der Leipziger Buchmesse (2006) Bild: Keystone

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Als der Mann, den die Branche nur FJR, seine Freunde manchmal Fritze und seine Feinde einen Fauxpas nennen, 70 wurde, schrieb er in sein Tagebuch: «70 geworden. Grabstein gekauft.»

Seit 13 Jahren inzwischen liegt der Grabstein irgendwo, ungenutzt noch. Die Wurzeln aber, die Fritz J. Raddatz (83) schreiberisch mit der Welt verbanden, hat der Schriftsteller und ehemalige Grossfürst des deutschen Feuilletons schon diesen Herbst durchtrennt. Er wird nicht mehr schreiben, nie mehr, es scheint ihm ernst damit zu sein. Und so ist er ein Mann jetzt, der auf seinem letzten Floss dem Ende seiner Zeit und einem zeitlosen Horizont entgegentreibt.

Es brauchte ein halbes Jahr und unzählige E-Mails, bevor das Treffen zustande kam. Auf die erste Anfrage im Juni bei seiner Sekretärin Frau Sommer hiess es, Herr Raddatz sei auf Lesetour mit dem zweiten Band seiner Tagebücher, melden Sie sich doch im Herbst wieder. Bevor aber die Blätter ihre Farbe verloren, gab FJR bekannt, dass die Welt so geworden sei, dass er sie nicht mehr schreiberisch kommentieren wolle. Einer seiner letzten Artikel handelte vom Recht des Menschen, den Zeitpunkt seines Todes selbst in die Hand zu nehmen.

Wir machten uns Sorgen, schickten nochmals eine Mail – und dann klappte es doch noch. Es lag wohl an den aufrichtigen Schmeicheleien.

Wir treffen uns an einem Montag um 15 Uhr im Grand Elysée Hotel in Hamburg. Wir haben eine gute Flasche Bordeaux – seinen Lieblingswein – dabei und das Kaminzimmer reserviert, in dem Herr Raddatz Interviews zu geben pflegt. Oder zu geben pflegte. Später sagt er, dies sei wahrscheinlich sein letztes grosses Interview. Ein eher schmächtiger Mann kommt in den Raum, scheu nicht, doch abtastend neugierig. Er ist ein paar Minuten zu früh, legt ab, setzt sich hin und bereitet sich seinen Tee, lässt ihn ziehen, greift nach einem silbernen Zigaretten­etui in der Innentasche seines Jacketts, nimmt sich eine Zigarette, und das ist der Beginn eines Gespräches, das gute zwei Stunden dauern wird und dessen ersten Teil Sie hier lesen.

Herr Raddatz, wann haben Sie mit dem Rauchen angefangen?
Schon als sehr junger Mensch, weil ich das spätestens bei den Amerikanern gesehen habe, nachdem diese Berlin leider nicht erobert, aber zu Teilen besetzt hatten und ich im amerikanischen Sektor der Stadt lebte. Ich war ein grosser Schwarzmarktfürst. Meine früheren Klassenkameradinnen habe ich an die GIs verkuppelt. Dafür bekam ich dann Chesterfield- oder Camel-Zigaretten. Dann hatte ich es mir einmal für ein ganzes Jahr abgewöhnt. Das war das Jahr, bevor ich in die «Zeit» berufen wurde. Dort habe ich ganz schnell wieder begonnen: Zeitungsarbeit ist ja eine sehr nervöse, hektische und anstrengende Sache. Jedenfalls hab ich dann nicht mehr damit aufgehört.

Rauchen Sie auch bei der Arbeit, während Sie schreiben?
Ich schreibe ja noch von Hand mit dem Füllfederhalter, einem 1950er-­Parker mit schwarzer Patronentinte, und da würde mir der Rauch in die Augen steigen, also geht das gar nicht. Wenn ich eine Ladehemmung habe und nicht weiter weiss oder ein Gedanke weg ist, rauche ich auch am Schreibtisch eine Zigarette. Abends nach dem Rotwein dann ein ganz langes, dünnes Davidoff-Zigarillo. Das ist für mich obligatoire.

Trinken Sie, während Sie schreiben?
Eher nicht. Rotwein macht ja müde, und mich macht er gelegentlich auch melancholisch. Nun, es kann aber auch sein, dass auf einigen Originalen meines Tagebuchs Rotweinflecken zu sehen sind; ein Tagebuch wird ja oft spätabends, manchmal nachts geschrieben. Aber grundsätzlich möchte ich nicht betrunken vor einem Blatt Papier sitzen.

Vor ein paar Monaten haben Sie Ihren endgültigen Rückzug vom Publizieren bekannt gegeben. Das Papier sei nicht mehr jenes, das Sie mit Worten beschreiben möchten.
Inzwischen umkreist mich da draussen eine Welt, die mir eine Verortung zusehends unmöglicher macht. Wenn Sie so wollen, bin ich aus der Welt gefallen. Oder die Welt ist mir entwichen.

Pablo Picasso hat ja versucht, den Tod oder vielmehr das Sterben übermalend zu verdrängen.
Er hat ein wunderbares Alterswerk geschaffen. Aber wir reden doch nicht über Genies, und er war ein Jahrhundertgenie. Ich bin ein Talent, mehr nicht. Menschen, die kulturell bedeutender sind, etwa der österreichische Pianist Alfred Brendel, der sagte, als ihm das Alter den letzten Rest seiner Jugend nahm: Ich gebe keine Konzerte mehr. Das meine ich. Ich weiss schon, dass ich noch nicht verblödet bin und noch einen ordentlichen Satz aufs Papier bringen kann. Aber dennoch: Mein Lebenshorizont ist ausgeschritten. Wahrscheinlich ist dies auch mein letztes grosses Interview.

Fast ein ganzes Leben lang war Schreiben ein Seil, das Sie mit der Welt und auch mit sich selber verband. Kann man das so einfach durchtrennen?
Es gibt doch genug oder mehr als genug Künstler jeder Couleur, die eben besser vorher die Klappe gehalten oder den Pinsel aus der Hand gelegt hätten. Viele sind ja viel zu feige, um zu Lebzeiten Schluss zu machen. Die Welt da draussen, die veröffentlichte Welt auch, das ist einfach nicht mehr meine Welt. Natürlich, ich lese jeden Tag noch drei Zeitungen, ich bin informiert, und da sind auch noch Neugier, Emphase und auch Wut. Aber dennoch, es geht nicht so tief in mich hinein, dass ich sagen könnte, das ist doch noch dein Leben.

Dann gehören Sie nicht zum Typus «Ich schreibe, also bin ich» oder «Ich bin, weil ich schreibe»?
Natürlich gibt es diesen berühmten Phantomschmerz und das Blut drängt gelegentlich, wieder Tinte zu werden. Aber es muss nicht sein, und es hat auch nicht mehr die Kraft, mich schlaflos zu machen, was ich früher oft war, etwa als ich Feuilleton-Chef der «Zeit» war, da habe ich mich im Bette gedreht und gedacht: O Gott, Herr Dutschke ist erschossen worden, was mach ich nur, was mach ich nur. Dieses Umgetrieben-Sein vom Geschehen des Weltenlaufs, das habe ich nicht mehr. Ich gebe ja keine Empfehlung ab und sage, ihr müsst alle mit 81 Jahren Schluss machen. Mein Kollege Jürgen Becker hat zu Recht mit 82 Jahren den Büchnerpreis erhalten. Er schreibt weiter. Er hat eine andere Entscheidung getroffen. Ich habe über 300 Briefe bekommen, als ich bekannt gegeben habe, dass ich nicht mehr journalistisch schreiben werde. Die meisten bedauerten meinen Entscheid. Das ist doch viel besser, als wenn die Leute sagen würden, Gott, wann hört dieser alte Sack endlich auf mit seinem Gesabbel, jetzt fällt er schon wieder über Durs Grünbein her. Es ist genug.

Im Jahr 2006 haben Sie sich einen Brecht-Kopf des Bildhauers Gustav Seitz gekauft. Sie beschreiben in Ihrem Tagebuch, wie Sie sich erst den ganzen Tag lang nicht getrauten, den Raum zu betreten, in dem die Büste stand. Schliesslich taten Sie es dann doch, legten eine Lotte-Lenya-Platte mit den Songs von Bertolt Brecht und Kurt Weill auf und knieten vor dem Kunstwerk nieder. Dann kommt der Satz: «Gibt es überhaupt noch Glück mit 75 Jahren?» Wie lautet Ihre Antwort, ein paar Jahre später?
Glück ist ja ein flüchtig Ding. Es ist kein Dauerzustand, sondern ein Moment, den Sie hier an diesem Beispiel schildern. Ich hatte mir diesen Brecht-Kopf seit Jahrzehnten gewünscht und nicht bekommen. Dann kam «out of the blue sky» ein Brief von dem Sohn des Philosophen Ernst Bloch, er habe von meinem Wunsch gehört. Das war ein grosser Glücksmoment. Glück heisst ja auch ein bisschen Opfer, also auch, etwas von sich geben, nicht nur nehmen, und ich traute mich zuerst nicht, den Brecht zu streicheln. Ich wollte ihm aber wie die alten Indianer eine Opfergabe darbringen und kam also mit einem Glas Champagner. Da fiel mir ein, Champagner hat der ja gar nicht getrunken. Brecht trank vor allem Wodka oder Whiskey, aber das hatte ich beides gar nicht im Haus. Um mich zu beruhigen, legte ich diese wunderbare Lotte-Lenya-Platte auf und kniete vor der schmalen Granitsäule, auf der der Kopf platziert ist, nieder. Die meisten meiner Kollegen aus der schreibenden Zunft haben ja als zweites Standbein die Musik, aber bei mir ist es die bildende Kunst. Da schlägt mein Glücksherz. Früher, als ich noch viel Temperament hatte, war es so, dass ich ein Museum nur dann schätzte, wenn dort wenigstens ein Bild hing, das ich klauen wollte.

«Glück ist nicht mei Sach», schreiben Sie an anderer Stelle.
Ich sagte ja eben, Glück sei flüchtig. Ich bin aber gerade in den Tagebüchern auch ungerecht, sowohl gegenüber mir selbst, vor allem aber gegenüber anderen, denn mich haben ja auch Menschen glücklich gemacht, teilweise über sehr lange Etappen meines Lebens. Es wäre höchst ungerecht gegenüber meinem Lebenspartner, das zu leugnen. Es ist ja nicht so, dass ich nur als Unglücksrabe mit gebeugtem Kopf durch die Welt gegangen wäre. Glück lag für mich auch oft in der Arbeit: Die Jahre bei Rowohlt waren Glücksjahre, und die Jahre der Zusammenarbeit mit Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, dem Inhaber und Verleger, waren wunderbare und glückliche Jahre. So ein Satz, «Glück ist nicht mei Sach», drückt ein Verlustbewusstsein aus, ist aber nicht ganz richtig. Es gab Glück in meinem Leben, das schon. Aber ich würde eher sagen, ich habe ein erfülltes, farbenfrohes Leben gehabt. «Ein glückliches Leben» – so würde ich das meine nicht nennen. Mehr als in mein Leben geht in ein Leben nicht rein; mit wem ich befreundet war, mit wem im Bett. Sogar mit Rudolf Nurejew.

Sie seien, so schrieben sie, mit über 1000 Frauen und Männern im Bett ­gewesen. Ist das die Bilanz eines Menschen, der Liebe gesucht hat und Sex gefunden?
Das ist natürlich die pure Angeberei, die prompt eins zu eins weitergetratscht wird – als hätte ich ein Zählwerk am Schwanz. Liebe und Sex – ich habe beides gesucht, beides gefunden; manchmal habe ich es verwechselt.

Waren Menschen für Sie eher ein Glücksfall oder etwas, das Glück öfter verhinderte ?
Beides.

Legt sich das Alter wie eine schwere Decke über das Glück und droht es zu ersticken?
Wenn das Glück weg ist, etwa nach einer langen Periode wie der im Rowohlt-Verlag, wo ich ja von dem, den ich sehr liebte, hinausgeworfen wurde, ist das wie bei einer Scheidung. Wir, Ledig-Rowohlt und ich, waren beinahe zehn Jahre miteinander glücklich. Das Ende des Glücks fühlt sich immer an wie eine Beton­decke, man ist wie erschlagen, und sei es nur nach einer Woche Honeymoon in Venedig. Wenn man Glück hat, kommt ein Glück danach, man hört das ja von Geschiedenen, dass sie noch einmal jemanden gefunden haben. So ist es bei mir auch in der beruflichen Arbeit gewesen. Natürlich war ich glücklich, wenn ein Buch von mir ein Erfolg wurde, natürlich war ich am Anfang als Feuilleton-Chef der «Zeit» sehr glücklich, als ich alles machen konnte, was ich wollte, und sehr viel Kraft und Feuer investiert habe. Doch Glück währt nicht, zumindest nicht dieses Glück.

Als Sie glücklicher Feuilleton-Chef der «Zeit» waren, hiess Ihr Verleger Gerd Bucerius. Er schrieb ja immerhin einmal, am liebsten hätte er es, wenn Sie ihm die ganze Zeitung alleine vollschrieben.
Ja, mit Bucerius war es am Anfang wunderbar. Doch es blieb nicht so.

Irgendwann sagte er, Sie seien zwar ein göttergleicher Schreiber, doch in den Details seien Sie ein wenig liederlich. Das ertrage er nicht mehr.
Ich habe immer mal wieder Fehler gemacht. An dem letzten, läppischsten aller Fehler bin ich ja dann auch gescheitert, an einer Sache, die in seriösen Zeitungen mit wenigen Zeilen in der nächsten Ausgabe berichtigt wird. Aber es fing schon vorher an: Das Glück währte noch, aber es bröselte bereits. Schon lange vor dem Ende bei der «Zeit» merkte ich, dass ich über sehr dünnes Eis ging. Bucerius, der Alleininhaber, sagte: «Der Mann ist unerträglich, er soll hier nicht mehr sein.» Es waberte also schon. Mein Artikel gegen Ernst Jünger hat ihn wahnsinnig aufgeregt, andere Artikel auch. Ich war auch zu links für ihn: Er war ja ein liberaler und offener, aber auch sehr konservativer Mann. Wir stritten oft. Hinterher hat er sich manches Mal sogar schriftlich bei mir entschuldigt, aber irgendwann war es eben zu viel, und so ist es ja in meinem Leben immer gewesen. Das gilt für private, intime Liebesaffären, und so war es auch im Beruflichen. So ging es mir schon als sehr junger Mann bei Volk & Welt, damals der zweitgrösste belletristische Verlag der DDR, wo ich wie auf Händen getragen wurde. In meiner Stasi-Akte steht schwarz auf weiss, dass der Verlagsleiter der Stasi gesagt hat, «Wenn Sie dem Mann etwas tun, können wir den Verlag zumachen.» Da war ich vielleicht 22 Jahre alt. Aber dann ging es wie auf einer Rutschbahn immer weiter runter, bis die Herren im grauen Ledermantel mit der ausgebeulten Hüfte – da steckte die Pistole – vor der Tür standen. Ich habe ja dazu mal das seltsame Wort geprägt, der Unterschied zwischen Ost und West sei, dass man im Osten eingesperrt wird, während man im Westen rausfliegt. So gesehen ist mir der Westen dann doch lieber.

Was ist das für eine Mechanik, dass das Glück, wenn es einmal da ist, schon wieder anfängt zu zerbröseln, dass auf den Gipfel schon bald die Rutschbahn folgt? Das war ja nicht nur bei Volk & Welt so, sondern später auch bei Rowohlt und bei der «Zeit».
Dieses «Hinterher» scheint bei mir beinahe ein Lebensgesetz zu sein. Hinterher stellte man dann immer wieder fest, der Raddatz war unser Bester. Der damalige «Zeit»-Chefredaktor Theo Sommer, mit dem ich sehr gut zusammengearbeitet habe und mit dem ich heute noch auf sehr gutem Fusse stehe, hielt kurz nach meiner Entlassung eine Rede, in der er sagte: «Wir haben nur einen, der uns allen überhaupt erst beibrachte, was Kultur ist, und das war der Fritz.» Genauso war es mit Ledig-Rowohlt, obwohl es dort am Ende erbitterte und schreckliche Auseinandersetzungen gab, bis hin zum Einschalten von Anwälten. Dann hielt Ledig auf der Frankfurter Buchmesse eine Laudatio auf mich und sagte: «Die Jahre mit Fritz waren die besten meines Lebens.» Ja, hinterher.

Kann es sein, dass man Ihnen Ihre Sonderrolle übel nahm? Einmal, da waren Sie bei Toni Morrison in New York und kauften hinterher eine Tiffany-Lampe. Um die Lampe nach Hause zu bringen, kauften Sie kurzerhand noch ein zweites First-Class-Ticket.
Übel nahm man mir solches, glaube ich, nicht, aber man hat mich beneidet. Auch meine Ressortkollegen genossen einerseits meine Verrücktheiten, andererseits fand man meine «tenure» auch etwas übertrieben. Ich hatte den Spitznamen Fritzcarraldo, nach Fitzcarraldo, ich schleppte das grosse Holzboot über die Gebirge, aber manchmal zuckten meine Kollegen auch. Nun müssen Sie aber auch bedenken, dass es damals in Zeitungen und Verlagen ganz anders zuging als heute. Geld spielte keine Rolle. Ob ich nun 100 oder 250 Mark für ein Abendessen mit Susan Sontag ausgab, war egal.

War es damals schwierig, Fritz J. Raddatz zu sein, mit all dieser Verantwortung umzugehen, immer auf dem Quivive zu sein, die Welt jede Woche ein wenig aus den Angeln zu heben?
Ich denke, dass ich manchmal gar nicht den Plan hatte, die Welt zu schockieren. Als ich bei der «Zeit» begann und den Kollegen im Ressort vorgestellt wurde, fragte mich einer, was für ein Programm ich denn hätte. Da sagte ich: «Ich habe weder Projekte noch ein Programm, ich habe Härchen in der Nase.» Sehr oft war es so, dass ich etwas roch, dass ich von etwas gehört hatte. Nachdem mir zugetragen worden war, dass Uwe Johnson nach New York gezogen war, fragte ich ihn, ob er für uns nicht etwas über New York schreiben wolle. So ist das allmählich gewachsen, auch mit anderen Autoren wie Günter Kunert, Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger.

Ihre Kontakte zu Schriftstellern sind legendär. In Ihrem Tagebuch zitieren Sie Ihren Lebensgefährten Gerd Bruns: «Du liebst die Künstler und verachtest die Medien.» Ist Journalismus denn etwas Minderwertiges?
Nein, das nicht. Aber es ist so, und das meinte er damit wohl auch, dass ich beispielsweise fast nie mit Journalisten befreundet war. Mein Freundeskreis reichte von Alberto Moravia bis zu Grass oder Martin Walser, García Márquez oder Arthur Miller. Auch die meisten Bilder oder Skulpturen, die ich besitze, stammen von Künstlern, die ich sehr gut kannte oder mit denen ich sehr eng befreundet war, etwa von Paul Wunderlich, über dessen Tod ich bis heute noch nicht hinweg bin.

Sind Journalisten zur Freundschaft unfähig?
Das möchte ich nicht sagen, aber ich war unfähig zur Freundschaft mit Journalisten. Sie waren mir meistens zu oberflächlich, zu hurtig, auch zu sehr eitel auf eine unangebrachte Weise. Ich akzeptiere es, wenn ein grosser Romancier oder ein wichtiger Lyriker eitel ist, jeder ist ja eitel – natürlich ausser mir, wie jedermann weiss. Aber selbst ein Mann wie Rudolf Augstein, der ja eine gewisse Bedeutung in der Bundesrepublik hatte, hatte in meinen Augen nicht das Recht zu dieser Form von Hochmut und Eitelkeit, wie er sie abstrahlte. Dieses Recht hatten für mich Samuel Beckett, Jean-Paul Sartre oder Jean Genet.

Als was verstehen Sie sich eigentlich: als Schriftsteller, als Homme de Lettres, als Essayist oder doch als Journalist?
Ich kann mich nicht selber benennen oder definieren. Auch in der «Zeit»-Zeit habe ich mich nicht so sehr als Journalist gesehen, obwohl ich das ja war, sondern als ein Gefährte der Autoren. Ich habe mir natürlich in meiner Eitelkeit den Satz von Thomas Brasch zu eigen gemacht, der mir sagte: «Sie sind kein Zeitungsmann, Sie sind ein Schriftsteller, der zufällig in einer Zeitung arbeitet.» Das ist aber nicht richtig. Natürlich war ich ein Zeitungsmann und ein Journalist. Aber das war nicht mein Selbstverständnis. Deswegen habe ich ja auch nebenher Bücher geschrieben, was die meisten Journalisten eher nicht tun. Augstein hat zwei Bücher veröffentlicht, aber das waren Bücher, die sein Archiv ihm geschrieben hat oder der Journalist Reinhard Baumgart, gegen ein sehr hohes Honorar. Ich sah mich unter Journalisten immer als etwas anderes. Sie können das hochmütig nennen und dieser Hochmut hat bestimmt auch viele Menschen verprellt. Nicht, weil ich erster Klasse flog, sondern wie ich mich selber so verstand und auch entsprechend gegeben habe. «Wenn Sie in den Raum kamen, war es anders, als wenn ein anderer in den Raum kam», sagte man mir. Ich weiss nicht wieso, ich habe mir das ja nicht vor der Tür eingeübt.

Nach dem Krieg wurden Sie und Ihre Schwester von den Franzosen repatriiert. Ihre Mutter war Französin gewesen, Ihr Vater inzwischen auch tot, und Ihre einzigen Verwandten lebten in Frankreich. Ihre Schwester ging nach Paris, Sie blieben. «Ohne mich kann Deutschland nichts werden», sagten Sie damals. Wie kommt man als 17-Jähriger auf so etwas?
Ich sagte damals zu meiner Schwester: «Ich will in Deutschland bleiben, nicht weil ich woanders nichts werden kann, sondern weil ich Deutschland intellektuell befreien und wiederaufbauen will.» Mein Grössenwahn lässt grüssen. Aber das Gefühl hatte ich. Ich wollte den Nazi-Müll wegschaufeln und ich war damals extrem links, weswegen ich ja 1950 nach Ostberlin ging. Das restaurative Adenauer-Deutschland passte mir nicht. Bald wurde ich dann auch dort wieder wach und merkte, dass auch die DDR nicht das tolle, antifaschistische Deutschland war, das ich mir erträumt hatte. Aber erst einmal liess ich meine Schwester allein ziehen und blieb in Berlin. Ausserdem hing das auch mit einer Liebesgeschichte zusammen. Ich war damals zum ersten Mal sehr verliebt, in einen aus meiner Sicht älteren Mann, der damals 30 war. Ich war 15, als die Affäre begann. Das war der Pastor Mund, mein Vormund, den ich als Waisenkind ja hatte. Später habe ich mich dann gefragt, was wohl in Frankreich aus mir geworden wäre: Wäre ich ein französischer Schriftsteller geworden oder unter den Brücken gelandet? Eine müssige Frage, die ich mir dennoch oft gestellt habe.

Lesen Sie hier Teil zwei des grossen Gesprächs: Fritz J. Raddatz über seine Kindheit, die Authentizität seiner Tagebücher, über Rache, die historische Amnesie seiner Landsleute, sein Zerwürfnis mit Günter Grass, seine Eitelkeit und den Tod. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.12.2014, 09:36 Uhr

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In der Bundesrepublik Deutschland, diesem nüchternen Vernunftstaat, war Fritz J. Raddatz (83) immer so etwas wie ein Kanarienvogel unter Spatzen. Bekannt wurde er als Lektor und Feuilletonchef, berühmt und auch berüchtigt aber machte ihn die Veröffentlichung seiner Tagebücher aus drei Jahrzehnten (1982–2012), deren erster Band 2010 erschien. Literarische, journalistische und politische Grössen wie Günter Grass, Rolf Hochhuth, Rudolf Augstein oder Helmut Schmidt bevölkern die Seiten. Manche, ja eigentlich die meisten von ihnen kommen dabei nicht besonders gut weg.

Erträglich wird Raddatz’ Neigung, seine Mitmenschen in den schwärzesten Farben zu zeichnen, dadurch, dass sich der Diarist als Vermesser des eigenen Selbst nicht ausnimmt, wenn es darum geht, die eigene Eitelkeit und Erbärmlichkeit beim Namen zu nennen.

Geboren wird Fritz J. Raddatz 1931 in Berlin als Sohn eines Direktors der Filmgesellschaft Ufa. Die Mutter, eine Pariserin, stirbt bei der Geburt. So etwas wie Zuneigung erfährt Fritz als Bub einzig vom Personal. Sein Vater ist stolzer Preusse, verachtet die Weimarer Republik und trauert dem Kaiser nach. Einen Hang zum Frivolen schliesst dies nicht aus: Die Filmstars der Zeit gehen im Hause Raddatz ein und aus, ebenso die wechselnden Geliebten des Vaters. Elf Jahre alt ist Fritz, als er von seiner Stiefmutter in Gegenwart des Vaters entjungfert wird.

Unmittelbar nach dem Krieg erliegt der Vater einem Krebsleiden. Als Händler auf dem Schwarzmarkt schlägt Fritz sich durch die unmittelbare Nachkriegszeit. Sein Vormund Jochen Mund, ein lutherischer Pastor, verführt den Halbwüchsigen: zur Literatur, aber auch zur homosexuellen Liebe.

Mit 17 geht Raddatz aus Westberlin in die DDR. Es ist eine Entscheidung gegen das Deutschland Konrad Adenauers, das aus Raddatz’ Sicht ein Staat der gewendeten Nazis ist. Noch als Student wird er Lektor bei Volk & Welt, einem der wichtigsten Verlage der DDR. Doch mit Staat und Partei gerät er schon bald in Konflikt: Amerikanische Romanciers wie William Faulkner oder Ernest Hemingway, aus Sicht des Regimes Autoren des dekadenten Westens, zieht er mediokrer östlicher Importware vor. 1958 nimmt Raddatz die U-Bahn nach Westberlin und kehrt nicht zurück.

In der Bundesrepublik heuert er zunächst beim Kindler-Verlag an, bevor er von 1960 bis 1969 beim Rowohlt-Verlag als Stellvertreter des legendären Verlagschefs Heinrich Maria Ledig-Rowohlt wirkt. Für Furore sorgt er jedoch vor allem als Feuilletonchef der «Zeit» (1976–1985). Glamouröser als unter Raddatz war deutscher Kulturjournalismus nie: Champagnertrinkend jettet er um die halbe Welt, mal nach Paris, dann nach Mailand, dann wieder nach New York.

Nicht, dass er bloss ein Spesenritter gewesen wäre: Wie nur wenige prägt Raddatz deutsche Debatten. Ob das Attentat auf Rudi Dutschke (1968), die Entführung Hanns-Martin Schleyers (1977) oder die von seinem Freund Rolf Hochhuth ausgelöste Kontroverse um die Nazi-Vergangenheit des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (1978) – immer wieder ist es Raddatz, der sich der grossen Themen annimmt und dabei etwas auslöst oder weiterspinnt. Bis heute schwärmen manche von seinem Feuilleton, sodass beinahe vergessen geht, wie absurd seine Zeit bei der «Zeit» endete: Raddatz stolperte über ein anachronistisches Goethe-Zitat, das der heutige NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer für eine Glosse erfunden hatte. Eine Lappalie, doch für die Oberen der «Zeit» die willkommene Gelegenheit, den «Unruhestifter» (Raddatz über Raddatz) loszuwerden.

Den Rauswurf bei der «Zeit» hat Raddatz bis heute nicht verwunden. Eine Person des literarischen Lebens blieb er gleichwohl: 39 Bücher hat er insgesamt veröffentlicht, darunter Biografien über Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Gottfried Benn und Rainer Maria Rilke. Dass erst seine Tagebücher erscheinen mussten, um ihn wieder ins Gespräch zu bringen, es wirkt, als habe das Schicksal Fritz J. Raddatz einen bösen Streich spielen wollen. Hansjörg Müller

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