Der junge Mann und das Meer

Bergsveinn Birgissons wunderbarer Roman «Die Landschaft hat immer recht».

Eine archaische Gemeinschaft. Fischerflotte in den Westfjorden in Island.

Eine archaische Gemeinschaft. Fischerflotte in den Westfjorden in Island. Bild: Keystone

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Sollte Island im Sommer Fussball-Weltmeister werden, wird das nur einen Ort auf der Welt nicht erschüttern. Das ist das Fischer-Wohnheim im Geirmundarfjord. Hier, am entlegensten Küstenstreifen im Nordwesten einer ohnehin entlegenen Insel, fällt das Fernsehen bei Sturm immer wieder aus, oder es gibt gar keinen Strom. Wenn es aber nicht stürmt, fahren alle Kutter raus, dann starren alle Mann auf ihre Leinen und gewiss auf keine Torlinie.

Die bedeutendste Errungenschaft, die das Leben der Leute im Geirmundarfjord umgekrempelt hat, war ein gleissend weisses Gefäss, auf dem das Sonnenlicht tanzte, als es vom Postschiff gelöscht wurde. Der Dorfkaufmann erklärte, dass er dort hineinscheissen würde. Die Fischer staunten. Sonst erreicht selten etwas dieses von Nebel, Schnee und Brandung gezeichnete Ende der Welt, das der isländische Dichter Bergsveinn Birgisson eigens für sein Romandebüt erfunden hat. Hier gilt, was der alte Jón gesagt hat, den eine Lähmung aufs Krankenlager fesselt und dem doch der Himmel und die Hügel gehören, mit jedem Blick durch sein Fenster. Jón sagt: «Die Landschaft hat immer recht.» Es könnte keinen treffenderen Titel für dieses Buch geben.

Hauptfigur ist der junge Fischer Halldór. Seinem Tagebuch folgt die Erzählung. Er kennt sich aus mit Heilbutt und Seehase, mit Küstenseeschwalbe und Nerz. Er kennt sich aus mit Bensi und Ebbi, den Zwillingen, die nie einer Meinung sind, aber füreinander durch die Eishölle gehen würden. Er kennt sich aus mit dem Pfarrer, der einen Blaumann hat und ölverschmierte Hände und die Augenringe eines Schlaflosen, und der immer so hitzig und unbarmherzig von der Kanzel predigt, dass man mithin hoffnungsloser aus der Messe hinausgeht als hinein.

Nur Robben finden ein Weibchen

Halldór kennt sich auch mit Wolken aus. Manchmal sehen sie aus wie alte Männer, «die unterwürfig über die Bergspitzen in den Fjord hineinlugten und leise flüstern», manchmal «wie dicke nackte Frauen, die lachend auf ihren Bäuchen spielen». Womit Halldór sich kein bisschen auskennt, sind Frauen. Im Geirmundarfjord finden allerdings auch nur Robben ein Weibchen. Keine 30 ist der Kerl und verkriecht sich freiwillig in einem Landstrich, wo angetrockneter Fisch mit Seehundspeck eine Delikatesse ist, und in dem es nur Rand gibt, aber keine Mitte. Sogar die Freiheit einer archaischen Berufsausübung ist trügerisch, die Fischer werden mit Fangquoten reglementiert. Alte Hasen wie Gusi würden sagen: Sie werden von Behörden gegängelt. Gusi wird den Sperrtag missachten, verpfiffen, von der Küstenwache aufgebracht und als fliegender Holländer im ewigen Nordmeernebel verschwinden.

Was Halldór seinerseits vom Verschwinden abhält, warum er nicht wie viele vor ihm in die Stadt abwandert, nach Reykjavik, dorthin, wo es Bars gibt und Mädchen, das schält sich erst allmählich aus seinen Schilderungen heraus. Sicher ist: Die Menschen, die sich in die Bucht verirren, machen entweder auf der Stelle kehrt oder sie haben allen Grund zu bleiben. So wie der «Philosophiemann». Eines Tages taucht er am Pier auf und schlägt gleich den Pfarrer in die Flucht. «Gusi fragte den Philosophiemann in aller Ruhe, warum man eigentlich Philosophie studieren solle. Der Philosophiemann starrte eine Weile konzentriert vor sich hin, so als feile er an einer guten Antwort, aber sagte dann: Ich weiss nicht, wie es anderen geht, aber ich studiere Philosophie, damit ich die Welt besser verstehe. Es war dann so, dass manche zu den Bergen aufblickten und sahen, dass bei dem warmen Wetter viel Eis in den Rinnen geschmolzen war, und andere auf den Fjord hinausspähten und sahen, wie die Wellen an der Schäre anbrandeten und daher kein Wetter zum Fischen war, und dann blickten Ebbi und Bensi einander an, dann den Philosophiemann, und einer von beiden sagte: Was ist es, mein Freund, das du nicht verstehst?»

Nicht dieses neumodische Zeugs

Dazu muss man wissen, dass der Philosophie-Doktorand, den der Autor hier an der schlichten Frage eines Fischers auflaufen lässt, durchaus der Autor selbst sein könnte. Bergsveinn Birgisson lehrt und forscht an der Universität Bergen in Norwegen, sein Steckenpferd ist die Dichtung des skandinavischen Mittelalters, nicht eben neumodisches Zeugs. Mit 13 schrieb er erste Gedichte, mit 16 stand er bei den Fischern in den Westfjorden an der Reling, mit 32 veröffentlichte er diesen Roman auf Isländisch. Er musste 47 werden und ein in Skandinavien preisgekrönter Dichter, bis eine (sehr gelungene) deutsche Übersetzung für seinen Erstling vorlag.

Dass es so weit kam, daran dürfte der Hype um Karl Ove Knausgård nicht ganz unschuldig sein. Knausgård ist Birgissons norwegischer Verleger. Er kannte «Die Landschaft hat immer recht», bevor er den ersten Band seines autobiografischen Bestsellerzyklus verfasst hat. In der Detailliebe, im siebten Sinn für das Aussergewöhnliche im Unspektakulären, in ihrer absolut entschleunigten Stilkunst stehen sich diese beiden Autoren in nichts nach. Nur dass Bergsveinn Birgisson der ungleich ökonomischere Erzähler ist. Halldórs Tagebuchkapitel umfassen mithin wenige Seiten. Kein Wunder, er schreibt nur, solange das Wetter es zulässt. Bei Nordoststurm. Bei einer Windfront aus Westen. Oder bei steifer Brise aus Südwest.

Lücken im Tagebuch

Und dann gibt es noch diese unheimlich aufschlussreichen Lücken im Tagebuch. Sie werden aufgefüllt von Sigursteinn Benónysson, den der Autor als Bezirksvorsteher vorstellt. Er gibt Halldórs Tagebuch mit dem Interesse des Hobbylokalhistorikers heraus. Er fügt die Abschiedspredigt des Pfarrers ein, der Island als Kultur geisselt, die einen «barbarischen und ungehobelten Individualismus anbetet». Dann verliert der Pfarrer den Verstand.

Sigursteinn springt auch als Berichterstatter ein, als Halldór schamhaft übergeht, wie es ihm auf der Dorfparty mit der Haushälterin Brynja aus Reykjavik ergeht, die sich wunderlicher Weise auf das Stelleninserat der Fischer im Wohnheim gemeldet hat. Brynjas «Busen war so geschürzt, dass er förmlich in die Luft zeigte», notiert Sigursteinn lüstern entrüstet. Dieser Anblick bekommt Halldór gar nicht gut.

Es wird eine zweite Haushälterin kommen. Arnheiður. Mit ihr eine zweite Chance. «Ich war hungrig nach ihrer Haut. Höchstwahrscheinlich sind alle Engel einfach nur fett und lockig neben ihr.» Doch für Halldór bleibt die Liebe ein gefährlicher Grenzgang. Das ist mehr als Schüchternheit, was ihn blockiert. Es ist «ein altes, verknotetes Dilemma», ein Albtraum in seiner Brust. Irgendwo auf dieser Insel lauern Wiedergänger, wie ein böses altes Ehepaar, deren Gelächter ihn hindern will, «die einzige Blume in diesem Fjord» zu pflücken. Bleibt die Frage, wie Halldór herausfindet aus diesem Nebelmeer in seinem Kopf. Und warum er sein Manuskript, diesen dunklen Edelstein von einem Tagebuch, nicht selbst vermarktet.

Bergsveinn Birgisson: «Die Landschaft hat immer recht», Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2018. 264 S., ca. Fr. 32.– (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.06.2018, 12:12 Uhr

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