Heraus aus dem Schweigekloster!

«Fremdgehen» mit Michèle Binswanger und «Future Love» mit Matthias Horx.

Das ist die Härte: Einerseits das romantische Liebesideal ewiger Treue und andererseits ein Überangebot an sexuellen Möglichkeiten.

Das ist die Härte: Einerseits das romantische Liebesideal ewiger Treue und andererseits ein Überangebot an sexuellen Möglichkeiten. Bild: Daniel Desborough

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Die Paarung ist kein Zuckerschlecken. In einer US-Studie sagten 100 Prozent der älteren Paare: Ihre lange Ehe sei das Beste, was ihnen in ihrem Leben passieren konnte. Super. Allerdings sagten die gleichen Paare ebenfalls zu 100 Prozent: Verheiratet sein sei hart oder sogar «sehr hart».

Einerseits das romantische Liebesideal ewiger Treue und andererseits ein Überangebot an sexuellen Möglichkeiten: Das ist die Härte. Das macht dem stärksten Mann zu schaffen. Und auch der stärksten Frau.

Die Journalistin Michèle Binswanger (Tages-Anzeiger) zeigt in ihrem Buch «Fremdgehen»: Es gibt einen speziell weiblichen Sexualtrieb und prominente Ehebrecherinnen, aber in unserem Alltag ist der Seitensprung gar nicht so einfach zu bewerkstelligen.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx zeigt in seinem Buch «Future Love»: Es gibt diverse neue Lebensmodelle und Liebesarten, aber die Sehnsucht nach Familie und Stabilität ist «der grösste Retro-Trend der Gegenwart».

Binswangers Buch handelt von einer altbekannten Tatsache, der Frau als sexuellem Wesen. Horx zeigt neue gesellschaftliche Trends. Binswanger gibt Fallbeispiele und praktische Tipps für den Seitensprung, und wer gute Frauenzeitschriften mag, liegt bei ihr goldrichtig. Wer mehr als nur liegen will, greife zu Horx. Er listet die Fallen auf, in die Paare tappen, und er gibt Anhaltspunkte, wie man Beziehungen glücklicher gestalten kann. Vor allem erfährt man viel über das Liebesleben im 21. Jahrhundert.

Zwanghafte Optimierung

Beide Autoren berufen sich auf Ergebnisse der Evolutionsforschung, Biologie, Neurologie und Anthropologie (Helen Fisher). Nur dass man bei Michèle Binswanger schwerer durchblickt, weil sie allerhand selbstgestrickte Ansichten und Anekdoten einbaut. Dafür berücksichtigt Horx, wie unser Liebesleben zunehmend vom Wirtschaftsdenken bestimmt wird: Selbstpräsentation, Attraktivitätshierarchien, Verführungshysterie, zwanghafte Optimierung bei der Partnerwahl – alles Gift für die Liebe.

Echte Leidenschaft kommt, wenn sie kommt, immer überraschend, als «revolutionäre Energie», welche die (klein-)bürgerliche Ordnung sprengen kann. Darin sind sich Binswanger und Horx, Frau und Mann, einig. Ist auch nicht schwer, sich biologischen Tatsachen zu stellen. Der Rest ist Kommunikation. Hier liegt der grosse Unterschied.

Wer seine Vorurteile über männliches und weibliches Schreiben pflegen will, ist mit einem Vergleich der beiden Bücher bestens bedient. Matthias Horx schreibt zupackend, sachorientiert, auf der Basis von Fachliteratur. Michèle Binswanger schreibt diffus, gefühlsbasiert, auf der Basis von Gesprächen mit anderen Frauen. Muss man mögen.

«Die verschiedenen Beziehungsmodelle» will Binswanger im ersten Kapitel vorstellen. Modelle? Systematisierung ist nicht ihr Ding; dazu ist sie viel zu temperamentvoll. Sie kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Vom «allgegenwärtigen Trieb» des Mannes kommt sie zum Rattenexperiment, von der Ratte zum Besuch des US-Präsidenten Calvin Coolidge auf einer Hühnerfarm, vom promiskuitiven Hahn zu Fremdgehern wie Tiger Woods und ... und bereits auf Seite 27 meldet sich bei mir die Lust, aus der Beziehung zu diesem Buch auszusteigen. Rein subjektiv. Aber das ist die Autorin auch.

Was auf den 250 Seiten methodisch abgeht, ist eine Kopulation von Angelesenem und Ausgedachtem. Berühmte Fremdgeherinnen wie Alma Mahler werden ebenso zu Rate gezogen wie «die Klatschspalten der Hochglanzmagazine». Geht alles. Man muss sich nur trauen.

Wessen Geistes Kind ein Autor ist, verraten seine privaten Spekulationen. Horx lässt sich gar nicht erst darauf ein. Die kühne Michèle Binswanger schon. Frage: Warum reden Frauen so wenig über ihre Lust auf Sex? Binswanger: «Es mag daran liegen, dass sie weder Eier noch einen Penis zwischen ihren Beinen haben.»

Frage: Wie fühlten Frauen im 19. Jahrhundert? Binswanger: «Die bürgerlichen Damen des vorletzten Jahrhunderts wähnten sich schon gefährlich nahe an der sexuellen Raserei, wenn das Höschen bereits beim Lesen eines Romans feucht wurde.»

Frage: Wie erleben junge Frauen heute ihre Sexualität? Antwort: «Frauen bekommen erst ab Mitte 30 eine Ahnung davon, dass es beim Sex um mehr gehen könnte als darum, den sie zwanghaft bespringenden Mann ruhigzustellen.»

Erstaunlicher Befund. Nachfrage: Bis Mitte 30 besteht Sex für moderne Frauen also darin, den sie zwanghaft bespringenden Mann ruhigzustellen? Binswanger ist Mitte vierzig. Sie muss es wissen. Keine weiteren Fragen.

Die Binswanger-Sätze sind so lustig, dass man sie immerzu zitieren möchte. Auch diesen: «Mit Sex stärkte der Frühmensch den Zusammenhalt, minimierte Konflikte und sorgte auch noch für das Überleben der Gattung. Aus alldem hat sich unsere Fähigkeit entwickelt, Netzwerke zu formen und aufrechtzuerhalten und Beziehungen zu formen.»

Welche Beziehungen der Spätmensch heutzutage zu formen imstande ist, liest man bei Matthias Horx. Da gibt es weiterhin die gute alte animalische Geilheit und andererseits «die Rückkehr der Vernunftehe». Da sehen wir im Internet das Überangebot potenzieller Partner und können uns wie im Supermarkt gar nicht mehr entscheiden. Und falls doch, dann nörgeln wir lebenslang am Partner herum, weil es immer noch was Besseres gibt. Verachtung ist laut Horx der schlimmste Beziehungskiller; Humor das beste Verständigungsmittel.

Urban Diva

Es gibt nichts, was es nicht gibt. Die transgenerative Liebe (was ist das?). Die hyperenergetische Chaosfamilie (kennt man). Liquid Love. Bigender. Cisgender. Alles. Und alles nicht einfach. Da suchen Superfrauen so lange nach dem Supermann, bis sie keiner mehr will, weil sie zu alt sind. Da gibt es den Typus der «Urban Diva», die keine Männer mehr braucht. Und da gibt es eine Frau, die einen Stein heiratete. Sicher ist sicher.

Mit Horx das Tal der Irrungen und Wirrungen durchschreitend, lernt man die Brüder und Schwestern im fernen Japan besser zu verstehen: Im Land des Lächelns geben über 40 Prozent aller Paare an, keinen Sex zu haben; in der Altersgruppe über 40 sind es fast 50 Prozent.

So schlimm muss es nicht kommen. Grundmodell unserer derzeitigen Partnerkultur ist bei Horx wie bei Binswanger die «serielle Monogamie», will heissen: Im Laufe unseres Lebens haben wir mehrere Partner – hintereinander, und jedem sind wir (möglichst) treu. Also: Experimentierphase bis 30 Jahre mit wechselnden Leuten, dann feste Partnerschaft bis um die 50, dann zweiter Partner, dann neuer Alterspartner.

Ein anderes Modell lebte uns der beliebte Meteorologe Jörg Kachelmann vor. Er hatte mehrere Frauen gleichzeitig in verschiedenen Städten. Das erwies sich jedoch als logistisch sehr aufwendig. Und verschweigenstechnisch nicht machbar. Dann lieber von vornherein alles sagen?

Tatsächlich ist ein drittes Modell im Kommen: Man betrügt einander im gegenseitigen Einverständnis, voller Freude am Glück des anderen. «Polyamorie» heisst dieser Trend. Matthias Horx glaubt nicht so recht an die selbstlose Mitfreude bei der Seitenspringerei. Michèle Binswanger, allem Neuen aufgeschlossen, hypt den Trend schon eher.

Rohes Fleisch

Mariella heisst ihre polyamoröse Vorzeigefrau. Hier ein Schwank aus Mariellas bewegtem Leben: «Ein Jahr später verliebte sie sich zum ersten Mal und verbrachte mit ihrem Freund ganze Wochenenden im Bett, bis ihre Scheide wund war und sein Penis eher einem Stück rohen Fleisches glich. Das hielt sie aber nicht davon ab, gelegentlich auch mit anderen Männern zu schlafen.» Klingt nach Splatterfilm. Chacun à son goût.

Da darf man froh und dankbar sein, was Matthias Horx uns voraussagt: «Auch in Zukunft bleiben wir im Bann der prekären Monogamie. Die Treue ist ständig bedroht – und gerade deshalb bleibt man sich meistens treu. In den Übergängen des Lebens jedoch, den Pausen der Orientierung, wird Polyamorie ein anerkanntes Modell bilden. Aber eben nur auf Zeit.»

Die quirlige Michèle Binswanger ist irgendwie auf Dauer in einer «Pause der Orientierung». Und das ist gut so. Ihr sexuelles Ermunterungsbuch steht quer zum öden Backlash dieser Tage. In einer Zeit, wo auf Youtube und bei Instagram jede Menge junger Frauen jede Menge zuckersüsser Cupcakes backen, kann es nicht schaden, an die dunkle Macht des Sex zu erinnern.

Lust auf Lust

Matthias Horx entdeckt in «Future Love», wie sich Liebe, Sex und Familie in Zukunft abspielen könnten. Michèle Binswanger entdeckt in «Fremdgehen», was Frauen schon seit Jahrzehnten entdecken: ihre weibliche Sexualität und die verflixte Lust auf einen fremden Mann.

Michèle Binswanger, das macht sie so nett, ist emotional auf dem Stand von Tristan und Isolde: Trieblust kontra Treueideal. Ihr Geschlechterbild ist einfach: hier Frau, dort Mann, und Sex im Alter gibt es nicht. Horx, das macht ihn spannend, ist auf dem neuesten Stand der Wissenschaft und des Zeitgeistes.

Gute Chancen, in Talkshows eingeladen zu werden, haben sie beide. Horx, weil er einen Sinn für schräge Beziehungsmodelle hat. Binswanger, weil sie eine Frau ist, die Frauen Lust auf Lust machen will. Hat was.

Michèle Binswanger: «Fremdgehen. Ein Handbuch für Frauen». Ullstein Paperback 2017. 256 S., ca. Fr. 21.–. Ab 11. August im Buchhandel.

Matthias Horx: «Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie». Deutsche Verlags-Anstalt 2017. 336 S., ca. Fr. 29.–.

Eva Illouz: «Der Konsum der Romantik: Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus.» Suhrkamp Taschenbuch 2007. 343 S., ca. Fr. 24.–.

James Salter: «Charisma. Sämtliche Stories». Beziehungsgeschichten. Mit einem Vorwort von John Banville. Berlin Verlag 2016. 368 S., ca. Fr. 31.–. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.08.2017, 13:41 Uhr

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