Der Liebesfuzzi

Der Schweizer Schriftsteller Thomas Meyer empfiehlt: «Trennt Euch!».

«Ich lebe nicht, um Mühsames auszusitzen». Thomas Meyer glaubt, dass sein Sohn «sehr entspannt» mit der Trennung der Eltern umgehen wird.

«Ich lebe nicht, um Mühsames auszusitzen». Thomas Meyer glaubt, dass sein Sohn «sehr entspannt» mit der Trennung der Eltern umgehen wird. Bild: Keystone

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Unsere Epoche wird zunehmend als «Ära der Beliebigkeit» bezeichnet. Davor machen Familie, Ehe, Liebe und Scheidung keine Ausnahme. Ein treffliches Beispiel ist eine der letzten Ausgaben des Migros-Magazins. Auf dem Cover prangt ein einigermassen dünnes Bürschlein in einem zu engen braunen Cord-Anzug – die eine Hand in der Hosentasche, die andere mit zerbrochenen Rosen bestückt. Soll wohl lässig und lustig rüberkommen, wirkt aber eher aufgesetzt und verklemmt. Dazu der Text: «Beziehungsprobleme: Autor Thomas Meyer rät: Trennt Euch, wenn es nicht mehr rosig läuft».

Thomas Meyer? Bei Wikipedia finden sich einige wenige Fakten: Meyer wurde in Zürich geboren, studierte mal kurzzeitig Jura, brach das ab, wurde Werbetexter, brach das ab, wurde Reporter, offenbar auch nicht lange, und veröffentlichte 2012 den Debütroman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» beim Salis-Verlag. Für das Werk hat Thomas Meyer 2013 den Anerkennungspreis des Zolliker Kunstpreises gewonnen.

Platter Hedonismus

Hinzufügen lässt sich das nicht ganz unwichtige «Detail», dass Meyer sich von seiner Lebensgefährtin getrennt hat, als der gemeinsame Sohn gerade mal vier Monate alt war. Nun hat sich Meyer wohl dem Sachbuch zugewandt. Jedenfalls hat er eine Art Trennungsratgeber veröffentlicht, ebenfalls im Salis-Verlag und mit der schon erwähnten suggestiven Aufforderung: «Trennt Euch!». Zur weiteren Erklärung: «Ein Essay über inkompatible Beziehungen und ihr wohlverdientes Ende.»

Prägnant verkürzt lässt sich der Inhalt dieses Buches auf der Website von Meyer lesen: «Trennt Euch! Erstens: Es passt, oder es passt nicht. Zweitens: Meistens passt es nicht. Drittens: Wenn es nicht passt, wird es nie passen. Viertens: Wenn es nicht passt, leiden Sie. Fünftens: Wenn Sie leiden, müssen Sie gehen. Sechstens: Das Leben ist sehr kurz.» Zu diesem platten Hedonismus passt denn auch der Titel des Migros-Magazin-Interviews mit Meyer: «Ich lebe nicht, um Mühsames auszusitzen».

Wenn das Meyers Lebensphilosophie ist, nun denn. Es ist ja seine Lebensphilosophie, und die darf, weil es eben bloss die seine ist, so verkürzt und armselig wie dümmlich sein. Problematisch wird es, wenn individualistischer Unfug als allgemein gültiges Rezept unters Volk gebracht werden soll. Da bedarf es dann schon der Korrektur: Es gibt aus der langen Menschheitsgeschichte und aus dem, was in dieser Zeit in Psychologie, Philosophie oder Religionswissenschaft formuliert worden ist, einige unverrückbare Erfahrungsgrundsätze.

Zum Beispiel, dass der Mensch mit seinen Schwierigkeiten und Problemen wächst. Und zwar so, dass er sich ihnen stellt, statt feige auszubüchsen. Ernest Hemingway ist noch weiter gegangen und hat formuliert: «Die Welt bricht jeden, und viele sind hinterher stark an den gebrochenen Stellen.» Carl Gustav Jung schrieb, dass wir traumatische Erfahrungen erleben, damit wir unsere Seele kennenlernen und unserem Leben einen Sinn geben. Auch hier: nicht Flucht, sondern Aushalten, Lernen, sich Weiterentwickeln.

Eine einfache Alternative

Anders Meyer: «Ich realisierte während unserer gemeinsamen Zeit, dass wir zu unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung haben.» Nun gut; damit liesse sich aber durchaus auch leben und lieben. Und vor allem: Daran kann konstruktiv gearbeitet werden, sollte es denn wirklich ein Störfaktor sein. Die amerikanischen Paar-Therapeuten Samuel Shem und Janet Surrey haben dazu ein differenziertes Beziehungsmodell entworfen. Im Zentrum ihrer Theorie findet sich die Überzeugung, dass die Verbundenheit mit anderen Menschen der Dreh- und Angelpunkt einer gesunden psychischen Entwicklung ist und nicht die Autonomie des Einzelnen. «Ein selbstgenügsames, unabhängiges, emotional kontrolliertes und klar abgegrenztes Selbst kann sich (…) als das grösste Hindernis für eine reife, gegenseitige Beziehung erweisen.»

Stattdessen sollten Frau und Mann versuchen, eine Gegenseitigkeit zu initiieren, die sich als kreativen Prozess versteht. Voraussetzung ist die Offenheit der Partner gegenüber Veränderungen. Dadurch kann etwas qualitativ Neues entstehen, das aus den unterschiedlichen Fähigkeiten und Beiträgen der einzelnen Personen sukzessive erwächst.

Shem und Surrey konzipieren vier Schritte zum Ziel der Verbundenheit: Aufbau der «Wir»-Bewusstheit; Aufbau der Bewusstheit für «Mann» (Männlichkeit) und «Frau» (Weiblichkeit); das Erlernen einer «Verbundenheits-» und «Unverbundenheitssprache» und damit verbunden das Wissen darüber, wann wer in welchem Zustand der Verbundenheit oder Unverbundenheit ist; Pflege und Ermächtigung des «Wir» und die dazugehörigen Methoden, dieses «Wir»-Sein zu stabilisieren.

«Wir haben eine einfache Alternative entdeckt: Um aus einer Sackgasse herauszukommen, muss man gemeinsam Lösungen entwickeln und die Verbundenheit zwischen Frauen und Männern zum vorrangigen Ziel machen. Wenn beide die Erfahrungen des jeweils anderen allmählich erkennen und sich dann bewegen lassen, beginnt die Erweiterung zum wechselseitigen Wir.»

Offenbar wirken solche Hinweise allmählich. Statistik Basel meldet einen signifikanten Rückgang der Scheidungen für die Stadt, nachdem 2010 ein Rekordjahr gewesen ist. Dieser Trend wird auch schweizweit bestätigt. Sogar in Scheidungshochburgen wie Berlin – so eine Meldung aus dieser Woche – sind Trennungen markant weniger geworden.

Seinem Sohn hat Meyer die Trennung erklärt. Und ganz locker seine Schussfolgerung: «Ich glaube, er wird sehr entspannt mit dem Thema umgehen können.» Glaubt Meyer. Schön, dass er das glaubt, und noch schöner für ihn, dass ihm dieser Glaube offenbar ein gutes Gewissen macht. Nur – auch hier einmal mehr – gibt es einige wissenschaftliche Fakten. Zum Beispiel, dass Buben aus geschiedenen Beziehungen im Gegensatz zu ihren Altersgefährten aus intakten Familien «mehr Risikoverhalten, mehr psychosomatische Probleme, mehr psychische Auffälligkeiten und weniger verfügbare Schutzfaktoren aufweisen als Kinder aus Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern».

Konkret heisst das: sehr viel häufiger Übergewicht, doppelt so hohe Raucherquoten, dreimal so häufig Schlafstörungen, doppelt so häufig emotionale Einbussen, soziale Probleme mit Gleichaltrigen und Hyperaktivitätsprobleme. Jungen, die ohne Vater aufwachsen, haben auch später noch ein erhöhtes Depressionsrisiko; die zweithäufigste Todesursache solcher Jungen ist der Suizid.

Auch emanzipierte Mütter können für Buben nach der Scheidung nicht den Erziehungsbeitrag des Vaters kompensieren. «Väter sind unersetzbar bei der Rollenfindung des Jungen», notiert Matthias Franz, Entwicklungspsychologe und Sozialmediziner. Nur der Vater kann dem Sohn «bei der sexuellen Identifikation den Weg weisen – wenn das die Mütter versuchen, bekommen die Jungen Angst». Der Vater zeige dem Jungen auch männliche Wege der Lebensbewältigung auf und helfe ihm bei der notwendigen Loslösung von der Mutter.

Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet ein Familienmagazin, wie es ja das Migros-Magazin ist, die unreifen Thesen von Meyer propagiert.

Die Familie ist nach wie vor die Grundlage unserer Gesellschaft. In ihr lernen wir jenes soziale Verhalten, das die Gesamtgesellschaft am Leben erhält. Wenn das erodiert, entsteht – wie die Soziologie seit Jahrhunderten lehrt – Anomie. Und Anomie heisst: gesellschaftlicher Zerfall. Vielleicht sollte Chefredaktor Schneeberger mal wieder Gottfried Keller lesen – und sei es nur das kurze «Fähnlein der sieben Aufrechten».

In der letzten Zeit sind Gedanken des englischen Psychologen John Bowlby wieder aktuell geworden, der in seiner Bindungstheorie immer wieder das Miteinander der Geschlechter betont hat. Folgt man Bowlby, so sind Zufriedenheit im Leben, Selbstsicherheit, Beziehungsfähigkeit und Selbstvertrauen abhängig von einem zuverlässigen familiären Hintergrund. «Die selbstsicheren Menschen sind in intakten Familien aufgewachsen, mit Eltern, die ihnen offenbar immer die nötige Unterstützung und Ermutigung haben zukommen lassen. Die Familie ist für sie Teil eines stabilen sozialen Netzwerks.»

Zu differenziert für Flachdenker

Ausgangspunkt von Bowlbys Arbeit ist die Überzeugung, dass die mütterliche Fürsorge, die ein Kind in den ersten Lebensjahren empfängt, für seine spätere psychische Entwicklung und Gesundheit lebenswichtig ist. Erhält ein Kind diese Zuwendung nicht in ausreichendem Masse, ergeben sich Deprivationssymptome.

Solche Überlegungen sind aber wohl zu differenziert für hedonistische Flachdenker. Meyer im O-Ton: «Mein Bedürfnis war ein Leben in Freude und Frieden, und dieses Bedürfnis ist höher zu gewichten als die sogenannt intakte Familie.» Das wohl Einzige, was man Meyer bei solchen hedonistischen Plattitüden zugutehalten kann, ist, dass es noch sehr viel schrägere Vögel gibt als ihn. Etwa den deutsch-amerikanischen Milliardär Nicolas Berggruen.

Vor einigen Jahren kaufte er Karstadt, entliess Tausende Mitarbeiter und verramschte dann den Konzern gewinnbringend. Jetzt hat er sich er zwei Babys gekauft. Leihmütter brachten in Kalifornien seine Kinder Alexander und Olympia zur Welt. Berggruen im O-Ton: «Es ist ein Wunder, dass ich jetzt zwei genetische Abbilder von mir habe, ohne dass ich dafür eine Partnerin brauche.» Deren Aufgabe übernähmen bei ihm Kindermädchen und Hauspersonal. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.07.2017, 23:07 Uhr

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