Was die Wehrmacht Frauen antat

Rotarmisten haben bei Kriegsende in Deutschland massenhaft Frauen vergewaltigt. Doch die sexuellen Verbrechen der Wehrmacht wurden bis jetzt verschwiegen. Eine Historikerin hat sie nun erforscht.

Die eine Seite: Russen bedrängen blonde Deutsche (Szene aus «Anonyma» mit Nina Hoss). Doch auch deutsche Soldaten übten sexuelle Gewalt aus.

Jürgen Olczyk (ZDF)

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Eins wussten die Deutschen schon bald nach Kriegsende. Sie waren nicht nur Täter, sondern auch Opfer: des «Bombenterrors der Alliierten», der «Vertreibung aus dem Osten», der Sowjets, «die unsere Frauen vergewaltigten». Sie schwiegen durchaus nicht schamvoll angesichts eigener Untaten, wie bis heute gern behauptet wird. Besonders was Rotarmisten 1945 und danach deutschen Frauen angetan haben, hat zum sich jährenden Kriegsende am 8. Mai Konjunktur: Der «Spiegel» lässt alte Damen zu Wort kommen, und das Fernsehen inszeniert das Thema.

Schweigen aus Scham

Kaum wurde bis jetzt gefragt, wie es den Frauen in den eroberten Ostgebieten ergangen ist. Dass auch die Forschung noch nicht allzu viel vorweisen kann, hat mit einer schwierigen Quellenlage zu tun. Die deutschen Soldaten selber haben begreiflicherweise wenig dazu hinterlassen.

In aller Regel wollten sie das Bild des treuen Familienvaters aufrechterhalten (während sich viele mit den Gewaltverbrechen an Juden und Kriegsgegnern sogar brüsteten). Die NS-Ideologie wiederum sah in den Slawen die Untermenschen und verbot Vertretern der «Herrenrasse» aufs Schärfste, sich mit ihnen einzulassen, vollends nicht mit Juden, um nicht «Rassenschande» zu begehen. Zur Propaganda – die bis in die 90er-Jahre und zur Wehrmachtsausstellung weiterwirkte – gehörte das Bild von der «sauberen Wehrmacht». Und solche «Ehrenhaftigkeit» verbot Übergriffe auf Frauen. Die weiblichen Opfer ihrerseits schwiegen oft aus Scham.

Das «Ausleben der Triebe»

Was sich in Realität abgespielt hat, zeigt nun die gründliche Untersuchung von Regina Mühlhäuser. Die Hamburger Historikerin stützt sich auf private Zeugnisse wie Tagebücher, Briefe, Augenzeugenberichte, aber auch auf offizielle Dokumente der Wehrmacht.

Über das Ausmass kann auch sie nichts Endgültiges sagen, aber dass sexuelle Gewalt zum Besatzungsalltag gehörte, belegt sie auf über 400 Seiten. Was 1945 geschah, hat also eine Vorgeschichte von «zwar nicht legalen, aber erlaubten Taten». Diese Unterscheidung hat Jan Philipp Reemtsma, in dessen Institut die Historikerin arbeitet, zur Erklärung der NSVerbrechen insgesamt herangezogen.

Bei allem Rassenwahn sah sich die oberste Heeresführung in einem Dilemma. Ihr war bewusst, dass man den Männern das «Ausleben ihrer Triebe» zugestehen musste, um ihre volle Kampfeskraft zu erhalten. Sie wusste auch, dass der massenhafte Missbrauch von Frauen die gesellschaftliche Lebensgrundlage der eroberten Länder mit zerstörte. Man hat freilich keine Belege für eine breit angelegte Strategie gefunden. Notzucht war sogar ein Straftatbestand, aber es sind kaum mehr als 5000 Männer verurteilt worden – und dies bei 17 Millionen Soldaten.

Leckere Mädchen

Die Erscheinungsformen sexueller Gewalt waren vielfältig. Sie reichten von brutalen Massenvergewaltigungen – die oft auch in der Ermordung der Opfer endeten – bis hin zu vergleichsweise harmlos erscheinenden Vergnügungen im Casino-Stil.

Was in Äusserungen von Soldaten oder SS-Männern immer wieder zum Vorschein kam, war ihre grenzenlose Verachtung für diese Frauen, «leckere Mädchen, wenngleich durch MG-Feuer leicht beschädigt». Die Wehrmacht betrieb schliesslich eigene Bordelle mit einheimischen Frauen, manchmal auch weiblichen KZ-Häftlingen. Das war eine Methode, die Kontrolle zu wahren, auch über Geschlechtskrankheiten, die die Führung insgesamt mehr zu besorgen schien als die «Rassenschande».

Auf der Seite der Frauen gab es erhebliche Unterschiede, die ein Schicksal mitbestimmten. Waren sie Jüdinnen, war ihr Leben ohnehin nichts wert. Entgegen des Verbots wurden sie nicht nur in den KZ und Vernichtungslagern, sondern auch ausserhalb Opfer männlicher Gewalt. Jüdinnen, die das überlebten, haben aber später meist geschwiegen, weil sie nicht von der eigentlichen Katastrophe des Holocaust ablenken wollten, wie die Autorin schreibt.

«Eingedeutschte» Kinder

Rotarmistinnen und Partisaninnen wiederum hatten als Kämpferinnen einen anderen «Status». Doch gerade die «Partisanenbekämpfung» artete oft in sexuelle Gewalt aus. Schon gar nicht behandelte die Wehrmacht solche Frauen als reguläre Kriegsgefangene.

Nicht wenige Frauen versuchten andererseits, durch sexuelle Kollaboration oder Prostitution sich und ihre Familien vor Schlimmerem zu bewahren. Das mussten viele nach dem Krieg büssen, weil das stalinistische Regime sie als Verräterinnen brandmarkte. Schliesslich gab es auch jene Frauen, die in den Deutschen sogar die Befreier vom sowjetischen Joch erblickten. Das war besonders im Baltikum der Fall, aber auch in der Ukraine.

«Verschobenen Moraldebatte»

Wie viele Kinder solchen Verbindungen entsprungen sind, weiss man nicht zu beziffern. Manche Kinder wurden «eingedeutscht», sofern man sie für rassisch verwertbar hielt. Und schliesslich gab es auch das: Liebesbeziehungen und Heiratsgesuche.

In Deutschland sahen sich Frauen, die sich bei Kriegsende vor allem mit alliierten Soldaten einliessen, im Rahmen einer «verschobenen Moraldebatte» (Mühlhäuser) ebenfalls des Verrats bezichtigt: Die Heimkehrer wurden als Opfer untreuer Frauen bemitleidet. Regina Mühlhäuser rückt mit ihrem Buch auch diese Debatte von einst zurecht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2010, 10:49 Uhr

Das Buch

Regina Mühlhäuser Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941–1945. Hamburger Edition, Hamburg 2010. 416 S., ca. 51 Fr.

Das Kriegsende im Fernsehen

«Anonyma – eine Frau in Berlin»
Das ZDF strahlt am Montag, 10. Mai, und Mittwoch, 12. Mai, den Zweiteiler «Anonyma – eine Frau in Berlin» mit Nina Hoss (Regie Max Färberböck) mit anschliessender Dokumentation aus. Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Buchs der 2001 verstorbenen Marta Hiller über ihre Erfahrungen in Berlin 1945. Ihr Buch fiel besonders durch seinen ungewohnt nüchtern-sachlichen Ton auf und wurde zum Grosserfolg.

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