Ein Streiter gegen die Eliten

Zum Tod des amerikanischen Erfolgsautors Tom Wolfe.

Wohlhabender Bonvivant im weissen Anzug. Tom Wolfe auf einem Foto von 2016. Ein typischer Wasp: White Anglo-Saxon Protestant.

Wohlhabender Bonvivant im weissen Anzug. Tom Wolfe auf einem Foto von 2016. Ein typischer Wasp: White Anglo-Saxon Protestant. Bild: Keystone

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Der Journalismus beschreibt die Wirklichkeit, die Literatur erfindet Wirklichkeit – für diese schulbuchmässig simple Auslegeordnung hatte der Schriftsteller Tom Wolfe nur ein müdes Lächeln übrig. Er, der Anfang März 1931 in Richmond im amerikanischen Bundesstaat Virginia geboren wurde, ist als Protagonist des «New Journalism» berühmt geworden. Eines literarischen Genres also, das vom Journalismus die Genauigkeit der Beschreibung und von der Literatur die geistige Freiheit erbte.

Wolfe hat mit diesem Verfahren weit mehr Leser gefunden und mehr Geld verdient als die meisten seiner schreibenden Zeitgenossen. John Updike vielleicht ausgenommen, mit dem er – für europäische Leser kaum nachvollziehbar – eine erbitterte literarische Fehde ausfocht.

Begonnen hat Wolfe, nach einer wenig erfolgreichen, halbprofessionellen Sportlerkarriere als Baseballspieler, mit Zeitungsartikeln und Reportagen. Sein Interesse galt den Lebensformen der Armen und der Hippies, der Popmusiker und Autofreaks. Der sperrige Titel seines ersten Reportagenbandes, «Das bonbonfarbene tangerinrot gespritzte Stromlinienbaby», lässt kaum erahnen, dass Wolfe damit 1965 der literarische Durchbruch gelang.

Mit diesem Buch war der «New Journalism» geboren. Im Essayband «Radical Chic und Mau Mau bei der Wohlfahrtsbehörde» nahm Wolfe die Neigung wohlhabender Weisser aufs Korn, sich unverbindlich für radikale Bewegungen wie die «Black Panthers» zu engagieren. Wolfe knüpfte damit thematisch an seine Disseration an, die sich mit kommunistischen Tendenzen unter den amerikanischen Schriftstellern beschäftigt hatte.

Demontage eines Menschen

Seit seinem ersten Roman «Fegefeuer der Eitelkeiten» (1987) galt Wolfe, der auch zeichnete, als Chronist New Yorks und als Kritiker der «Political Correctness». In diesem in viele Sprachen übersetzten Buch beschreibt er die Hexenjagd, die ein New Yorker Börsenmakler erdulden muss, nachdem er mit seinem Sportwagen unabsichtlich einen jungen Schwarzen überfahren hat.

Im Epilog des über 900 Seiten starken Romans erfindet Wolfe einen Zeitungsbericht, in dem der Angeklagte so zitiert wird: «Ich bin ein Berufsangeklagter. Ich habe ein Jahr juristischer Schikanen hinter mir, und ich werde noch eins hinter mich bringen (…).»

Schwimmen gegen den Strom

Schon diese thematische Anlage lässt erahnen, dass Wolfe kein Freund linksliberaler Staatsvergottung war. Er scheute nicht das Image eines Rechtsintellektuellen und trat in Wahlkämpfen für die Republikaner George W. Bush oder unlängst für Donald Trump ein.

Ob das Schwimmen gegen den Strom für ihn ein Selbstzweck war, oder ob er wirklich von der politischen Rechten überzeugt war, ist offen. Aber es beschäftigte ihn sein Leben lang, weshalb Journalisten und Intellektuelle meist nach links tendieren.

In seinem letzten grossen Roman «Back to Blood» von 2012 – auch in der deutschen Übersetzung heisst das Buch so – nimmt er die linke Gesinnung der meisten Journalisten mit einer kräftigen Prise Sarkasmus aufs Korn. «Ideologie? Wirtschaftspolitik? Soziale Gerechtigkeit? Das sind nur Deckmäntelchen. Ihre politische Orientierung war ihnen mit sechs auf dem Schulhof vorbestimmt. Sie waren die Schwachen, und bis in alle Ewigkeit hegten sie einen Groll gegen die Starken. Deshalb sind so viele Journalisten Linke!»

Inspiration ohne Handwerk

Ein anderes Steckenpferd des Zeitgeistkritikers Tom Wolfe war die zeitgenössische bildende Kunst und Architektur. Kein anderer amerikanischer Schriftsteller hat so vernichtend über die Bauhaus-Architektur und ihre Ableger in den USA geschrieben wie er. Im Roman «Back to Blood», der in Miami und Umgebung spielt, gibt es eine bittere Satire über die an der Art Miami Basel gezeigte Kunst, die für Tom Wolfe grösstenteils unter das Stichwort «Inspiration ohne Handwerk» fällt.

Offenbar hat Wolfe auch in Basel recherchiert (oder er tut so, als ob). Die Art Basel wird in jeder Hinsicht abserviert. Einmal kulinarisch. «Der Fisch schmeckt, als wäre er auf dem Rücksitz eines Honda geliefert worden, und dann der Preis –». Die historischen Hotels: «Die könnte man eine Woche lang Tag und Nacht schrubben, die würden immer noch so grau aussehen wie deine alte bettlägerige Oma mit Mundgeruch.» Schliesslich die Kunst, die angeblich nur dazu da ist, «Hedgefonds-Managern und anderen Betuchten zweistellige Millionenbeträge aus der Tasche zu ziehen».

Tom Wolfe scheint nicht unter seinem Sarkasmus gelitten zu haben. Er stilisierte sich – gern im weissen oder cremefarbenen Anzug mit Krawatte – als wohlhabender Bonvivant und lebte vom Erfolg seiner kiloschweren Büchern glänzend. Ein «Wasp», ein «White Anglo-Saxon Protestant», wie er ihn in seinen Büchern so brillant beschrieb.

Am Montag ist Tom Wolfe im 88. Lebensjahr in Manhattan gestorben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 10:15 Uhr

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