Der Buchhändler von der Park Avenue

Andrew Wylie gilt als bedeutendster Literaturagent der Welt. Ein Gespräch über Freundschaften und die Gesetze des Kapitalismus, Philip Roth im Ruhestand, «Dumm und Dümmer» und langweilige Schweizer Literatur.

«Wir passen auf. Und wir arbeiten hart.» Andrew Wylie hält nicht viel von Verträgen. Seine Klienten sollen ihn jederzeit feuern können.

«Wir passen auf. Und wir arbeiten hart.» Andrew Wylie hält nicht viel von Verträgen. Seine Klienten sollen ihn jederzeit feuern können.

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Mindestens achtmal im Jahr ist Andrew Wylie in London, und jedes Mal steigt er im Stafford-Hotel ab, einem back­steinernen Traditionshaus zwischen dem ungleich berühmteren «Ritz» und St. James’s Palace, dem Wohnsitz des Prinzen von Wales. Wylie, ein 69-jähriger Amerikaner mit Wohnsitz New York, gilt als bedeutendster Literaturagent der Welt. So wirkt er eigentlich nicht, zumindest macht sein Gebaren an diesem Montagmorgen nicht den Anschein besonderer Geschäftigkeit.

Als ich den Innenhof des Hotels betrete, sitzt Wylie untätig da und starrt vor sich hin. Vor ihm auf dem Tisch liegt die ungelesene Times. Ein wenig macht er den Eindruck, als wisse er nicht so recht etwas mit sich anzufangen.

«Der Schakal»

In der Branche gilt Andrew Wylie als gefürchteter Mann. Kein Porträt, in dem nicht auf seinen Spitznamen hingewiesen wird: «Der Schakal». Auf den Bildern, die er von sich selbst verbreiten lässt, blickt er meist leicht nach unten, was seiner schmalen Augenpartie einen mephistophelischen Zug verleiht. Er trägt dort auch stets Massanzug und Krawatte. Nun hat er unter einem dunkelblauen Jackett ein graues Schlabberhemd an. Knochig und streng wirkt Wylie auf den Fotos, nun sieht er eher aus wie ein wohlsituierter Rentner von der Upper East Side, der in Florida auf einer Hotelterrasse sitzt. Nur, dass es hier empfindlich kalt ist. Andrew Wylie scheint dies nicht zu stören.

London und Wylie, das war zumindest anfangs keine einfache Paarung. «Wir machten einiges anders, als man es bisher hier gemacht hatte», sagt er selbst. Mitte der Achtzigerjahre, als Wylie anfing, auf beiden Seiten des Atlantiks zu operieren, galt es in London noch als unschicklich, dass ein Agent sich einem Autor andiente, der bereits bei einem Kollegen unter Vertrag stand. Der Amerikaner führte die Regeln der Marktwirtschaft ein. «Einige Agenten machten ihren Job nicht ordentlich», sagt er. «Daher fühlte ich mich frei, mich an Autoren zu wenden.»

Andrew Wylie bot Schriftstellern Summen, von denen diese bisher nicht einmal geträumt hatten. Als erster Literatur­agent kümmerte er sich konsequent um die sogenannte Backlist, also sämtliche bereits erschienenen Bücher eines Autors. Als er sich Anfang der Neunzigerjahre das Werk Norman Mailers anschaute, stellte er fest, dass 14 von dessen Büchern nicht mehr erhältlich waren. Wäre dies anders, so rechnete er Mailer vor, wäre er in zehn Jahren Millionär, ohne auch nur einen einzigen Satz schreiben zu müssen.

Anekdoten gibt es bezüglich Wylies Praktiken einige. Kaum eine davon fällt schmeichelhaft für ihn aus, zumindest nicht, wenn man die traditionellen Londoner Massstäbe anlegt. Am Ende der meisten Geschichten steht der Bruch einer Freundschaft. 1995 verkrachte sich Julian Barnes mit seinem Freund Martin Amis, nachdem dieser nach über zwanzig Jahren von Barnes’ Ehefrau Pat Kavanagh zu Wylie gegangen war. 500 000 Dollar Vorschuss hatte Wylie für Amis’ Roman «Information» geboten, damals eine ungeheure Summe.

Keine Verträge

Warum all diese Eifersüchteleien? Ist Literatur eben doch mehr als nur ein Geschäft? «Ich verstehe Ihre Frage nicht», sagt Wylie kühl. «Unsere Klienten sind unsere Arbeit­geber.» Von Verträgen hält Wylie nicht viel. Eine mündliche Abmachung genügt ihm. «Unsere Autoren sollen uns jederzeit feuern können, wenn wir keinen guten Job machen. Das hilft uns enorm.»

Nur drei Dinge seien ihm wichtig: «dass mich meine Frau mag, dass mich meine Kinder mögen und dass mich meine Klienten mögen». Aber einige seiner Kunden würde er schon als Freunde bezeichnen: Martin Amis, Philip Roth und Salman Rushdie etwa. «Wenn die sich einen anderen Agenten suchen würden, würde mich das schon treffen. Aber das wird nicht geschehen. Wir passen auf. Und wir arbeiten hart.»

Womöglich muss man sich so eine Agentur als grossen Verdauungsapparat vorstellen, der Unmengen von Büchern und Manuskripten verarbeitet. Über tausend Klienten hat Wylie mittlerweile; gemäss eigener Aussage wächst sein Geschäft weiter rasant. Insgesamt 45 Angestellte hat er in seinen beiden Büros in New York und London. Andere New Yorker Agenturen arbeiten mit sogenannten Subagenten in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Japan zusammen. Davon hält Wylie nicht viel: Die meisten Subagenten verträten so vielen Agenturen, dass sie die Bücher, die sie anböten, unmöglich alle lesen könnten. «Es ist schwierig, jemanden von einem Buch zu überzeugen, das man nicht kennt», sagt Wylie. «Also gehen wir überall direkt hin.»

Im deutschsprachigen Raum gibt es nur wenige Literaturagenten. «Ein deutscher Autor, der sich einen Agenten nimmt, kann kein Suhrkamp-Autor sein», dekretierte Siegfried Unseld, der 2002 verstorbene deutsche Grossverleger. Der einzige deutschsprachige Schriftsteller in Wylies Portfolio ist der Schweizer Christian Kracht. Der Norweger Karl Ove Knausgård stellte ihn dem Agenten vor. Wissen deutsche Autoren nicht, dass es Agenten gibt? «Doch, das wissen die schon», sagt Wylie, «aber ich meine, wie viele bedeutende junge deutsche Autoren gibt es?»

Es gebe nun einmal Länder, in denen literarisch nicht viel los sei. Die Schweiz zählt für Wylie auch dazu: «Da wird nicht viel Interessantes geschrieben. Auch Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt haben mich nie sonderlich interessiert.» Er zögert einen Moment: «Vielleicht habe ich sie aber auch nur nicht gründlich genug gelesen.»

Klub der toten Schriftsteller

Mit dem Tod eines Autors ist die Geschäftsbeziehung für Wylie noch nicht vorüber. Heute gilt er als Spezialist für Nachlässe. «Ich habe das nicht beabsichtigt», sagt er. «Aber ab und zu stirbt einfach ein älterer Klient.» Um Allen Ginsberg, Susan Sontag und William S. Burroughs kümmerte sich Wylies Agentur schon zu deren Lebzeiten, und dabei blieb es. Es kommt aber auch vor, dass ein toter Autor neu zu Wylie kommt. «Wenn ich sehe, dass ein Nachlass nicht ordentlich betreut wird, gehe ich zu den Nachkommen hin», sagt Wylie. So wurde er zum literarischen Testamentsvollstrecker von Jorge Luis Borges und Italo Calvino. «Ob ich einen Nachkommen oder einen lebenden Autor vertrete, macht für meine Arbeit keinen Unterschied», sagt Wylie.

Er bestellt sich den dritten doppelten Espresso. «Stört es Sie, wenn ich eine Zigarre rauche?», fragt er. Der Kellner bringt die Zigarrenkarte. Sie hätten keine Cohiba mehr und auch keine Partagás, sagt er. «Um Gottes willen», murmelt Wylie eher fatalistisch als aufgeregt. Auch die letzte Robusto habe er gestern verkauft, fügt der Kellner hinzu.

Also entscheidet sich Wylie not­gedrungen für eine Montecristo No. 2 und eine Hoyo de Monterrey. Rauchen sei sein einziges Laster. In seiner Jugend habe er viel getrunken. «Ich hatte eine Kindheit, ja.» Den Scotch hat Wylie vor Jahren schon aufgegeben.

Wylies Vater Craig war Cheflektor beim Verlag Houghton Mifflin in Boston. «So etwas wie Gefühle gab es bei uns zu Hause nicht», erinnert sich Andrew Wylie. Dafür umso mehr Bücher: Riesig war die Bibliothek des Vaters und für seinen einzigen Sohn ein Fluchtpunkt, um seinen fünf Schwestern zu entkommen. Arthur Schlesinger, der berühmte Historiker und Berater John F. Kennedys, zählte zu den Autoren, die von Craig Wylie betreut wurden, ebenso Henry Kissinger, der spätere Aussenminister unter Richard Nixon und Gerald Ford. «Ich war fasziniert, wie sich mein Vater um Manuskripte kümmerte», erinnert sich Wylie. Später wurden Schlesinger und Kissinger zu Klienten seiner Agentur.

«Ebenso lustig wie erfolglos»

Literaturagent wurde Andrew Wylie eher zufällig: In Harvard studierte er das Werk Thomas Manns und James Joyces, lernte Griechisch, Latein und Italienisch. Ziellose Jahre folgten: Er zog nach London und gründete eine Literaturzeitschrift, «ebenso lustig wie erfolglos», wie er heute sagt.

Mitte der Siebzigerjahre, zurück in Boston, scheiterte seine erste Ehe. Er zog nach New York, lebte in einer Kommune und schlug sich als Taxifahrer durch, ein bleicher, hagerer Mann, der dem Vernehmen nach nie ohne Leder­jacke und Sonnenbrille aus dem Haus ging. «Erfolglos, aber lustig» sei auch sein zweiter Versuch als Unternehmer gewesen: Ein Verlag namens Telegraph Books. Zwei Bücher brachte er heraus, eines von der Punk-Musikerin Patti Smith, das andere über Muhammad Ali.

Damals war Wylie ein Linker, und als solcher sieht er sich noch immer, irgendwie: «Ich bin der Vorsitzende der Kommunistischen Partei der Park Avenue», habe er seinen Kindern gesagt, als die sich beklagt hätten, dass er nur noch ans Geschäft denke.

Agent aus der Not heraus

Nach zwei Jahren ging dem Verlag das Geld aus. Andrew Wylie war 26 und musste eine Familie ernähren. In Boston gab es damals einen Autor namens I. F. Stone. Dieser brachte jede Woche eine Zeitung heraus, I. F. Stone’s Weekly, die er grösstenteils selber schrieb. In den Fünfzigerjahren hatte er gegen den Kommunistenjäger Joseph McCarthy agitiert, in den Sechzigern gegen die Rassentrennung, in den Siebzigern gegen den Vietnamkrieg.

1980, als Wylie ihn kontaktierte, war Stone halb vergessen. «Sein Werk war mir wichtig», sagt Wylie. «Ich wollte aber auch einen Job.» Im hohen Alter hatte sich Stone entschieden, Altgriechisch zu lernen, um die Wurzeln der Demokratie zu erforschen. Das faszinierte Wylie: «Ich hatte in Harvard Griechisch studiert, also rief ich ihn an und sang ihm aus Homers Ilias vor. Da begann ich ihn zu interessieren.»

Wylie mag von Stone begeistert gewesen sein. Vor allem aber war Stone ein Autor, für den sich kein anderer Agent interessierte. Und Wylie musste anfangs nehmen, was die anderen ihm liessen. Heute ist er der Vertreter der ganz Grossen. Auch der aktuelle Nobelpreisträger Bob Dylan ist sein Klient. Das Gerücht, wonach er jedes Jahr am Tag der Bekanntgabe des Preisträgers mit Philip Roth zusammensitze, um die nächste Enttäuschung durchzustehen, hat er vor Jahren bereits dementiert.

Vor fünf Jahren hat sich Roth, mittlerweile 84, in den Ruhestand verabschiedet. «Keine Romane mehr. Und dabei wird es auch bleiben», sagt Wylie. «Ich weiss das, weil ich mit Philip darüber geredet habe. Wenn ein Autor älter wird, nimmt seine Fähigkeit, ein grosses Buch in seinem Kopf zusammenzuhalten, immer mehr ab.» Roth habe gesehen, wie Saul Bellows Romane im Alter immer kürzer geworden seien. Das soll ihm nicht auch passieren.

Mann ohne Eigenschaften?

Für einen Mann, der sich mit Literatur und nichts als Literatur beschäftigt, kann Wylie erschütternd uninspiriert über Bücher reden. Was ihn am Werk Thomas Manns angezogen habe? «Seine grossartigen Romane», lautet die Antwort. Von sich selbst zeichnet der Agent das Bild eines Mannes ohne Eigenschaften, der völlig hinter das Werk seine Klienten zurücktritt. «Wenn ich mit Autoren zusammen bin, werde ich wie ein Schwamm oder wie eine weisse Leinwand.» Wer ihm begegne, von dem lasse er sich beeinflussen.

In den Neunzigerjahren habe er einmal eine Filmkomödie gesehen, «Dumm und Dümmer». Zuerst habe er dem Streifen gar nichts abgewinnen können, doch dann habe er ihn noch einmal angeschaut, diesmal zusammen mit Martin Amis. «Martin fand den Film super, und mit der Zeit begann ich, ihn mit seinen Augen zu sehen.»

Auch schon mehr als ein Vierteljahrhundert ist es nun her, dass Wylie zum Helden wurde, auch wenn er selbst dieses Wort wohl zurückweisen würde: 1988 rief Ayatollah Ruhollah Chomeini, damals Irans religiöser Führer, eine Fatwa gegen Salman Rushdie aus, den Autor der «Satanischen Verse». Teheran sendete Schergen, um Rushdie töten zu lassen – und alle, die mit ihm zusammenarbeiteten. «Es war eine Periode intensiver Erfahrungen», sagt Wylie.

Allein schon Rushdie zu besuchen, sei ein Erlebnis gewesen: Autos ohne Kennzeichen, die durch enge Strassen rasten, plötzliche Abbiegemanöver. 1989 hätte die Taschenbuchausgabe der «Satanischen Verse» erscheinen sollen, doch das Verlagshaus Penguin zögerte. «Es war ein beispielloser Akt des internationalen Terrorismus», sagt Wylie. «Iran hatte den Bürger eines anderen Staates zum Tod verurteilt. Knickt man da ein, oder bietet man ihnen die Stirn?» Rushdies norwegischer Verleger wurde dreimal in den Rücken geschossen – und ordnete noch vom Spitalbett aus eine Neuauflage an. 1992 brachte ein Konsortium amerikanischer Verleger eine Taschenbuchausgabe heraus. «Ohne mich hätte es kein Taschenbuch gegeben», sagt Wylie. Um sofort hinzuzufügen: «Für Salman war es gefährlich, für mich nicht.»

Einen Sommer lang nur Dickens

Bleibt die Frage, ob sich Wylies persönlicher Zugang zur Literatur durch den Beruf verändert hat. Doch, doch, er sei schon noch fähig, etwas zu lesen, ohne ans Geschäft zu denken. «Letzten Sommer habe ich nur Dickens gelesen.» Er habe kein grosses Privatleben und nicht viele Freunde, sagt Wylie. Wird er jemals in Rente gehen? «Ich wüsste nicht, was ich dann mit mir anfangen würde. Im Sommer auf Long Island spiele ich jeden Tag Rasentennis.»

Ansonsten hat er seine Manuskripte. Und ihre Autoren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.05.2017, 13:15 Uhr

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