Tanz auf zwei Hochzeiten

Politik ist die harte Realität – Literatur die alternative Traumwelt. Könnte man meinen. Doch es gibt Grenzgänger. Politiker, die in der Literatur wildern. Und Schriftsteller, die die politische Bühne suchen. Das geht nur selten gut.

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Im Mai werden die zwölf Finalisten des «Premio Strega», des bedeutendsten Literaturpreises in Italien, bekannt gegeben. Walter Veltroni wird nicht darunter sein. Sein neues Buch «Noi» («Wir») war in der Presse und von den Organisatoren zwar als heisser Anwärter für die nach einem Kräuterlikör benannte Auszeichnung gehandelt worden. Dann aber hat Veltroni seinen Verzicht erklärt und diesen in einem im Mailänder «Corriere della Sera» abgedruckten Beitrag begründet. Denn Schriftsteller Walter Veltroni hat einen Makel: Er ist Politiker. Vor allem Politiker. Er war Oppositionschef, Vizeregierungschef, Kulturminister und Römer Bürgermeister.

Klare Rollentrennung

Veltroni schreibt: «In einem Land wie dem unsrigen, wo die Politik in den hintersten Winkel des öffentlichen Lebens eindringt, spüre ich die Pflicht, einen Wert zu respektieren, den ich für fundamental halte. Die klare Trennung der Rollen und die Einhaltung der Grenzen.» Tatsächlich übergeben oder verleihen Politiker vielleicht Kulturpreise, aber sie nehmen sie nicht gleich selber in Empfang.

Man spürt es aus jeder seiner Zeilen heraus, wie schwer Veltroni der Entscheid gefallen sein muss: «Ich habe im Leben gelernt, wie schwierig es ist, einen Schritt zurück zu machen und zu verzichten.» Auch Eitelkeit und verletzter Stolz schimmern durch: «Einer, der das Buch vorgestellt hat, sagte, dass ‹Noi› einen noch grösseren Erfolg gehabt hätte, wenn es nicht einer jener Politiker geschrieben hätte, gegen die es berechtigterweise und natürlich Misstrauen und Vorurteile gibt.» Das mag sein. Möglich ist aber durchaus auch das Gegenteil: dass dem Buch kaum so viel Aufmerksamkeit widerfahren wäre, hätte es ein Unbekannter geschrieben.

Der Sonnenaufgang

Dabei ist Veltroni durchaus ein Mann der Kultur. Die Politik als Spielwiese war für ihn von Anfang an zu klein. Er war Chefredaktor der früheren Parteizeitung «Unità». Er hat 2006 das Römer Filmfestival ins Leben gerufen. Er gilt als passionierter Cineast und hat die Römer Filmschule absolviert. Im Wahlkampf gegen Berlusconi machte sich 2008 Hollywoodstar George Clooney für seinen «Freund» Veltroni stark. Veltroni hat über zwanzig Bücher veröffentlicht, darunter sechs belletristische Werke auf beachtlichem Niveau. Und er hat dafür auch schon Preise erhalten.

In seinem 2006 erschienenen Roman «Die Entdeckung des Sonnenaufgangs» kommt es zu einer abenteuerlichen Begegnung des Protagonisten mit der eigenen Kindheit. Mit dieser ungewöhnlichen Zeitreise will er der bitteren Wahrheit hinter dem Verschwinden des Vaters nachträglich auf die Spur kommen. Über 300000-mal wurde der Roman bisher verkauft und in neun Sprachen übersetzt. Eben ist die deutschsprachige Ausgabe erschienen. Legionen anständiger Schriftsteller können von Veltronis Erfolg nur träumen.

Van Rompuys Haikus

Dass man in den Regalen der Buchhandlungen auch auf die Namen von Spitzenpolitiker stösst, das ist in Italien die Regel; meist allerdings bleibt es bei Reden, Memoiren und politischen Visionen. Dasselbe gilt auch für Frankreich und andere lateinisch geprägte Länder. Und selbst die EU-Spitze hat ihren Poeten: EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy stellte letzten Donnerstag in Brüssel seinen neuen Band mit Haikus (japanischen Kurzgedichten) vor.

Vom Gefängnis auf die Burg

Es gibt auch die andere Seite der Medaille: dass sich nämlich ein Schriftsteller aus dem Elfenbeinturm in die Niederungen der Politik begibt. Der Triestiner Germanist Claudio Magris etwa, im letzten Jahr Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, war von 1994 bis 1996 Senator. In Deutschland hielt der Schriftsteller und neu gewählte Abgeordnete Stefan Heym im November 1994 als Alterspräsident des Bundestages die Eröffnungsrede. Nach elf Monaten legte der damals 82-Jährige sein Mandat bereits wieder nieder. In Peru kandidierte 1990 Bestsellerautor Mario Vargas Llosa als Staatspräsident – und scheiterte in der Stichwahl.

Kein Autor aber hat es als Politiker so weit gebracht wie Václav Havel. 1989 sass der tschechische Dramatiker und Dissident in Prag im Gefängnis. Die Samtene Revolution katapultierte ihn aus dem Gefängnisspital auf den Wenzelsplatz und von dort auf die Burg, wo der Präsident residiert. Das geschundene Land brauchte eine Integrationsfigur vom Format eines Havel: standhaft, messerscharf denkend und bereit zum Handeln. Er wurde Präsident der Tschechoslowakei und später Tschechiens. Das Schreiben aber blieb dabei, einmal abgesehen von gesammelten Reden, auf der Strecke.

2003 endete seine Präsidentenzeit. Über fünf Jahre dauerte es, bis in Prag endlich ein neues Havel-Stück uraufgeführt wurde. In Essays hatte er schon im Realsozialismus davor gewarnt, dass die Macht die Unabhängigkeit des Intellektuellen korrumpiere. In seinem neusten Stück geht es darum, dass sich Politiker nur sehr schwer von der Macht trennen können. Er war sich dieser Gefahr stets bewusst und stellte sich ihr. Weil ihn das Volk als Politiker brauchte. Andreas SaurerWalter Veltroni: Die Entdeckung des Sonnenaufgangs. Roman. Klett-Cotta, 156 Seiten.> (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.04.2010, 11:22 Uhr

Das Buch

Walter Veltroni: Die Entdeckung des Sonnenaufgangs. Klett-Cotta, 156 Seiten.

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