«Der Erfolg ist ein absoluter Barbar»

Mit 765 Briefen Robert Walsers startet die neue Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag. Darin zeigt sich der Autor in vielerlei Gestalt: anzüglich und aggressiv, verzweifelt und als grosser Sprachspieler.

Robert Walser (1879–1956) schrieb alle seine Texte und Briefe ausschliesslich mit der Hand. Bild: Robert-Walser-Archiv

Robert Walser (1879–1956) schrieb alle seine Texte und Briefe ausschliesslich mit der Hand. Bild: Robert-Walser-Archiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für nicht wenige ist Robert Walser der grösste Schweizer Schriftsteller überhaupt. Wobei wohl kein Adjektiv schlechter zu ihm passen will als gerade «gross». Keiner hat sich so gern so klein gemacht wie er. Er war Diener auf einem schlesischen Schloss, «Gehülfe» bei einem Ingenieur, Bank-«Commis» und Schreiber.

Auch seine literarische Laufbahn, mit drei Romanen in rascher Folge vielversprechend begonnen, verzwergte sich bald. Zwar druckten Zeitungen und Zeitschriften seine Feuilletons gern, und es gelang ihm, sie in einigen Sammelbänden erscheinen zu lassen. Nach dem Ersten Weltkrieg machten dann Papierknappheit, Inflation und Wirtschaftskrise den Verlagen schwer zu schaffen. Ein Bestsellerautor war Walser ohnehin nie, schon 1904 legte ihm der Insel-Verlag, als er ein Nachhonorar für «Fritz Kochers Aufsätze» forderte, auseinander, «dass von 1300 Exemplaren der Auflage bisher erst 47 Exemplare abgesetzt worden sind».

In Krisenzeiten wurde er für die Verleger, wie er selbst graziös formulierte, eine «Bedenklichkeitsverursachung». Ende der 1920er-Jahre ging auch die Kleinprosa-Abdruckrate zurück. Walser verlagerte die Produktion allmählich ins «Bleistiftgebiet»; er schrieb seine Texte in winzig kleiner Schrift, als wollte er auch sein Werk zum Verschwinden bringen.

1929 suchte er wegen Angstzuständen die Heilanstalt Waldau auf, 1933 wurde er nach Herisau verlegt und entmündigt. Er lebte noch 23 Jahre dahin, klebte Papiertüten, half im Garten und machte Wanderungen in der Umgebung. Der Schriftsteller Robert Walser war da schon tot und weitgehend vergessen.

Selbstverzwergungsvirtuose

Erst in den späten 60er- und 70er-Jahren setzte das Interesse an dieser eigentümlichsten Gestalt der Schweizer, wenn nicht gar der europäischen Literatur ein. Eine erste Werkausgabe erschien, ein Walser-Archiv wurde gegründet und 2009 in Bern neu aufgestellt.

Derzeit sind gleich zwei neue Gesamtausgaben im Entstehen. Die erste, die «Kritische Ausgabe», ist auf 50 Bände veranschlagt und liefert jede Zeile, jeden Textfetzen im Faksimile und in Umschrift. Sie ist etwas für Forscher, reiche Liebhaber und Bibliotheken. Dagegen als «Leseausgabe» konzipiert ist die neue «Berner Ausgabe», deren erste drei Bände (von 31 geplanten) jetzt erschienen sind. Zwei monumentale Editionen also: Das ist das paradoxe Ergebnis der Produktion dieses Selbstverzwergungsvirtuosen.

«Ausserdem ist es gerade so schön, nichts zu sein, es hat eine höhere Glut, als das Etwas sein», schrieb Walser an seinen Lektor Christian Morgenstern. Der Brief ist einer von 765 von Robert Walsers Hand – er schrieb ausschliesslich mit der Hand, in einer wunderbar lesbaren, fast kalligrafischen, je nach Anlass und Adressat sehr variablen Schrift –, fast doppelt so viele wie in den bisherigen Ausgaben, dazu 186 Gegenbriefe. Der Kommentar ist kundig, knapp und hinreichend zugleich; der dritte Band enthält auch Abbildungen ausgewählter Stücke, verspielte und verschnörkelte Schriftproben eines Autors, dem auch die Buchstaben-Gestalt von Bedeutung war.

Die Lektüre der Korrespondenz erzeugt, bei aller unvermeidlichen Monotonie, eine eigentümliche Faszination. Man will auch vom Briefschreiber Walser nicht lassen. «Am meisten aber ärgerte manche Leser, dass sie diese Sachen, obschon sie sie ‹absurd› fanden, doch immer zu Ende lesen mussten»: Was Joseph Viktor Widmann, Walsers Förderer im Berner «Bund», feststellte, gilt auch für die Briefe. Tatsächlich ist der Übergang zur literarischen Prosa fliessend. Walser selbst findet für die Beziehung von biografischer Realität und literarischer Verwandlung folgende unergründliche, unvergessliche Formulierung: «als ob beim Schaffen Leben und Kunst nicht zusammen heimtückisch, wie auf einer Nadelspitze, auf der Lauer sässen».

Buben- und Damenhösli

Höchst eigenartig muss jedem heutigen Leser die Korrespondenz mit Frieda Mermet erscheinen, ein Hauptstück des Briefwechsels. Walser hatte die Wäscherin in der Heilanstalt Bellelay über seine Schwester Lisa kennen gelernt, mit ihr führte er eine, wie Peter von Matt es einmal ausgedrückt hat, «Schreib- und Spazierehe». Man könnte auch sagen: eine Tauschhandelsgemeinschaft. Denn Mermet, geschiedene und alleinerziehende Mutter eines Sohnes, schickte Walser Käse, Anken, Speck, Wein, Süssigkeiten, Hemden; stopfte ihm Socken und besserte seine Anzüge aus. Im Gegenzug erhielt sie Walsers literarische Produktion, die Bücher wie die Zeitungsbelege; sie war so etwas wie sein Arbeitsarchiv.

Aber natürlich nicht nur das. Der Junggeselle projiziert auf Frieda erotische und masochistische Wünsche und Ängste, er nimmt sich Frivolitäten und Frechheiten heraus und sie im nächsten Satz wieder zurück. Er erbittet sich ein «getragenes Bubenhösli» des kleinen Louis (und erhält es auch). Er fantasiert über ihre Unterwäsche oder darüber, «das Heisse, das zwischen den lieben Zehlein ist, mit dem Mund aufzuküssen». Er möchte sich «in das Taschentuch verwandeln, womit Sie das Näschen putzen». Er nennt sie «Mama», «liebe gewaltige Frau», «erhabene Beherrscherin», stellt sich vor, ihre «Magd» zu sein und, wenn er unartig war, «Kläpfe» zu bekommen. In einem Brief schreibt er von «seinem höchsten, intimsten, aber leider unerfüllten Wunsch», nämlich zu erfahren, «wie eine Ohrfeige von Damenhand schmeckt».

Die fast kalligrafische, winzig kleine Schrift von Robert Walser. Bild: Robert-Walser-Archiv

Es ist sicher – neben den ganz anders gearteten Liebesbriefen Franz Kafkas – die seltsamste Liebeskorrespondenz eines deutschsprachigen Autors. Er hält sein Projektionsobjekt in einer glühenden Distanz, indem er es wie ein paradoxer Magnet zugleich anzieht und abstösst; nähergekommen als in diesen Briefen, dem Austausch von Viktualien und Abdrucken und auf Spaziergängen sind sich Walser und Frieda Mermet nie.

Ein ganz anderer Walser zeigt sich in der Korrespondenz mit Verlagen und Zeitungen. Hier tritt er als selbstbewusster Autor auf, der zwar die höfliche Pirouette beherrscht, wenn er etwas anbietet – «drei neue Gereiftheiten, Federentschlüpftheiten» –, aber beim Honorar hartnäckig bleibt und auf Ablehnung polemisch, ja böse reagieren kann.

Immer wieder leidet Walser bittere Geldnot

Er erweist sich als scharfsinniger Kritiker von Kollegen: «Der Lyriker Werfel scheiterte jedesmal, sobald er in Schwung kam, am baldigen Aufhören des turnerischen, tänzerischen, spielenden Schwunges und am Beginnen des Vielwissens, welches ihn lyrisch kaltstellte.» Er staucht den Herausgeber des «Neuen Merkur» zusammen, dessen ganzes Programm nichts tauge, verballhornt den NZZ-Feuilletonchef Eduard Korrodi zum«Krokodilüdeli» und den Literaturwissenschaftler Walter Muschg zum «Doktor Muschgatnuss». Den Verleger Zsolnay schilt er in einem einzigen Brief Romaneditorschurke, Verlegerschnuderbub, Fötzelcheib und Schafseckel.

Manchmal vergeht ihm die Lust an Spiel und Polemik, bricht die nackte Wut durch: «Wie stellen Sie sich die Existenz eines Dichters eigentlich vor?», herrscht er den Francke-Verlag an. Immer wieder leidet Walser bittere Geldnot, verzweifelt an der Möglichkeit, sich als Schriftsteller am Leben zu halten, und fürchtet, wieder in einem «Ämtchen», als Kontorschreiber also, unterschlüpfen zu müssen.

Er kannte seinen Wert

Denn Walser wusste genau, was seine Literatur wert war. Erfolgreich wollte er schon auch gern sein – und zugleich auch wieder nicht. «Ich bedaure, dass ich kein Publikum-Autor bin, und doch bedaure ich das wiederum in keiner Weise», schreibt er 1918 an den Redaktor Emil Wiedmer. «Was man so unter ‹Erfolg› versteht, halte ich für das furchtbarste Hindernis, zu wahrer Kultur zu gelangen. Der ‹Erfolg› ist ein absoluter Barbar, nämlich durchaus an sich.» Mit was für Gefühlen er wohl das Entstehen von zwei Gesamtausgaben mit insgesamt 80 Bänden begleiten würde, die jedes Fetzchen, das er einmal beschrieb, bewahren und vervielfältigen?

Robert Walser: Briefe. Hg. v. Peter Stocker u. Bernhard Echte. Berner Ausgabe, Bd. 1–3. Suhrkamp, Berlin 2018. 1523 S., ca. 93 Fr. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 18:45 Uhr

Stroemfeld-Insolvenz: Walser-Ausgabe geht weiter

Der Frankfurter Stroemfeld-Verlag, bekannt geworden durch Klassiker- und Faksimile-Editionen, hat im September Insolvenz angemeldet. Der Stroemfeld-Verlag Basel, von der Insolvenz nicht betroffen, setzt die gemeinsam mit dem Schwabe-Verlag Basel begonnene «Robert Walser Kritische Ausgabe (KWA)» fort. Faktisch werden künftig Herstellung, Satz, Druck und Vertrieb vom Schwabe-Verlag betreut. Der Editionsplan wird befolgt, 2019 werden drei Textbände und ein digitaler Supplement-Band erscheinen. Langfristig gesichert ist die Ausgabe allerdings nicht; die Förderung muss immer wieder neu beantragt werden. (ebl)

Kommentare

Blogs

Tingler Zeichen der Zukunft

History Reloaded Ländler statt Swing

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...