Blütenstaub vom Leben verweht

Die Basler Bestsellerautorin Zoë Jenny macht seit der Veröffentlichung ihres ersten Romans mehr durch ihr Liebesleben als durch Publikationen auf sich aufmerksam.

Vor 21 Jahren veröffentlichte die Baslerin den Bestseller «Das Blütenstaubzimmer».

Vor 21 Jahren veröffentlichte die Baslerin den Bestseller «Das Blütenstaubzimmer».

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Manchem Talent ist nur die Jugend gegeben, um sich zu entfalten, und mit ihrem Ende verwelkt es wie Blätter im Herbst, noch einmal kurz scheint es gülden seiner Vergänglichkeit spotten zu wollen, dann trocknet es aus, fällt auf die Erde und verschwindet für immer. Zoë Jenny ist unlängst 44 Jahre alt geworden. Das ist jene Phase des Lebens, in der die Jugend im tiefen Winter ihres Seins ist. Man könnte jetzt, wie Oscar Wilde das formuliert, seine Torheiten wiederholen, um seine Jugend zurückzuerhalten, und es ist nicht ganz klar, ob sie sich das vorgenommen hat.

Man liest inzwischen fast mehr über sie als von ihr. Das Meiste steht im Blick. Über ihr Leiden auf Bali, wo das Glück einer Liebe so klebrig wurde wie die Hitze, über ihr Leiden in der Toscana, wo eingebrochen wurde und die Mücken eine Plage waren, ihre Zeit in der Schweiz, in der sie im Schatten der Vergangenheit an der Seele fror, und seit letztem Wochenende über Wien, wo Jenny weiter sucht, was nur in ihrer Vorstellung existiert; Bindungen, die vor Einsamkeit schützen, Männer, die sie verstehen, Jugend, die nicht vergeht, und Sätze, die nicht dem Leben, der Einsamkeit, dem Tod und dem Glück abgerungen werden müssen.

«Star-Autorin hat sich von ihrem Freund getrennt», stand da. Manfredo soll von Hochzeit gesprochen, Zoë das Weite gesucht haben. Schon wieder, schreibt der Blick, sei der Mann ihres Lebens, die grosse Liebe, nur noch wie Blütenstaub. Aber sie selbst, so sagt sie, sei bereits wieder in «einer glücklichen Beziehung». Wer der neue Bestäuber sein könnte, ist nicht bekannt.

«Das Blütenstaubzimmer», ihr Erstling, ist 21 Jahre her, das Buch hätte auch die «Leiden der Zoë J.» heissen können oder «Ich, das Scheidungskind». Das Buch war schön, Zoë war schön, und dann wurde alles zu schön, um wahr zu sein, und dann kam «Der Ruf des Muschelhorns», das auch «Ruftöne eines unverstandenen Ichs» hätte heissen können, und es wurde unschön; die Frau, die einst Sätze schrieb wie Flügel schlagen, konnte literarisch nur noch humpeln plötzlich. Der Blütenstaub der Worte, der sie einst befruchtet hatte, schien vom Winde verweht. Natürlich ist das keine Tragödie. Das ist nur die Geschichte eines Menschen, der einen Roman in sich trug, einen einzigen. Und einen erfolgreichen. Das ist mehr, als vielen andern vergönnt ist.

Vielleicht hoffte Jenny, dass Wunder wie die Liebe sind und öfter geschehen, aber das tun sie kaum. Sie schrieb weiter, geriet Wort für Wort mehr ins Tippen, und je weniger die Worte sie trugen, desto mehr flog ihr ihr Leben um die Ohren und die Zeit und die Jugend davon. Und dann war da kein Talent, sich die richtigen Selbstzweifel zu machen, und sie kämpfte ihre Schlachten auf den falschen Schlachtfeldern. 2013 gab sie einen Band mit Kurzgeschichten heraus, «Spätestens morgen», hiess er, und er war wie das Gold der Blätter im Herbst und das letzte Zucken einer Jugend. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.04.2018, 10:47 Uhr

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