Achtung, Gedichtpolizei

Studierende einer Berliner Hochschule halten ein Gedicht an der Institutsfassade für sexistisch. Die Zeilen des Schweizer Schriftstellers Eugen Gomringer sollen deshalb entfernt werden.

Seit 2011 auf der Mauer: Das Gedicht von Eugen Gomringer.
 (Bild: ASH Berlin)

Seit 2011 auf der Mauer: Das Gedicht von Eugen Gomringer. (Bild: ASH Berlin)

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In schwarzer Farbe auf weissem Grund prangen die Zeilen an der Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Zwanzig Wörter, ein Gedicht – und seit neustem eine Sexismusdebatte. «Avenidas» heisst das Gedicht, und es stammt vom bolivianisch-schweizerischen Schriftsteller Eugen Gomringer. Gomringer gilt als Begründer der Konkreten Poesie; das spanische Gedicht schrieb er 1951. Auf Deutsch geht es so:

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer

Seit 2011 ist es an der Fassade in Berlin zu lesen. Gomringer hatte in diesem Jahr den Alice-Salomon-Poetik-Preis gewonnen. Als Dankeschön und gegen eine Gebühr hatte er «Avenidas» der Hochschule zur Verfügung gestellt.

Nun soll das Gedicht übermalt werden. Dies forderte der Allgemeine Studentenausschuss (Asta) in einem Schreiben vom April 2016. Das Gedicht reproduziere eine klassische patriarchale Kunsttradition: Die Frauen seien ausschliesslich schöne Musen, die den männlichen Künstler zu kreativen Taten inspirierten. Zudem erinnerten die Zeilen «unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind». Der Akademische Senat der Hochschule hiess den Antrag zur Fassaden-Neugestaltung gut, Rektor Uwe Bettig war dagegen. Und seit die Sache publik worden ist, diskutiert Deutschland irgendwo zwischen Literaturanalyse und Sexismus.

«Gedichtepolizei spielen»
Eugen Gomringer, mittlerweile 92-jährig, hat sich bisher nicht zu seinem Gedicht geäussert. Stattdessen nahm seine Tochter, die Dichterin Nora-Eugenie Gomringer, in einem Video auf Facebook Stellung. «Ich habe anderes zu tun, als Gedichtepolizei zu spielen», sagt sie zu Beginn ihrer Botschaft – sichtlich genervt. Und setzt dann zur Gedichtanalyse an: «Beim ‹Bewunderer› handelt es sich keineswegs um einen Macho, vor dem die Frauen paradieren und dessen Urteil sie fürchten müssen.» Vielmehr zeige doch das «und», dass er Teil der Aufzählung sei, nicht ihr Beherrscher. «Der Text verweist darauf, dass wir verbunden sind in der Welt, wir alle miteinander.»

Im «Deutschlandfunk Kultur» wiederum äusserte sich die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken zum Thema. Sie könne nichts mit den Sexismusvorwürfen anfangen. «Ich finde das ein sehr bewundernswürdiges Gedicht, das die Schönheit der Welt einfach in fünf Wörtern erblühen lässt.» Dennoch sei es bezeichnend, dass in den Zeilen eine Aufforderung zu sexueller Übergriffigkeit gesehen werden könne. «Es scheint ein Symptom zu sein für die Welt, in der wir leben, in der die Frauen nicht mehr bewundert, sondern angemacht, überwältigt und verbraucht werden.» Dem Gedicht oder seinem Autor könne man dies jedoch nicht anlasten.

Übermalen ist vielleicht nicht die Lösung

Andernorts wurde die Diskussion erwartungsgemäss gehässiger geführt. Von Überempfindlichkeiten war in den sozialen Medien bald die Rede, von der grassierenden Political Correctness. Zeitungskommentatoren sprachen von der «Zensur eines Liebesgedichtes» oder davon, dass die Kunstfreiheit für einen fragwürdigen Schulfrieden geopfert werde. Christoph Hein, Ehrenpräsident der deutschen Schriftstellervereinigung PEN, nannte das Ganze gar einen «barbarischen Schwachsinn».

Die «Spiegel»-Kolumnistin Margarete Stokowski schliesslich versuchte die Debatte von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Wer mit Schönheit der Literatur und Subjektivität der Auslegung argumentiere, so Stokowski, blende aus, dass an der Kritik des Allgemeine Studentenausschusses etwas dran sein könnte. Im Astra-Schreiben gehe es nämlich nicht um einen konkreten ekligen Typen in einem Gedicht, sondern um eine Kultur, welche die Frauen eher zu Objekten mache als Männer.

Gleichzeitig wirft die Kolumnistin aber ein, dass die Abschaffung des Gedichts auch nicht unbedingt die Lösung des Problems sei. Tatsächlich ist derzeit noch unklar, was wirklich mit «Avenidas» geschehen wird. Bis Mitte Oktober nimmt die Alice-Salomon-Hochschule Vorschläge entgegen, wie man die Fassade neu gestalten könnte. Übermalen ist eine Option. Die Ergänzung des Gedichts eine andere – vielleicht die schlauere. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2017, 14:34 Uhr

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