«Mit seiner Gitarre wirkt Mani Matter heute antiquiert»

Der Mundart-Dichter Pedro Lenz über Mani Matter als Vorbild, den Vorteil von Mundart und die falschen Argumente der SVP.

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Herr Lenz, am Freitag beginnt im Landesmuseum eine Ausstellung über Mani Matter. Ist der Berner Troubadour nun definitiv museal?
Ich glaube schon länger.

Wo hat er denn Staub angesetzt?
Seine Art, mit einer Gitarre solo zu singen, wirkt heute ein bisschen antiquiert. Ich vermute, dass er heute nicht mehr so auftreten würde. Mani Matter ist ja 1972 gestorben. Wir wissen nicht, welche Entwicklung er in all den Jahren noch gemacht hätte.

Wäre er heute Rapper?
Wohl kaum.

Aber Wegbereiter der heutigen Berner Rapper ist er schon.
Ja, wir brauchen solche Figuren. Dass in Bern im Vergleich zu Basel oder Zürich so viel Mundart in Theater, Literatur und Musik vorkommt, das hat sehr viel mit Mani Matter als Wegbereiter zu tun. Das hat in Bern Tradition.

War Matter für Ihr Wirken als Mundart-Dichter auch entscheidend?
Für mich persönlich war Mani Matter nicht so prägend. Ich habe Rumpelstilz gehört und die Mundartschriftsteller Ernst Burren und Kurt Marti gelesen. Ich habe mich nie als grossen Mani-Matter-Jünger verstanden.

Und trotzdem haben bestimmt auch Sie frühe Erinnerungen an Mani Matter?
Ja, ich kann mich erinnern, dass meine kleine Schwester in der Schule «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama» gelernt hatte und danach zu Hause sang. Später kam noch «Dr Hansjakobli und ds Babettli» dazu.

Und das liess Sie kalt?
Ich persönlich lernte Matter erst richtig kennen, als der Sampler «Matter Rock» 1992 erschienen ist. Bis dahin kannte ich zwei, drei Lieder von ihm, die man im Pfadi- und Jungwacht-Lager gesungen hat.

Weshalb diese Distanz?
Als ich Kind war, war Mani Matter vor allem bei Stadt-Berner Familien präsent. Ich weiss auch noch, dass Freunde von mir, die Berner Eltern hatten, die LPs von Mani Matter besassen. Ich bin auf dem Land in Langenthal aufgewachsen, dort war er viel weniger ein Thema.

Mani Matter als Stadtphänomen?
Das Gewicht von Mani Matter ist in der Stadt Bern, in der ich später 15 Jahre lang gelebt habe, überall zu spüren. Mani Matter war sehr stark verbunden mit der Stadt Bern. Seine Phrasierung im Gesang war sehr städtisch: Auf dem Land vokalisiert man «Ball» zu «Bau». Mani Matter hatte ein sehr gepflegtes Berndeutsch, anders als ein Polo Hofer oder ich, die vom Land kommen.

Die Mundart hat immer noch Hochkonjunktur, auch an der Urne. Freut Sie das als Mundartdichter?
Diese politische Entwicklung scheint mir sehr gefährlich. Jetzt kommt die SVP, die sich nie einen Deut um Sprache gekümmert hat, und leitet die Ergebnisse auf ihre Mühle um. Sie sagen, wir sind bedrängt und müssen deshalb an der Mundart festhalten. Das ist das falsche Argument. Andersrum ist richtig: Wir Schweizer haben die grössere Sprachkompetenz als viele um uns herum.

Wie zeigt sich die?
Wir können zum Beispiel sehr gut von Varianten abstrahieren. Das heisst, wenn einer Baseldeutsch und der andere Zürichdeutsch spricht, dann verstehen sie einander trotzdem. Wenn aber jemand in London oder Paris ein Wort nicht haargenau so ausspricht, wie es sein sollte, dann wird er nicht verstanden. Bei uns kann jemand ein Glas Bier mit einem Walliser Dialekt oder einem spanischen Akzent bestellen – die Schweizer sind sich gewohnt, dass Deutsch unterschiedlich klingen kann. Wir sollten mehr auf diese Stärken setzen, dann müssen wir auch nicht die anderen schlechtmachen.

Was wurde in der politischen Diskussion über die Mundart falsch gemacht?
Das Ausspielen von Mundart gegen Hochdeutsch ist eine Katastrophe. Meiner Meinung nach sind daran die Erziehungsdirektionen schuld, weil die meinten, man könne die Sprachkompetenz verbessern, indem man die Mundart abklemmt. Das ist auch der Grund, weshalb es zu solchen Abstimmungen gekommen ist.

Wie hätte es Ihrer Ansicht nach laufen müssen?
Man hätte mit einem Hochdeutschunterricht beginnen können, ohne dass man die Mundart verbietet. Wenn die Kinder in der Schule nur noch hochdeutsch sprechen dürfen, haben sie das Gefühl, dass die Sprache, die sie im Alltag sprechen, nichts wert sei.

Gibt es im Gegensatz zum konservativ-bewahrenden auch einen progressiven Umgang mit der Mundart?
In der Mundart muss man auch das Experimentelle pflegen. Die Rapper machen das vor. Das ist eines dieser Versuchsfelder, die ich sehr interessant finde. Wichtig ist einfach, dass man auch offen ist und Freude hat am Hochdeutschen und Mischformen sucht. Man muss schon den Kindern die Lust an Sprachspielereien vermitteln.

Machte Sie diese Lust zum Dialekt-Dichter?
Das war ein Prozess. Ich wollte zunächst gar nicht Mundart schreiben, weil ich Angst hatte, als rechtsnationalistisch abgestempelt zu werden. Freunde, die Theaterstücke auf Mundart geschrieben haben, motivierten mich dann.

Was gelingt Ihnen in der Mundart besser als auf Hochdeutsch?
Wenn ich einen Szenenslang in einem Text wiedergeben will, dann habe ich keine Ahnung, wie das in Deutschland tönt. Dann habe ich keine Sprachsicherheit, weil ich die beschriebenen Milieus nicht auf Hochdeutsch höre.

Aber Sie schliessen durch Ihre Dialekt-Werke einen grossen Teil potenzieller Leser in Deutschland aus.
Wenn der Markt kleiner ist, dann ist auch die Konkurrenz kleiner. Und selbst wenn ich auf Hochdeutsch ein Buch schreibe, wartet niemand in Deutschland auf mich. Ein Schlüsselerlebnis war für mich ein Gespräch mit litauischen Autoren. Als die sich nach dem Deutschschweizer Büchermarkt erkundigten und ich ihnen sagte, dass drei bis vier Millionen die Sprache verstehen, sagten sie: «Das ist ja mehr als bei uns.» Es ist also immer eine Frage der Relation.

Und bei kleinen Märkten bleiben einem immer noch die Übersetzungen in fremde Sprachen.
Genau. Mein letzter Roman wird eben ins Italienische übersetzt, fürs Englische sind wir in Verhandlungen und fürs Französische haben wir auch bereits einen Verlag im Visier

Wird Ihr Mundart-Buch dann ins Patois, den französischen Dialekt, übersetzt?
Nein, denn meine Übersetzer sagen, dass die Figuren in meinem Roman in der Westschweiz normales Französisch sprechen würden. Das Patois wird nur noch in den Bergen von ein paar alten Leuten gesprochen. Und das wäre ziemlich falsch, wenn die Junkies im Mittelland Patois sprechen würden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.05.2011, 12:12 Uhr

Pedro Lenz, am 8. März 1965 in Langenthal BE geboren, schloss 1984 die Lehre als Maurer ab. Auf dem zweiten Bildungsweg absolvierte er 1995 die Eidgenössische Matura. Anschliessend studierte er einige Semester spanische Literatur an der Universität Bern. Seit 2001 arbeitet er vollzeitlich als Schriftsteller. Mit seinem Mundart-Roman «Der Goalie bin ig» wurde er 2010 für den Schweizer Buchpreis nominiert und gewann den Schillerpreis für Literatur der Deutschen Schweiz 2011. (Bild: Keystone )

Mani Matter im Landesmuseum

Dieses Jahr wäre Mani Matter 75 Jahre alt geworden. Die Ausstellung führt das Publikum entlang der wichtigsten Stationen und Themen seines Lebens. In Inszenierungen, die die Inhalte einiger seiner berühmtesten Lieder aufnehmen, werden seine Biografie, seine berufliche Tätigkeit als Jurist, seine Erfolge als Liedermacher, sein poetisches Werk und politisches Engagement sowie sein viel zu früher Tod thematisiert. Die Ausstellung dauert bis zum 18. September 2011.

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