«Ich habe Freunde, die sind Rassisten»

Krimiautor Donald Ray Pollock hat 30 Jahre in einer Fabrik in Ohio gearbeitet – einer der Swing States, die Trump zum Sieg verholfen haben.

«Wir haben in Ohio so viele Fabrikjobs verloren, gut bezahlte Arbeit»: Donald Ray Pollock am Freitag auf Lesetour in Zürich. Foto: Sabina Bobst

«Wir haben in Ohio so viele Fabrikjobs verloren, gut bezahlte Arbeit»: Donald Ray Pollock am Freitag auf Lesetour in Zürich. Foto: Sabina Bobst

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Wie war Ihre Reaktion auf die Wahl?
Ich war schockiert, ich bin es noch immer. Als Erstes musste ich die Tränen meiner Frau trocknen. Es hat mich einfach überrumpelt, als ich hörte, dass Trump gewinnt, und alle diese Leute nicht recht hatten, die so zuversichtlich waren, dass Hillary Clinton siegen wird.

Ohio stimmte zweimal für Obama, nun holte sich Donald Trump den umkämpften Gliedstaat im industriellen «rust belt».
Das hat mich weniger überrascht. In den letzten paar Wochen vor der Wahl verstärkte sich mein Gefühl, dass Trump in Ohio gewinnen wird. Ich bin etwa 500 Kilometer durch den State gefahren, hinauf zum Lake Erie und wieder runter, und auf jedes Hillary-Schild kamen zwanzig Trump-Schilder. Auf dem Land wählen längst nicht alle republikanisch. Es ist eher ein Verhältnis von 60 zu 40. Aber nun haben offenbar viele weisse Männer ihre Stimme eingelegt, die vermutlich noch nie abgestimmt haben.

Warum?
Es ist weniger so, dass die Leute über einen amtierenden Präsidenten wütend sind, als darüber, dass sich nie etwas zu bewegen scheint, dass nie etwas unternommen wird. Wenn man immer wieder hört, dass der Kongress blockiert ist, stimmt man irgendwann für Trump.

Ist die Vorstellung von abgehängten weissen Arbeitern im Industriegürtel eine Realität?
Es ist eine Realität. Wir haben so viele Fabrikjobs verloren, gut bezahlte Arbeit, die nach Übersee verlegt wurde. Ohne College-Abschluss ist die Chance sehr klein, dass man einen anständigen Job bekommt. Man arbeitet also für neun, zehn Dollar pro Stunde. So wird es schier unmöglich, eine Familie zu unterhalten. Ich habe die Highschool geschmissen und Anfang der 70er-Jahre angefangen, in einer Papierfabrik zu arbeiten. Das war damals ein anständiger Job, guter Lohn, gute Sozialleistungen. Damals haben dort rund 6500 Leute gearbeitet. Heute sind es noch 900. Neue Leute werden kaum noch angestellt. So entsteht viel Wut, man sucht einen Schuldigen, es gibt Rassismus.

Neue Leute werden kaum noch angestellt. So entsteht viel Wut, man sucht einen Schuldigen, es gibt Rassismus.Donald Ray Pollock

Ist Rassismus weitverbreitet?
Ich habe Freunde, die sind Rassisten. Normalerweise reden wir nicht darüber, aber sie sind es. In Columbus, der Hauptstadt von Ohio, gibt es drei oder vier Morde pro Woche. Aber da diese Morde unter Schwarzen geschehen, sind sie nicht besonders wichtig; die Leute denken: Solange die in ihrem Viertel bleiben, muss man sich nicht kümmern.

Was geschieht, wenn Sie Ihren Freunden Kontra geben?
Es gibt lauten Streit, und danach ist die Beziehung zerstört. Nichts, was ich sage, lässt sie ihre Meinung ändern. Und nichts, was sie sagen, führt dazu, dass ich meine Meinung ändere. Ich habe am Ende für Hillary Clinton gestimmt, obwohl ich eigentlich Bernie Sanders die Daumen gedrückt hatte.

J. D. Vance, der auch in Ohio aufgewachsen ist, hat in seinem viel zitierten Buch «Hillbilly Elegy» beschrieben, wie arme Weisse ein Gefühl der Scham verspüren, wenn sie die vorbildliche Obama-Familie am Fernsehen sehen. Trifft das zu?
Ich bin sicher, dass es viele Leute gibt, die sich so fühlen. Sie trinken zu viel, sie rauchen zu viel, sie füttern ihre Kinder mit Fast Food, sie bringen sich nicht ein in das Leben ihrer Kinder. Dieses Gefühl ist Scham, und manchmal ist es auch Neid. Nur schon, weil die anderen besser angezogen sind.

Aber ist es nicht auch sehr amerikanisch, das Abenteuer zu wählen? Und dass man sich nicht vorschreiben lassen will, was man seinen Kindern zu essen geben soll?
Auch richtig. Wir sind ja angeblich ein Volk von Individualisten. Jeder für sich, solche Sachen. Viele Leute drückten mit ihrer Trump-Stimme den Wunsch aus, das Land zu erschüttern, indem sie einen Verrückten wählen.

Im Sinne von: Wenn ers richtet, ist es gut. Und wenn nicht, dann brennt er wenigstens alles nieder.
Klar, vielleicht ist es ihnen auch wirklich einfach egal. Viele Arme in den USA sind ja dagegen, dass die Steuern für Reiche erhöht werden. Wir reden hier von Leuten, die Mühe haben, überhaupt über die Runden zu kommen. Sie sind zwischen 50 und 60, aber sie klammern sich noch immer an die Hoffnung, dass sie eines Tages reich sein werden. Und dann wollen sie sicher nicht hohe Steuern zahlen. Für mich ist das fast die Definition von Verzweiflung: Man arbeitet seit 25 Jahren im Walmart und glaubt immer noch, man könnte ein Donald Trump werden. Es ist merkwürdig, wie die Leute denken.

Für mich ist das fast die Definition von Verzweiflung: Man arbeitet seit 25 Jahren im Walmart und glaubt immer noch, man könnte ein Donald Trump werden. Es ist merkwürdig, wie die Leute denken.Donald Ray Pollock

Und wieso sie für einen Milliardär stimmen, der in einem dreistöckigen Penthouse wohnt.
Seine Versammlungen haben gezeigt, wie gut er darin ist, Leute anzustacheln. Er sagte: «Ich bin ein unglaublich kluger Mann. Ihr seid nicht so klug wie ich. Aber ihr müsst euch deswegen nicht schlecht fühlen.» Wer ausser Trump hätte so etwas sagen können? Er hat ein Schamgefühl angezapft und auch die Wut der Menschen darüber, wo sie selbst angelangt sind. Und er wiegelte seine Anhänger auf. Wenn jemand gegen ihn protestierte, rief er: «Werft ihn raus!» Die Leute hätten ihn sowieso gern rauswerfen wollen. Aber Trump gab ihnen die Erlaubnis, es tatsächlich zu tun.

Ist er als Figur der Stärke auch ein Angriff gegen eine als verweichlicht wahrgenommene Gesellschaft, die keine Kohlenhydrate mehr isst und melodramatisch gegen «Mikroaggressionen» vorgeht?
Das ist durchaus möglich. Wenn die Leute nun auf Facebook schreiben, das Ende der Welt sei gekommen, und dabei fast zu weinen anfangen – das ist schon beinahe die Zurschaustellung genau dieser Schwäche. Deren Gegenteil ist mit Donald Trump in Erscheinung getreten.

Muss man seinen Sexismus in diesem Zusammenhang sehen?
Er nannte es ja «locker room talk», nachdem man das Tape ausgestrahlt hatte, in dem er darüber sprach, wie er Frauen begrapscht. Ich kann bis zu einem gewissen Grad verstehen, dass man so schmutzig redet. In der Papierfabrik wurden viele unverschämte Dinge unter Jungs gesagt. Einige denken dann: Dieser Trump gefällt mir, er denkt wie wir.

Was kommt auf uns zu?
Ich finde, das Schlimmste an Trump ist, dass er so ein Angeber ist. Ich mochte solche Leute noch nie, denn ich wurde so erzogen, dass man nicht prahlt. Und er hat offensichtlich kein Konzept davon, wie der Staat funktioniert. Vermutlich denkt er, dass er der Oberboss sein wird. Aber so funktioniert es nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2016, 17:49 Uhr

Donald Ray Pollock

Gefeierter Krimiautor

Pollock wurde 1954 in Knockemstiff, Ohio, geboren. Heute lebt er mit seiner Frau in Chillicothe in der Nähe von Columbus. Der eifrige Leser arbeitete 32 Jahre in derselben Papierfabrik, in der schon sein Vater angestellt war. Mit 50 holte er ein Englischstudium an der Ohio State University nach und veröffentlichte den Kurzgeschichtenband «Knockemstiff». 2011 erschien sein Debüt «The Devil All the Time», ein Hillbilly-Krimi mit unvergesslichen (und unvergesslich brutalen) Figuren. Sein neuester Roman, «The Heavenly Table», ist kürzlich auch auf Deutsch erschienen («Die himmlische Tafel», Liebeskind 2016, ca. 25 Fr.). (blu)

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