Krasses Staatsversagen

Maurice Philip Remys «Der Fall Gurlitt»: Spannende Lektüre und eine scharfe Kritik.

Vereinsamt und beraubt. Peter Rühring spielt in der Fernsehdokumentation Cornelius Gurlitt.

Vereinsamt und beraubt. Peter Rühring spielt in der Fernsehdokumentation Cornelius Gurlitt. Bild: SRF

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Mit einer gross angelegten biografischen Recherche tritt der Münchner Dokumentarfilmer und Buchautor Maurice Philip Remy gegen die deutschen Behörden und Medien an, die Gurlitts Kunstsammlung entdeckten und den achtzigjährigen Cornelius Gurlitt (1932–2014) als Steuerhinterzieher und Raubkunsthändler brandmarkten.

Auf 600 Seiten zeichnet «Der Fall Gurlitt» minutiös das Leben und Wirken von Cornelius’ Vater Hildebrand Gurlitt (1895–1956) nach, der die rund 1500 Kunstwerke umfassende Sammlung zusammengetragen hatte, die dann im Februar 2012 als sogenannter «Schwabinger Kunstfund» dem deutschen Zoll in die Hände fiel.

Remy stellt sich voll und ganz auf die Seite der Gurlitt-Familie und untermauert mit unzähligen Fakten, von denen viele bis heute unbekannt waren, seine These, dass die Beschlagnahmung der Bilder genauso zu Unrecht erfolgte wie schon die Kriminalisierung Cornelius Gurlitts, weil er im September 2010 aus der Schweiz kommend 9000 Euro auf sich trug.

Kritisch gegenüber den Nazis

Hildebrand Gurlitt wuchs als Sohn des berühmten Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt (1850–1938) in Dresden auf, diente als Soldat im Ersten Weltkrieg und promovierte 1924 als Kunsthistoriker. In zahlreichen Dokumenten zeigt Remy auf, dass Hildebrand Gurlittt in den Zwanzigerjahren zu den politischen Extremen auf der Rechten und der Linken deutlich auf Distanz ging und sich insbesondere immer wieder kritisch gegenüber den Nationalsozialisten äusserte.

Nicht zuletzt wegen seines berühmten Vaters wurde Hildebrand Gurlitt 1925 der erste Museumsdirektor in der sächsischen Stadt Zwickau, wo er eine provinzielle, eher kunstgewerblich orientierte Sammlung in kürzester Zeit auf Vordermann brachte und zu einem modernen Museum machte. Aber schon 1930 musste er zurücktreten. Er war der erste Museumsdirektor, der dem nationalsozialistischen Druck weichen musste.

Gurlitt fand 1931 als Direktor der Hamburger Kunsthalle eine neue Stelle, wo er sich für die deutsche Moderne einsetzen konnte. Dieses Engagement fand 1933 ein Ende, weil die Nazis nun auch in Hamburg Front gegen den Verfechter der Moderne machten.

Dem Museumsdirektor blieb, wie Remy nachweist, nichts anderes, als sich mit Kunsthandel, der von Gurlitt sogenannten «Kunstschieberei», über Wasser zu halten. Während die «entartete Kunst» in den Museen und staatlichen Einrichtungen nicht mehr ausgestellt werden durfte und schliesslich vom Ministerium für Volksaufklärung und Reichspropaganda in allen Museen beschlagnahmt wurde, war der private Handel mit dieser «Kunstware» nach wie vor möglich.

Hildebrand Gurlitt war in diesem Bereich mit Erfolg tätig, selbst dann noch, als er mit den Nazis Kunsthandel betrieb und Käufer – unter anderem in der Schweiz – für die verfemte Kunst des deutschen Expressionismus fand. Er vermittelte Franz Marcs «Tierschicksale» nach Basel ans Kunstmuseum, nicht ohne sich stattliche Provisionen sowohl beim Verkäufer als auch beim Käufer abzuzweigen.

Hohe Provisionen

Zum Grossverdiener wurde er, als man ihn 1943 zum Haupteinkäufer für das geplante Führermuseum in Linz ernannte. Er kaufte in grossen Mengen Kunst zusammen, die aus Museen stammte oder Juden entwendet wurde. Auch hier zweigte er sich hohe Provisionen ab oder konstruierte Scheinverkäufe, um Steuern zu sparen.

Bei der Unzahl an Bildern, die im Laufe der Jahre durch die Hände des Kunsthändlers gingen, erstaunt es Remy nicht, dass auch Hildebrand Gurlitt Raubkunst kaufte, weiterverkaufte, mit Provisionen vermittelte und für sich selbst aufbewahrte. Remy ist vielmehr darüber erstaunt, wie wenig Raubkunst sich in dem «Schwabinger Kunstfund» auffinden liess.

Eine Art Überreaktion

Nach nun bald vierjähriger, millionenteurer Provenienzforschung haben sich unter den 1500 Kunstwerken nur sechs Bilder gefunden, die eindeutig als Raubkunst identifiziert wurden und restituiert werden mussten. Bei fünf der sechs Bilder war freilich schon nach der ersten Durchsicht der Bilder klar, dass es sich um Raubkunst handelt. Die staatlich besoldeten Provenienzforscher hätten, so Remy, keine neuen Erkenntnisse geliefert.

Für ihn ist es diese relativ kleine Zahl an Raubkunstwerken innerhalb des riesigen Konvoluts, die den ganzen Aufwand der Kunstpolizisten und Kunstexperten Deutschlands fraglich, ja absolut unprofessionell und unangemessen erscheinen lassen.

In einer Art Überreaktion, so Remy, hätten der deutsche Staat und die deutschen Medien die Raubkunstthese hochgepusht, aus einer Mücke einen Elefanten gemacht und dabei erst noch das Leben eines unbescholtenen Bürgers, wie er den im Mai 2014 verstorbenen Cornelius Gurlitt bezeichnet, ruiniert. Remy belässt es nicht nur bei diesem Vorwurf, er unterstellt der deutschen Politik auch, mit Gurlitt von den vielen Raubkunstwerken abzulenken, die nach wie vor in den staatlichen Museen Deutschlands hingen und nicht restituiert würden.

Auch das Kunstmuseum Bern bekommt sein Fett weg. Es habe nicht einmal gedankt für das grossartige Erbe, das ihm von Cornelius Gurlitt vermacht worden sei. Der Vertrag mit Deutschland sei typisch schweizerische Rosinenpickerei, die alle Probleme und Kosten bei den Deutschen ansiedle – aber eben auch die Deutungshoheit über die Bilder aus der Hand gebe –, während man in Bern nur die eindeutigen Fälle haben wolle.

Maurice Philip Remy: «Der Fall Gurlitt», Europa Verlag, München, ca. Fr. 51.90 (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.11.2017, 10:01 Uhr

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