Das Volk, das nie altert

Hanya Yanagiharas Roman «Ein wenig Leben» war ein Welterfolg. Jetzt schiebt der Verlag ihr Debüt nach: Über einen Forscher, der ein Menschenfreund ist – und ein Pädophiler.

Journalistischer Blick auf die Welt: Hanya Yanagihara. Foto: Getty Images

Journalistischer Blick auf die Welt: Hanya Yanagihara. Foto: Getty Images

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Es ist eine Geschichte mit Sensationswert: Da entdeckt ein amerikanischer Wissenschaftler eines jener sagenumwobenen isolierten Völker. Und der Forscher toppt diesen Knüller noch: Das Volk kann, wie er beweist, das Altern des Körpers stoppen. Manche Stammesmitglieder sind mehrere 100 Jahre alt. Der Haken: Die Frische des Körpers wird mit dem Zerfall des Geistes bezahlt. Der setzt zwar spät ein, aber am Ende steht die totale Demenz.

Dieser Plot allein wäre eine vielversprechende Romanvorlage: für eine literarische Bearbeitung von Fitnesswahn und Alzheimer etwa, vom Missbrauch von Menschen als Forschungsobjekte oder das Phänomen der isolierten Völker. Aber die 1974 in Los Angeles geborene Autorin Hanya Yanagihara wollte mehr mit ihrem Debütroman von 2013, der nun auf Deutsch unter dem Titel «Das Volk der Bäume» vorliegt. Das Buch orientiert sich an einer historischen Gestalt – und einer grossen Frage.

Das reale Vorbild

«Wenn ein grosser Mann schreckliche Dinge tut, ist er dann noch ein grosser Mann?» In der deutschen Romanausgabe platziert die Autorin und Medizinertochter – die lang Reisemagazin-Redaktorin war, bevor sie Chefredaktorin des Lifestyle-Magazins der «New York Times» wurde – dazu einen Essay. Darin legt sie offen, dass ihr Protagonist dem Mediziner Daniel Carleton Gajdusek nachempfunden ist.

Gajdusek erhielt 1976 den Nobelpreis für seine Arbeit zur Prionenkrankheit Kuru, die Mitte des 20. Jahrhunderts ein kleines Volk auf Papua-Neuguinea schwer dezimierte. Von seinen Reisen brachte Gajdusek 56 Adoptivkinder mit und ermöglichte ihnen eine gute Ausbildung. Es waren primär Jungs, und einer von ihnen bezichtigte ihn später des sexuellen Missbrauchs.

Gajdusek äussert sich gegenüber der BBC. Quelle: Youtube

Der Forscher bekannte sich 1997 schuldig und lebte nach der Haft bis zu seinem Tod in Europa. Dort äusserte er sich gegenüber der BBC – abrufbar auf Youtube – freimütig über Sex mit Kindern: Hunderte seien zu ihm ins Bett gekrochen und hätten danach verlangt; nicht umgekehrt. Alle Buben würden das wollen, er selbst habe den ersten Verkehr als Sechsjähriger mit seinem Onkel gehabt. Für den Familienzusammenhalt sei Sex zwischen den Generationen zwingend.

Flucht in die Welt der harten Fakten

Als Yanagihara «Das Volk der Bäume» zu schreiben begann, lebte Gajdusek noch – ein Grund, wie sie sagt, für die Verfremdung: Ihr Gajdusek heisst Perina. Im Roman gibt ein treuer Mitarbeiter Perinas Memoiren heraus; aufs Vorwort des fiktionalen Herausgebers folgt Perinas Icherzählung über sein Heranreifen, seinen Glanz und Abstieg.

Die ersten 100 Seiten schildern, wie sich der Sohn einer halb autistischen Mutter in die Welt der harten Fakten flüchtet. Die Kindheit in einem Kaff in Indiana gewinnt durch Yanagiharas journalistischen Blick auf Natur und Menschen fesselnde Anschaulichkeit. Auch das Ringen des ehrgeizigen Studenten, die Rivalitäten auf dem Campus, die Hölle des Misserfolgs haben Wiedererkennungswert.

Sich unsterblich essen

Auf den nächsten 250 Seiten verwandelt sich das Psychogramm in eine eher naive Abenteuergeschichte, gespickt mit Spannungstriggern und wissenschaftshistorischen Seitenblicken. Perina fliegt mit einem Anthropologen auf ein Inselchen im Pazifik. Das Volk, dem sie auf die Spur kommen, füttert seine Ü-Sechziger mit einer raren Schildkrötensorte. Perina nimmt einige Stammesmitglieder und Schildkrötenteile mit in die USA, ins Labor: Es zeigt sich, dass der Verzehr der Schildkröte die Telomerasebildung beeinflusst, das Altern ausbremst. Dass die entwurzelten Eingeborenen im Labor dahinsiechen, interessiert in den Siebzigern dagegen wenig, stellt der Herausgeber fest.

Überhaupt werden Perinas Memoiren durch Anhang, Glossar, Karten und Fussnoten des fiktiven Herausgebers beglaubigt, der von der Sprache des Stamms bis zu den Publikationen Perinas alles haarklein dokumentiert und kommentiert. Diese Ausführlichkeit ist zwar ob ihrer Kreativität beeindruckend, aber überflüssig; von hohem literarischen Anspruch scheint das ganze pseudo-postmoderne Faction-Pastiche weit entfernt.

20 Kinder im Haus

Die pädophilen Verbrechen Perinas wiederum kommen, abgesehen vom «Vorwort», erstmals auf Seite 342 zur Sprache. Später erfahren wir einiges übers Gewusel im Haus des Forschers, in dem zeitweise über 20 Kinder lebten. Das Finale enthält ein Geständnis der «liebevollen» Vergewaltigungen. Doch die angestrengte Engführung des klugen, kalten Kindes aus Indiana und des erfolgsversessenen, postkolonialen Unsterblichkeitsforschers mit dem Täter Perina-Gajdusek scheitert. Bleibt der Sensationswert.

Hanya Yanagihara vermag den Leser an Spannungsfäden durch den Text zu ziehen. Aber sie versucht zu viel und viel zu Unterschiedliches, sodass ihr das Buch auseinanderfliegt. Am besten liest man es als aufwendige Vorstudie zu ihrem Opus Magnum. «Ein wenig Leben» katapultierte die Autorin 2015 international ins Rampenlicht. Auf knapp 1000 Seiten wird da die krasse Geschichte eines jungen, schwulen Mannes ausgebreitet, der am Missbrauch zerbricht, den er als Kind erlitt.

Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser, Berlin 2019. 478 S., ca. 36 Fr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.02.2019, 17:55 Uhr

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