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Mal heiter, mal elegisch nimmt Martin Meyer Abschied: Vom Bleisatz, vom Playboy und von der Askese.

Als das Automobil noch ein Symbol des Fortschritts war: Blick auf ein Armaturenbrett der Fünfzigerjahre.

Als das Automobil noch ein Symbol des Fortschritts war: Blick auf ein Armaturenbrett der Fünfzigerjahre. Bild: Keystone

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Martin Meyer, der frühere Feuilleton-Chef der Neuen Zürcher Zeitung, hat eine Sammlung von 86 Prosaminiaturen herausgebracht, Feuilletons im eigentlichen Sinn des Wortes. Er beschäftigt sich darin mit Phänomenen, die er selbst bewusst erlebt oder beobachtet hat, die es heute aber so nicht mehr gibt oder die doch wenigstens ihren Zenit überschritten haben. Sein Buch handelt unter anderem vom Grammofon, von James Bond, von der «Suhrkampkultur», vom «Grossen Brockhaus», von der Barbie-Puppe und von der Schönschrift.

Der Verdacht, dass hier ein unverbesserlicher Nostalgiker am Werk ist, liegt zunächst einmal nahe, doch die denkfaule Klage, wonach früher alles besser gewesen sei, würde man Meyer, Jahrgang 1951, nach der Lektüre nicht einmal dann unterstellen, wenn er sich im Vorwort nicht ausdrücklich davon distanziert hätte: Ein Verkäufer von Klischees ist er nicht.

Vielleicht verhält es sich ja so: Martin Meyers Geburt, Kindheit, Jugend, Studentenzeit und Arbeitsleben fielen in eine Epoche, in der vieles immer besser wurde. Erscheinen uns die Jahrzehnte, die auf den Zweiten Weltkrieg folgten, im Rückblick nicht wie die goldene Zeit des Westens? Auch das stimmt so pauschal gesagt natürlich nicht: Was den Ängstlichen von heute Klimawandel oder islamistischer Extremismus sein mögen, waren den Furchtsamen von damals das Waldsterben oder die drohende atomare Apokalypse.

James Bond als Rebell

Das soll nicht bedeuten, dass Ängste immer und überall unberechtigt wären. Zum Fürchten ist ja einiges auf der Welt. Das war naturgemäss auch früher nicht anders: Die Berliner Mauer kommt bei Meyer ebenso vor wie das Attentat auf John F. Kennedy, und der Fall des Mörders Deubelbeiss erinnert uns daran, dass das Böse auch im regionalen, vertrauten Kontext lauern kann. Die Conditio humana bleibt, was sie immer war, im Grossen wie im Kleinen. Kein Anlass zur Nostalgie also, wohl aber einer, um zurückzublicken.

Von allen Bedrohungen unbeschadet, scheint Meyer in behüteten Verhältnissen aufgewachsten zu sein. Jugendliche Rebellionen nahmen bei ihm offenbar nie Formen an, die die herrschenden Verhältnisse infrage gestellt hätten. Es blieb alles im Rahmen: Der Aufstand gegen die Erwachsenenwelt konnte darin bestehen, dass man Comics lass, jene Schundliteratur, deren Besitz und Lektüre von Eltern und Lehrern strengstens geahndet wurde. Oder dass man sich für James Bond begeisterte, den Agenten Ihrer Majestät. «Es war der Aufbruch: Revolution als Stil», schreibt Meyer über Bond. «Gegen den Mief der hiesigen Fünfzigerjahre, gegen Agatha Christie und Edgar Wallace, gegen alle möglichen Sittenwächter, gegen Vollkornbrot, den VW Käfer und den Opel Rekord, gegen Ferien in den Bergen, gegen die Kommunisten, gegen Adenauer und Mende, gegen Rimuss und Asbach Uralt, gegen dicke Sofas, gegen Hölderlin, gegen Grenzen.»

Dass längst nicht jede Veränderung zu bedauern ist, lehrt ein Blick auf das «Ideal der Askese». Dass dieses mittlerweile nur noch in Nischen existieren dürfte, scheint Meyer, der als Katholik im zwinglianischen Zürich aufwuchs, kaum zu stören. Es verschwand «das schlechte Gewissen, das damals zu den Errungenschaften abendländisch-christlicher Erziehung gehören musste» und «oft fast herrisch in den Gesichtern Einsitz nahm», bemerkt er.

Ein möglicher Schlüsselsatz zu Meyers Leben und Werk findet sich ausgerechnet in einem Kapitel über Playboys. Einen Sportwagen sowie die Kurven der Corniche zwischen Monte Carlo und Cap Ferrat malt Meyer sich darin aus, um mit einer durchaus sarkastischen Bemerkung zu schliessen: «Wer später als Gymnasiallehrer, als Beamter für Migrationsfragen oder als Innenarchitekt für Pflegeheime landete, tat gut daran, solche Bilder aus seiner Erinnerung zu löschen.» Meyer selbst hat aus diesem Dilemma einen Ausweg gefunden. Nicht, dass er selber ein Playboy geworden wäre, wie frivole Gemüter nun scherzen mögen, vielmehr fand er einen Beruf, der seriös, aber gleichzeitig leidlich amüsant war, ein bisschen glamourös, aber doch auch einigermassen solide: Er wurde Journalist und wählte damit eine bürgerliche Existenz, die trotz allem nicht in nervtötender Routine zu erstarren drohte.

«Allen ging es gut»

Und wenigstens was die wirtschaftlichen Voraussetzungen des Journalismus anging, mag die Rede von der guten alten Zeit ja zutreffen. «Allen ging es gut. Den Verlagen, den Autoren, den Zeitungen, den Journalisten ging es gut», erinnert sich Meyer an einen Besuch auf der Frankfurter Buchmesse.

Redaktor der NZZ, das war 1974, als Martin Meyer dort anfing, noch eine Lebensstellung. Dass er sich in diese publizistische Zitadelle des freisinnigen Zürich bestens einfügte, ist anzunehmen: Herkunft und Habitus weisen ihn als bürgerlichen Menschen aus. Von seinem Lebensalter ausgehend, könnte man Meyer für einen Achtundsechziger halten, doch hielt er zu diesen stets Distanz. Einige mögen darin eine bequeme Affirmation der herrschenden Verhältnisse sehen, doch könnte man ihm neben Mut zum Einzelgängertum auch Hellsichtigkeit attestieren. Abrechnungen mit den Achtundsechzigern dürften dieses Jahr jubiläumsbedingt in grosser Zahl erfolgen, auch und gerade von denen, die es damals besonders bunt getrieben haben und nun glauben, sich von sich selbst distanzieren zu müssen.

Meyer, der es damals schon besser wusste, gibt heute nicht den Besserwisser, und das ist ihm hoch anzurechnen. Eher blickt er ein wenig amüsiert auf den Karneval zurück, den die satten Revolutionäre auch in Zürich veranstalteten. Einer seiner Helden in jener Zeit war sicher Hermann Lübbe, der Philosoph, der seit 1971 in Zürich lehrte, ein deutscher Sozialdemokrat, der nun unversehens als Konservativer galt. «Ein paar Grossmäuler sassen sich durch die Seminare, sagten Revolutionäres, als hätten sie Buchstabenketten verspeist, rochen nach Zwiebeln und maulten mitunter», spottet Meyer. «Lübbe blieb gleichmässig freundlich, was eine ziemliche Leistung war.» Dann folgt ein Bekenntnis, vielleicht der Schlüssel zu Meyers Weltanschauung: «Lübbe wurde für mich zum Inbegriff der Einwilligung in das Bestehende unter der Voraussetzung seiner westlich-urbanen, verantwortungsvoll-freiheitlichen Lebensarten.» Mittendrin und doch nicht so ganz dabei, so stellt man sich Meyer als Student vor.

Raddatz auf der Leiter

Diese Position behielt er als Journalist bei, und dies wohl nicht nur, weil er als Schweizer dem deutschen Kulturbetrieb zumindest nicht als Vollmitglied angehörte: Man tritt Meyer wohl nicht zu nahe, wenn man vermutet, politisch sei er oft konservativer gewesen als das Feuilleton, das er verantwortete.

Für einen Journalisten ist die Beobachterposition natürlich nicht die schlechteste Voraussetzung. Sie gibt ihm eine gewisse Freiheit – und damit auch eine gewisse Überlegenheit: Glänzend, wie Meyer sich auf besagter Frankfurter Buchmesse über die pfauenhafte Eitelkeit seiner deutschen Kollegen amüsiert, etwa über Fritz J. Raddatz, den Feuilleton-Chef der Zeit: «Er hatte auf einer Bibliotheksleiter Platz genommen und schnäuzte sich laut und hässlich mitten in die Lesung, damit man ihn sehen und hören könne.» Dagegen sei Joachim Fest, der legendäre Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dagesessen «wie ein echter Preusse, geradezu steinern feierlich in der ganzen Haltung».

Wer etwas darüber erfahren will, wie sich die Arbeit eines Journalisten in den letzten fünf Jahrzehnten verändert hat, wird bei Meyer natürlich bestens bedient. Von den Zeiten des Bleisatzes berichtet er, als Zeitungsmachen noch buchstäblich Handwerk war – und von einem Erlebnis mit dem Philosophen Hans-Georg Gadamer. Mitte der Achtzigerjahre hatte Gadamer, damals schon hochbetagt, der NZZ einen Beitrag versprochen. Dieser blieb zunächst aus, worauf «in der Wochenendausgabe ein gähnendes Loch klaffte». Schliesslich schrieb Gadamer das Stück doch noch – auf dem Flug nach New York. Dort wechselte das Manuskript die Maschine, um nach Zürich zu gelangen, wo es gerade noch rechtzeitig ankam. Auch ohne Internet, so könnte man daraus schliessen, war das Leben eines Redaktors nicht zwingend weniger nervenaufreibend.

Merkel auf dem Gipfel

Wenn es denn ein Gebiet gibt, auf dem Meyer eindeutig einen Wandel zum Schlechteren feststellt, ist es wohl jenes des Stils. Dessen Niedergang meint er etwa bei der Handschrift und in der Herrenmode auszumachen – und auch im Auftreten gewisser Politikerinnen. «Niemanden würde es mehr überraschen, wenn Frau Merkel mit dem Rucksack zum nächsten Gipfel käme», schreibt er, wobei das Problem darin besteht, dass mit dem Gipfel in diesem Fall kein Berggipfel gemeint ist.

Meyer, der Liberale, ist auch ein Konservativer, doch kein bornierter: Neuerungen werden erst einmal skeptisch betrachtet, doch wenn sie sich als Bereicherung erweisen, können sie durchaus ins eigene Leben integriert werden: Dies gilt in seinem Fall etwa für Fernsehserien wie «Homeland», für das iPhone oder eine Drohne, mit deren Hilfe er sich selbst von oben aufnimmt.

«Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen», sagte man schon in der Antike. Zumindest daran wird sich wohl nie etwas ändern.

Martin Meyer: «Gerade gestern. Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten». Hanser-Verlag, München 2018, 320 Seiten, ca. Fr. 30.–

(Basler Zeitung)

Erstellt: 11.03.2018, 09:37 Uhr

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