Das Buch der Bücher

Autoren und Leser kürten den besten Man-Booker-Preisträger der vergangenen fünf Jahrzehnte. Ein dubioses Unterfangen.

Die Wahl fiel auf Ondaatjes «Der englische Patient».

Die Wahl fiel auf Ondaatjes «Der englische Patient».

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Kein Literaturpreis ist für die Autoren mit so viel Schmerz und Erniedrigung verbunden wie der Ingeborg-Bachmann-Preis, der gerade in Klagenfurt zu Ende gegangen ist. Während Jury-Entscheidungen normalerweise im Verborgenen getroffen werden, finden sie dort im Beisein der Autoren statt, die oft kaum glauben können, wie kleinlich, geschmäcklerisch, biografistisch und regelpoetisch ihre Texte dort abgefrühstückt werden. Auch deshalb gibt es seit jeher die Autorenfantasie, das Verfahren einmal umzudrehen und ein Tribunal aus Schriftstellern zu bilden, das live im Fernsehen über die Texte richtet, welche die Kritiker so zustande bringen.

Der britische Man-Booker-Prize hat sich dieses Anliegen jetzt zu Herzen genommen und zumindest ein Kompromissangebot unterbreitet: Zum fünfzigsten Jubiläum des wichtigsten Literaturpreises Grossbritanniens wurden dort fünf Schriftsteller aufgefordert, den jeweils bedeutendsten Roman auszuwählen, der in einem bestimmten Jahrzehnt mit dem Man-Booker-Prize ausgezeichnet wurde. Für die Siebzigerjahre ging also V. S. Naipauls «In einem freien Land» ins Rennen, für die Achtziger Penelope Livelys «Moon Tiger», Michael Ondaatjes «Der englische Patient» für die Neunziger, Hilary Mantels «Wölfe» für die Nuller- und George Saunders' «Lincoln im Bardo», der aktuelle Preisträger, für die Zehnerjahre.

Diese Auswahl wurde dann wiederum einer Online-Abstimmung unterzogen, an der sich jeder beteiligen durfte, der gern Romane bewertet. Dies Verfahren hat nun gewissermassen den ultimativen Booker-Gewinner hervorgebracht, den Träger des Man Booker Prize «in Gold». Die Wahl fiel auf Ondaatjes «Der englische Patient» und damit mindestens im gleichen Masse auf die Neunzigerjahre, die gerade ungefähr so populär sind wie Michael Ondaatje selbst.

Dieser Krönungsprozess ist einerseits ein PR-Gag, mit dem der Preis sein fünfzigjähriges Bestehen begeht. Er ist aber auch der wahrscheinlich erste grosse Literaturpreis, dessen Auswahlprozess vollkommen ohne hauptberufliche Kritiker ausgekommen ist. Der «Golden Man Booker Prize» wurde ausschliesslich von Autoren und Lesern vergeben, die sich gemeinsam auf das meistgelesene und kommerziell erfolgreichste Buch in der Liste geeinigt haben, mit dem die meisten Erwachsenen ausserdem warme Erinnerungen an die Neunziger verbinden, an das letzte Jahrzehnt, in dem die Hoffnungen die Abgründe eindeutig übertrafen. Das Experiment zeigt in diesem Sinne, dass Preisvergaben ohne Kritik und Kontroverse möglich sind. Die Anschlussfrage wäre dann lediglich: Wozu überhaupt Preise? (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 11.07.2018, 14:54 Uhr

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