Tiefschneepisten aus Koks

Krimi der Woche: Wild, wüst und witzig ist «Fuck You Very Much», der Thriller eines wahrscheinlich britischen Autors, der sich hinter dem Pseudonym Aidan Truhen versteckt.

Aidan Truhen ist ein Pseudonym. Man weiss bisher nicht, wer dahintersteckt. Da sein Roman in einem englischen Verlag erschienen ist und der Autor von einer englischen Agentur vertreten wird, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er ein Brite ist.

Aidan Truhen ist ein Pseudonym. Man weiss bisher nicht, wer dahintersteckt. Da sein Roman in einem englischen Verlag erschienen ist und der Autor von einer englischen Agentur vertreten wird, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er ein Brite ist.

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Der erste Satz
Das hier bin ich, bevor alles losgeht.

Das Buch
«Fuck You Very Much» ist ein ziemlich deftiger Buchtitel, und der Inhalt entspricht dem durchaus. Im Original heisst der Roman von Aidan Truhen – ein Pseudonym – zwar «The Price You Pay», und da die Hauptfigur Price heisst, ist das zumindest doppeldeutig, doch der Titel der deutschen Ausgabe passt gut, denn «Fuck you very much» sagt der Icherzähler immer wieder.

Jack Price bezeichnet sich selbst als «Businessplan auf zwei Beinen». Er war Kaffeehändler, heute handelt er mit Koks. Dank den digitalen Errungenschaften muss er sich damit die Hände nicht schmutzig machen. Kauf, Marketing, Verkauf, Kasse, Auslieferung – alles ist auf digitale Weise organisiert, die Ware selbst kommt gar nie in die Nähe von Price.

Doch eines Tages muss er feststellen, dass die Seven Demons auf ihn angesetzt sind, die tödlichste Mietkillerorganisation. Für sein «kriminelles Sozialprestige» sei das «schon ein ziemlicher Boost», findet Price, und er sieht auch Chancen für sich: «Präsidenten umbringen können sie prima, Konzerne erpressen sie perfekt, und Staatsstreiche und Putsche in kriminellen Organisationen erledigen sie mit links. Aber ich bin nichts davon. Ich muss niemanden schützen ausser mich selbst.» Und so beginnt er, einen nach dem anderen der glorreichen Sieben abzuservieren. Diese schnappen sich reihenweise Bekannte von Price, doch das bringt nichts, da dieser zu niemandem eine emotionale Bindung hat. Zu fast niemandem jedenfalls.

Es geht rasant voran in diesem Thriller, auch wenn der Icherzähler ein egomanes Grossmaul ist: «Bei meinem Abgang wird es Jammern und Zähneklappern geben. Das wird ein Fest. Mit Unmengen von Angst und Peinlichkeit und Tiefschneepisten aus Koks. Ich werde wie Hendrix und Che auf T-Shirts gedruckt werden. Rockbands werden sich nach mir benennen, und das Mädchen, das deiner Mama in ihren Albträumen als Schwiegertochter erscheint, wird sich meine Visage auf ihren süssen prallen Pfirsicharsch stechen lassen. Das ist wahre Unsterblichkeit: Generationen von Pornostars, Strippern, Emos, Hipsterhasen und Rockrebellen werden auf den Knien um Tätowiernadeln betteln, nur damit sie mein Geist auf den Hintern küsst und sie von der Tinte mit meiner Seele drin berührt werden.»

So geht das rotzfrech und voller Spott und Häme ziemlich atemlos über 350 Seiten. Und der Autor schafft es, dass einen der Tonfall seines Helden nicht zu nerven beginnt; er versteht es, den Leser, trotz aller Abstrusität der Handlung, emotional mit Price mitzunehmen. «Fuck You Very Much» ist ein sehr wilder, wüster und aussergewöhnlicher Thriller, ebenso abseitig wie witzig.

Die Wertung

Der Autor
Aidan Truhen ist ein Pseudonym. Man weiss bisher nicht, wer dahintersteckt. Da sein Roman in einem englischen Verlag erschienen ist und der Autor von einer englischen Agentur vertreten wird, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er ein Brite ist. Auf der Website der Agentur findet sich eine Selbstbeschreibung, die übersetzt ungefähr so lautet: «Ich komme aus einem Ort, der einst ein Fischerdorf war, und jetzt ist es die Kreuzung eines Golfplatzes und einer Konservenfabrik. Ich gehe nicht freiwillig dorthin zurück, wie auch sonst keiner, der nicht ein Golfenthusiast ohne Geruchssinn ist. Das nennt man jetzt Fortschritt, und den will ich nicht. Ich trinke kein Bier oder Randensaft und esse kein Joghurt, weil mein Körper ein Tempel ist und dieser Scheiss dich umbringt. Weisst du, wer ihnen das aufschwatzt? Arschlöcher, die Golf spielen und deren Nase nicht funktioniert. Das Kind meines Bruders hat mir letztes Jahr zu Weihnachten eine Drohne gekauft, und ich habe mich bedankt, und dann bin ich damit nach draussen gegangen und habe sie direkt in die scheussliche, rassistische Weihnachtsbeleuchtung meines Nachbarn gerammt und die Cops gerufen und ihnen gesagt, dass er in seinem Keller Rohrbomben baut. Ich bin ein schrecklicher Mensch. Was Bücher angeht, habe ich nur eines geschrieben, und es heisst ‹The Price You Pay›. Es wird aber noch mehr geben, also sollten Sie sparen. Das oder irgendwo hinziehen, wo keine Bücher verkauft werden. Ihre Entscheidung.»


Aidan Truhen: «Fuck You Very Much» (Original: «The Price You Pay», Serpent’s Tail, London 2018). Aus dem Englischen von Sven Koch und Andrea Stumpf. Suhrkamp. Berlin 2018. 350 S., ca. 20 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 09:55 Uhr

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