Als Verbrechen geboren

Gewalt, Not – und immer die falsche Hautfarbe: Der amerikanische Fernseh-Comedian Trevor Noah schreibt über seine bittere Jugend in Südafrika.

Luzide und ironisch: Der südafrikanisch-amerikanische Comedian und Moderator Trevor Noah.

Luzide und ironisch: Der südafrikanisch-amerikanische Comedian und Moderator Trevor Noah. Bild: Matt Sayles/Keystone

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Das muss ihm erst jemand nachmachen: Als «farbiger» Südafrikaner auf der Flucht vor Morddrohungen nach New York fliehen, dort als Unbekannter eine TV-Karriere starten und in kürzester Zeit eine der populärsten Late-Night-Shows, die «Daily Show», von Jon Stewart übernehmen.

Trevor Noah schildert diese beeindruckende Fernsehstarblitzkarriere in seiner Autobiografie – mit keinem Wort. «Farbenblind» handelt ausschliesslich von den Jahren davor, vom Aufwachsen als Mischlingskind in den Townships von Johannesburg. Mit dem, was er dort erlebt, erleidet, erduldet und sich erarbeitet, kann kein TV-Aufstieg mithalten.

Überleben im Südafrika der Post-Apartheid

Eigentlich dürfte es ihn gar nicht geben. Die Mutter eine Xhosa, der Vater ein Deutsch-Schweizer. In seinem Geburtsjahr, 1984, herrschte noch Apartheid und damit das «Immorality»-Gesetz, das Beziehungen zwischen den Rassen mit mehrjähriger Haft bestrafte. Der Originaltitel «Born A Crime – Als Verbrechen geboren» bringt das auf den Punkt.

Seinen Vater trifft er nur selten, in geschlossenen Räumen. Die Mutter verweigert ihm in der Öffentlichkeit immer wieder die Hand. Das sind noch die harmlosen Kränkungen. Noah schildert die Brutalität der Townships und der Post-Apartheid-Jahre in den Neunzigern («Das schwarze Südafrika zog gegen sich selbst in den Krieg»). Er berichtet auch, wie seine alleinerziehende Mutter darin zu überleben versucht.

«Bevor es dir die Polizei antut»

Eigentlich ist das Buch eine Hommage an die Mutter. Die tiefreligiöse Frau zerrt ihren Sohn sonntags in drei Gottesdienste («Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass Schwarze mehr Zeit mit Jesus benötigten, weil wir mehr leiden mussten.»), selbst wenn das bedeutet, vorbeigehen zu müssen an brennenden Barrikaden und verkohlten Leichen, die die Kämpfe zwischen Zulu und Xhosa zurücklassen.

Man ist hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für die Willensstärke der Mutter und dem Abscheu vor ihrer Rigorosität. Vor den Übergriffen eines Mannes wirft sie den Sohn und sich selbst aus einem fahrenden Auto. Den Sohn prügelt und beschimpft sie, wenn das der Abhärtung dienlich ist: «Ich muss dir das antun, bevor es dir die Polizei antut.» Um Benzin für den klapprigen VW-Käfer zu sparen, lässt sie den im Stau bei abgeschaltetem Motor vom Sohn schieben. Dieser, die hellhäutige Kuriosität, soll sich mit der Erbarmungslosigkeit seiner schwarzen Umwelt zurechtfinden.

Die Familie ist so arm, dass sie Würmer essen

Noah lernt, sich anzupassen, er lernt sieben Sprachen, von Englisch über Deutsch bis Zulu und Sotho, um sich in sein jeweiliges Gegenüber hineinzuversetzen. Das kann das Überleben in völliger Armut sichern. Als die Mutter später einen schwarzen Automechaniker heiratet, ihren Sekretärinnenjob aufgibt, all ihr Talent und das wenige Geld in dessen defizitäres Geschäft steckt, erreicht das Leben seinen Tiefpunkt: Die Familie ist so arm, dass sie sich von Würmern ernähren muss.

Der nichtsnutzige neue Mann versäuft alles und jagt seiner Frau eine Kugel durch den Kopf. Sie überlebt den Mordanschlag. Der Stiefvater, der dank einer frauenfeindlichen Gesellschaft und einem guten Anwalt mit Bewährung davonkommt, bedroht danach auch Trevor.

Zwangsvertreibung, Sklaverei und Rassentrennung

Als Teenager hielt sich Trevor Noah als DJ und dem Verkauf von CD-Raubkopien über Wasser. Sein Talent ist das Geschichtenerzählen, das er als Radio- und TV-Moderator beim südafrikanischen Rundfunk und dann als Comedian offenbart, und auch mit diesem Buch.

Packend, luzide, selbstironisch bringt er die Tragik seines Heimatlands auf den Punkt: «In Amerika gab es die Zwangsvertreibung der Indianer in Reservate und die Sklaverei, gefolgt von der Rassentrennung. Nun stelle man sich vor, dass das alles denselben Menschen zur gleichen Zeit widerfährt. Das ist Apartheid.»

Das Buch erhielt etliche Auszeichnungen, es landete zurecht auf dem ersten Platz unter den Bestsellern der New York Times.

Der Blessing Verlag stellt eine Leseprobe aus dem Roman «Farbenblind» auf seiner Homepage zur Verfügung.

Trevor Noah: Farbenblind. Aus dem Amerikanischen von Heike Schlatterer. Blessing Verlag, München 2017. 336 S., 26.90 Fr. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 07.08.2017, 09:57 Uhr

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