«Der Feierabend wurde getötet»

Wir müssen weniger kommunizieren – dringend. Das mahnt Digitalspezialist Markus Albers.

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Die neuen Tools in Unternehmen – Videoschaltungen, Chats, et cetera – würgten die Kreativität ab, sagen Sie. Zugleich wird unsere Welt von jenen Unternehmern revolutioniert, die diese Tools erfunden haben und exzessiv nutzen: den Nerds vom Silicon Valley.
Die grossen, alten Konzerne führen diese sogenannten «New Work Tools» gerade ein. Sie tun das mit besten Absichten. Mehr Kommunikation, so ihr Irrglaube, bedeute bessere Zusammenarbeit. Das Problem ist, dass die neuen Tools in einer konventionellen Arbeitsumgebung eingesetzt werden. Eine Umgebung, von der sich die Erfinder der Tools, die besagten Nerds, schon längst verabschiedet haben. Es wird erwartet, dass wir nachts um elf Uhr noch E-Mails checken – aber auch, dass wir am nächsten Morgen um neun wieder am Schreibtisch sitzen.

Wo liegt das Problem?
Die neuen Kommunikations-Tools werden zur herkömmlichen Kommunikation im Büro addiert. Wir brauchen heute nicht mehr, sondern weniger Kommunikation. Sonst müssen wir zwangsläufig bis tief in die Nacht Mails checken und unbeantwortete Chat-Mitteilungen abarbeiten. Das hat üble Folgen.

Welche?
Das Smartphone gibt den Rhythmus vor, hat etwa den klassischen Feierabend getötet. Letztes Jahr hat erstmals eine Mehrheit der Deutschen gesagt, dass sie ganz oder teilweise mobil arbeiten würden. Zugleich klagen mittlerweile über 50 Prozent der Deutschen über Schlafprobleme. 15 Prozent haben sogar jede Nacht Schlafprobleme. Die Zahl der psychischen Erkrankungen nimmt zu. Laut Krankenkassen ist der Zusammenhang eindeutig.

Werden wir konkret: Sollte man sein Handy nie, wirklich nie mit ins Schlafzimmer nehmen?
Ich schalte das Handy spätestens um 22 Uhr aus. Ich weiss aus Erfahrung, wie das sonst läuft. Ein letzter Blick aufs Gerät, ein letztes Mail checken – und da ist sie auch schon, die unbefriedigende, unerfreuliche Mail, die einen den Schlaf kostet.

Stimmt die Theorie vom Smartphone-Blaulicht, das den Schlaf zerstört?
Sie stimmt. Gewisse Handys haben ja mittlerweile einen Nachtmodus mit sanftem, sogenannt gelbem Licht. Das Silicon Valley hat da schnell reagiert. Aber das löst nicht unser eigentliches Problem, die schädlichen Gewohnheiten der Nutzer. Wir haben die Technik, aber noch nicht die Kulturtechnik dazu.

Sollte man nicht einfach etwas härter mit sich selbst sein? Sich den Blick in die Mailbox und aufs Handy halt mal für ein, zwei Stunden verkneifen?
So einfach ist es natürlich nicht. Die Psychologen kennen das Phänomen der «intermittierenden Verstärkung»: Wir haben einen Reiz, wissen aber nicht, ob er ein positives oder ein negatives Gefühl bei uns auslösen wird. Diese Ungewissheit verstärkt den Reiz interessanterweise noch – unser Bedürfnis, ihm nachzugeben. Ich muss mir die Mail des Chefs, die eben eingegangen ist, einfach anschauen, kann gar nicht anders. Es ist eine Sucht, sagen die Experten.

Welche Lösungen schlagen Sie vor?
Es gibt ja diesen patriarchalen Ansatz, den gewisse Unternehmen derzeit verfolgen. Volkswagen deaktiviert am Abend rabiat die Mailserver. Bei Daimler werden die Mails, die während der Ferien ankommen, automatisch in den Papierkorb verschoben. Ich tendiere eher zu Absprachen in Teams oder auch Familien. Dass man etwa vereinbart, dass Mails am Wochenende okay sind, man aber keine Beantwortung erwarten darf. Auch bin ich sehr zufrieden mit meinem Dumbphone, das ich an den Wochenenden nutze. Ein Gerät also, das sich auf die Funktionen SMS und Anrufe beschränkt.

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Wie sehr gibt das Smartphone Ihnen den Rhythmus vor?






Wie problematisch ist mobiles Gamen?
Das Private und das Berufliche sind aufs Engste verflochten. Nur einen Fingerbreit neben der Game-App befindet sich ja die Mail- oder die Facebook-App. Das ist die Verlockung gewaltig, kurz vorbeizuschauen.

Es gibt dieses herrliche digitale Wegdriften, wenn man sich auf Youtube von einem Video zum nächsten klickt. Das darf man sich schon mal gönnen, nicht?
Dieser Flow-Zustand wird von vielen als beglückend empfunden. Ich sehe das kritisch. Wie oft fragt man sich nach diesem Rumsurfen: Was habe ich da eigentlich gemacht? Wo ist die Zeit geblieben? Und was habe ich dabei gelernt, erarbeitet, geschafft? Die Welt ist heute gespalten in Manager und Makers. Paul Graham hat die Unterscheidung eingeführt zwischen dem kurzatmigen, von Meetings und Unterbrechungen gekennzeichneten «Manager-Modus» und dem «Maker-Modus». Letzterer erlaubt lange, nicht unterbrochene Phasen der Konzentration auf eine Aufgabe. Leider arbeiten wir heute fast alle im Manager-Modus, und das ist ein wachsendes Problem.

Müssen wir uns um unsere Kinder sorgen, die mit zwei Jahren erstmals aufs Tablet tapsen und danach dauernd online sind?
In dieser Hinsicht bin ich optimistisch. Wenn meine Tochter und ihre Freundinnen von «Smombies», also Smartphone-Zombies, reden, meinen sie ja explizit uns Erwachsene, die ihr Nutzungsverhalten offensichtlich nicht unter Kontrolle haben. Die Jugendlichen, so scheint mir, pflegen einen entspannteren Umgang und wissen zugleich durchaus um die Gefahren. In Grossbritannien gibt es etwa dieses Trinkspiel namens «Stacking», bei dem die Jugendlichen alle Handys auf einen Haufen legen, sie surren und klingeln lassen. Wer dann doch zum Handy greift, muss eine Runde zahlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2017, 21:59 Uhr

Markus Albers ist Unternehmensberater und Autor mehrerer Bücher. (Bild: Tobias Kruse)

Markus Albers: Digitale Erschöpfung. Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen. 288 Seiten, zirka 35 Franken.

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